Reflexzonentherapie: Mehr als Entspannung?

Die Behandlung erfolgt meist als Reflexzonenmassage. Anhänger schwören darauf. Doch wissenschaftliche Belege, dass die Reflexzonentherapie tatsächlich auf innere Organe wirkt, sind rar
von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 15.10.2016

Reflexzonentherapie am Fuß: Erdung für gestresste Patienten

Corbis/Creative

Mit gezielten Handgriffen von außen Organe wie Niere, Leber und Herz beeinflussen und Störungen tief im Inneren des Körpers beheben: Das klingt wie der erfüllte Traum von sanfter Medizin. Verfechter der Reflexzonentherapie berichten von derartigen Wirkungen. Schulmediziner zweifeln jedoch an der Methode. Und wissenschaftliche Beobachtungen derartiger Effekte sind rar gesät.

Hautzonen sollen innere Organe beeinflussen

Wer den Begriff Reflexzonentherapie hört, denkt vermutlich an eine besondere Fußmassage. Tatsächlich gibt es laut den Anhängern der Therapie aber nicht nur an den Fußsohlen Reflexzonen, sondern auch an vielen anderen Bereichen der Haut: Zum Beispiel am Rücken, am Schädel, an den Händen, an den Ohren und der Nase. Reflexzonen sollen in Wechselwirkung stehen mit inneren Organen. Am Rücken orientieren sich diese Zonen an einer anatomischen Gegebenheit, die der englische Neurologe Sir Henry Head zu Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt hat: Pro Wirbel entspringt ein Nervenpaar aus dem Rückenmark, die sogenannten Spinalnerven. Diese teilen sich auf in kleinere Nerven, welche sowohl zu bestimmten Hautzonen, Muskeln und Faszien als auch zu inneren Organen führen. Liegt nun im inneren Organ eine Störung vor, bilden sich – so die Theorie der Reflexzonentherapie – über Reflexe zum Beispiel in den dazugehörigen Muskeln Verspannungen. Wird nun der entsprechende Muskel massiert, kann das nach den Vorstellungen der Reflexzonentherapeuten die Funktion des jeweiligen Organs normalisieren.

Karte der Reflexzonen an der Fußsohle. Es gibt allerdings mehrere Versionen

W&B/Martina Ibelherr

Die Münchener Neurologin Dr. Ilonka Eisensehr ist skeptisch gegenüber dem Wirkmodell: "Selbst wenn durch die Massage eine solche gegenläufige Stimulation der Nervenfasern möglich ist, bleibt unklar, wie der Nervenimpuls die richtige Abzweigung zum Zielorgan findet." Und die Reflexzonen an den Füßen lassen sich gar nicht durch den Körperaufbau herleiten, sondern wurden durch Erfahrungswerte bestimmt.

Bisher gibt es außerdem kaum Studien, die sich mit messbaren Effekten der Reflexzonentherapie auf innere Organe befassen. Eines der wenigen Beispiele ist eine Innsbrucker Studie aus dem Jahr 1999, die mittels Ultraschall nach einer gezielten Massage an den Füßen eine veränderte Durchblutung der Nieren entdeckt hat. Andere Studien zur Reflexzonentherapie zeigten eher allgemeine Wirkungen. Zum Beispiel, dass sich Patienten besser entspannen konnten, weniger Schmerzen empfanden und sie sich weniger müde und ängstlich fühlten.

