{{suggest}}


Klonen für die Medizin

Das Kopieren von Säugetieren ist heikel. Doch es eröffnet auch Chancen auf Therapien für schwere, bislang unheilbare Krankheiten

von Dr. Achim G. Schneider, 28.02.2019
Affe

2018: Neue Ära. Im Januar des vergangenen Jahres präsentierten chinesische Forscher zwei kopierte Äffchen. Es gab dafür weltweit Kritik. Unter anderem, weil zum ersten Mal Primaten geklont wurden - zu denen auch wir Menschen gehören


Alles begann im Jahr 1902 mit einem Babyhaar. Hans Spemann nahm es von seinem Sohn, schlang es um einen zweizelligen Salamander-Embryo und zog die Schlinge zu. Auf diese Weise trennte er die beiden Zellen voneinander. Aus jeder entwickelte sich ein vollständiger Feuer­salamander. Mit dieser simplen Technik hatte Spemann auf künstlichem Weg zwei erbgleiche Lebewesen erzeugt. Er hatte sie geklont.

Doch der deutsche Mediziner und Zoologe hatte noch eine kühnere Idee: Er schlug vor, Tiere aus einer ihrer Körperzellen zu klonen und dazu ihren Zellkern in eine zuvor entkernte Eizelle zu übertragen. Dort würde eine Kopie des Kernspenders heranreifen, hoffte Spemann.

Von der Vision zur Realität

Seine Vision wurde Realität. 1996 klonten irische Forscher nach seiner Idee das erste Säugetier: Das Schaf Dolly. Es folgten zwei Dutzend weitere Arten, darunter Mäuse, Katzen, Hunde, Schweine, Pferde, Kühe und zuletzt Javaner-Affen (Bilder rechts). Das Verfahren trägt den sperrigen Namen somatischer Zellkerntransfer, ist aber auch als Dolly-Methode bekannt. Es lassen sich damit zahlreiche Kopien eines Tieres herstellen. Klonen wurde denn auch bereits zum Kommerz, einem Geschäftsmodell – in erster Linie außerhalb Europas. So ist es in den USA üblich, herausragende Zuchtbullen zu kopieren.

Kostenloser Download

Die Dolly-Methode: Das Klon-Verfahren am Beispiel eines Schafs

- Entkernen: Forscher isolieren aus einer Gewebezelle des Euters den Kern. Aus der Eizelle eines anderen Tiers entfernen sie wiederum den Kern

- Verpflanzen: Der Kern der Gewebezelle wird in die kernlose Eizelle übertragen

- Heranreifen: Aus dem Einzeller entwickelt sich ein Embryo

Therapeutisches Klonen
1996: Die Premiere. Schaf Dolly wurde vor 22 Jahren weltberühmt. Erstmals war es gelungen, aus den Zellen eines ausgewachsenen Säugetiers Nachwuchs zu klonen. Mit der damals entwickelten Technik wurden bis heute rund zwei Dutzend verschiedene Tierarten geklont

In China steht eine Fabrik, die Rinder, Rennpferde und Hunde in Serie klont. Zahlungskräftige Kunden können sich dort Ersatz für ihr Haustier bestellen. Ein Service, den weltweit ein paar Firmen anbieten.

Klonen für die Forschung

In Europa gibt man sich zurückhaltender. Hier klont man Tiere vor allem zu Forschungszwecken und erhofft sich neue medizinische Anwendungen. Genetisch einheitliche Tiere könnten zum Beispiel dazu beitragen, Medikamententests verlässlicher zu machen. Dadurch würde auch die Zahl der insgesamt benötigten Versuchstiere sinken.
 Doch Wissenschaftler klonen noch aus einem anderen Grund. "Mit der Dolly-Methode war es erstmals möglich, Großtiere auf einfache Weise genetisch zu verändern und damit menschliche Krankheiten zu simulieren", sagt Professor Eckhard Wolf, Inhaber des Lehrstuhls für Molekulare Tierzucht und Biotechnologie am Genzen­trum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort klont man vor allem Schweine.

Achtzeller: In diesem Stadium könnte noch aus jeder Zelle ein Mensch entstehen

"Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Fettleibigkeit und viele genetische Krankheiten lassen sich an diesen Tieren besser erforschen als an Mäusen." Denn Schweine sind uns Menschen ähnlicher – in der Größe, im Körperbau, im Stoffwechsel und in den Erbanlagen.
Die Dolly-Methode ist an Schweinen seit 2002 etabliert. Genetisch verändert werden dabei die Gewebezellen. "An ihnen überprüfen die Forscher, ob die Modifikation geklappt hat. Erst wenn dies der Fall ist, werden die Zellen ­­vermehrt und in eine zuvor entkernte Eizelle übertragen. Experte Wolf: "So benötigen wir viel weniger Tiere als früher." Die zum Klonen verwendeten Ei- und Gewebezellen stammen von geschlachteten Tieren.

Missi starb im Jahr 2002. Sein Besitzer konservierte einige Zelen und ließ sich fünf Jahre später Ersatz für seinen geliebten Vierbeiner klonen. Erst dann war die Technik reif dafür. Für einen fünfstelligen Betrag kann heutzutage jeder sein Haustier im Ausland klonen lassen

Arzneimtteltests

Profitieren von solchen Schweinemodellen könnten zum Beispiel irgendwann Menschen mit einer schweren vererbten Muskelschwäche, der sogenannten Duchenne-Muskeldystrophie. "Schweine haben den gleichen Defekt wie die betroffenen Menschen, und die Krankheit nimmt auch einen ähnlichen Verlauf", erläutert Wolf. Im Gegensatz etwa zu Mäusen, die kaum Anzeichen von Muskelschwäche zeigen. An den Schweinen sollen nun Wirkstoffe gegen die Krankheit erprobt werden. Bislang gibt es kein Mittel, das den verhängnisvollen Verlauf stoppen kann. Die meisten Patienten sterben im Alter zwischen 20 und 40 Jahren.

Wissenschaftler Wolf ist überzeugt: Großtiermodelle erhöhen die Gewissheit, dass neue Therapie-Prinzipien beim Menschen wirken und unvertretbar schädliche Effekte ausbleiben. Doch Forscher dürfen die Tiere nur dann klonen, wenn es keine unbedenklichere Alternative gibt. Wolf: "Bevor wir ein neues Tiermodell entwickeln, müssen wir das ethisch und wissenschaftlich rechtfertigen und von einer Behörde genehmigen lassen."

Affen klonen

Doch gibt es gute Gründe, sogar Affen zu klonen? Die chinesischen Forscher, denen das vor einem Jahr erstmals gelang, ernteten dafür weltweit heftige Kritik. Auf diese Weise erzeugte Tiere könnten jedoch dazu beitragen, "Erkrankungen des menschlichen Gehirns besser zu verstehen und langfristig vielleicht sogar zu heilen", kommentiert Professor Rüdiger Behr die Forschungsarbeiten in China. Er ist Leiter der Abteilung Degenerative Erkrankungen am Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen. Zu diesen Erkrankungen zählen etwa Morbus Parkinson und Alzheimer. Für Betroffene gibt es immer noch keine ursächlichen Therapien.

Andere Experten finden das Kopieren von Affen fragwürdig. Zum Beispiel Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Der Vorsitzende des Ethikrats argumentiert: "Diese Tiere stehen uns Menschen im Baum des Lebens recht nahe. Das ist eine andere Dimension, als Schafe oder Mäuse zu klonen."