Fußreflexzonentherapie für mehr Schwung

Heilpraktikerin Meike Andersen aus Eckernförde sieht die Methode pragmatisch: "Bisher kennt man zwar nicht das Medium, über das die Wirkung erfolgt, aber ich sehe den Effekt." Sie beobachtet bei ihren Patienten gute Erfolge mit der Fußreflexzonentherapie. Die Behandlung setzt sie zum Beispiel bei Magen-Darm-Erkrankungen wie Darmträgheit und Verstopfung ein, sowie unterstützend bei Herz-Kreislauf-Krankheiten wie Herzinsuffizienz und Lungenerkrankungen wie Asthma, um Organe in ihrer Funktion zu stärken und anzuregen. "Patienten berichten mir zum Beispiel, dass die von ihrem Facharzt gemessenen Lungenfunktionswerte sich nach der Behandlung gebessert haben", sagt Andersen. Außerdem wendet sie die Therapie an, wenn Menschen schlecht schlafen können oder gestresst sind und zu Burnout tendieren. "Die Arbeit an den Füßen ist wie eine Erdung, man bringt die Menschen sozusagen zurück auf den Boden", erklärt Andersen. Auch zur Gesundheitsvorsorge könne eine Fußreflexzonentherapie sinnvoll sein, zum Beispiel um den Stoffwechsel anzuregen und im Frühjahr in Schwung zu kommen.

Selbstbehandlung mit Fußmassage

Mit den Jahren sammelt jeder Therapeut Erfahrungen und entwickelt seine eigene Behandlungsmethode. "Bei der Fußreflexzonentherapie besteht außerdem die Möglichkeit, den Patienten anzuleiten, welche Zonen er selbst massieren kann, zum Beispiel abends vor dem Fernseher", sagt Andersen. "Das hat unter anderem den positiven Effekt, dass der Patient sich wieder verstärkt dem eigenen Körper zuwendet."

Sogar Menschen, die sich nicht näher mit der Reflexzonentherapie beschäftigen möchten, empfiehlt Andersen, sich selbst öfter die Füße zu massieren: "Die Füße sind ja oft verspannt und die Gelenke steif, und sie werden wenig bewegt." Hier sorgt eine Massage für Ausgleich.

Reflexzonentherapie am Rücken

Die Kölner Physiotherapeutin Christel Flügge wendet die Reflexzonentherapie als Bindegewebsmassage am Rücken an, zum Beispiel bei Gallen- und Menstruationsbeschwerden. "Ein erfahrener Therapeut sieht, ob Zonen im Bereich der Muskeln, in der Haut, im Unterhautgewebe oder in den Faszien betroffen sind", sagt Flügge. Je nachdem verwendet sie verschiedene Griffe: Für das Haut- und Unterhautgewebe ziehende Striche, für Verspannungen oder Verklebungen im Muskel Kneten, Vibrationen oder sogenannte Querfriktionen.

Keine Behandlung bei Entzündungen

Leidet ein Patient an akuten Erkrankungen oder Entzündungen, sollte der Therapeut von einer Reflexzonentherapie absehen, bis er wieder gesund ist. Auch Verletzungen und Hautkrankheiten in der Körperzone, die behandelt werden soll, können ein Ausschlussgrund sein. "Weitere Gründe, um von einer Anwendung abzusehen, sind zum Beispiel Venenentzündungen oder eine Thromboseneigung im Bein", warnt Andersen. "Bei schwangeren Frauen sollten alle Bereiche ausgespart werden, die mit dem Hormonsystem in Verbindung stehen, um den Verlauf der Schwangerschaft nicht zu beeinflussen."

Außerdem kann eine unsachgemäße Rückenbehandlung das vegetative Nervensystem so stark aufwühlen, dass der Patient während der Behandlung durch den Blutdruckabfall ohnmächtig wird, warnt Flügge. Darüber sollte der Therapeut vorab aufklären und den Patienten anweisen, etwas zu sagen, wenn ihm komisch wird. "Dann steuert der Therapeut gegen, indem er einen bestimmten Ausgleichsstrich anwendet oder auch die Beine des Patienten hochlagert."

Krankenkassen zahlen nur wenig

Normalerweise müssen Patienten die Behandlung selbst bezahlen. Verordnet der Arzt eine Bindegewebsmassage, können Physiotherapeuten zwar eine Reflexzonentherapie abrechnen. "Eine Massage wird aber nur mit ungefähr neun Euro vergütet, deshalb rentiert sich eine 45-minütige Reflexzonenbehandlung für den Therapeuten kaum", führt Flügge aus. Daher müssen die Patienten auch in dem Fall üblicherweise die notwendige Zusatzzeit aus der eigenen Tasche erstatten.


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