Sich selbst vermessen: Was bringt das?

Gesundheits-Apps und Fitnesstracker liegen im Trend. Doch digitale Analysegeräte animieren nicht nur zum Sport – sie können auch die Therapie kranker Menschen unterstützen
von Christian Krumm, aktualisiert am 29.06.2017

Sensor am Handgelenk: Fitnesstracker können immer mehr

Getty Images/Hoxton/Ryan Lees

Was vor einigen Jahren mit simplen Schrittzählern begann, hat sich inzwischen zu einem gigantischen Markt für Fitness-Apps, Sportarmbänder, Smartwatches und Puls­uhren entwickelt. Moderne Geräte zählen nicht nur die beim Joggen zurückgelegte Entfernung mittels exakter GPS-Daten, sie analysieren auch die Herzfrequenz und ermitteln den ungefähren Kalorienverbrauch. Andere geben – dank leistungsstarker Bewegungssensoren – Hinweise auf den Schlafrhythmus.

Mehr und mehr solcher Sensoren werden entwickelt. Sie sollen zum Beispiel die Atemfrequenz oder die Schweißproduktion messen und sogar echte EKG-Daten liefern.

Wird das Körpergefühl beeinträchtigt?

Doch es melden sich auch kritische Stimmen zur Flut der Hightech-Messgeräte. Manche Experten befürchten, dass bei dem Rummel um Daten das Gefühl für den ­eigenen Körper auf der Strecke bleibt. Professor Stephan Jockenhövel, Forschungsleiter am Institut für Angewandte Medizintechnik an der Rheinisch-West­fälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen, hält nicht viel vom Selbstvermessungswahn im Freizeitbereich: "Übermonitoring wird unsere Lebensqualität nicht verbessern."

Zudem schwingt immer die Problematik des Datenschutzes mit. Nutzer geben allzu oft sensible Gesundheitsinformationen preis. Deutsche Datenschutzbehören attestieren Freizeittrackern und Smartwatches hier bislang schlechte Noten.

Gesundheits-Apps sind weit verbreitet

"Trotzdem kann man schon von einer Art Revolution sprechen", sagt Mark Grabfelder, Geschäftsführer der Deutschen Hochdruckliga. "Die Entwicklung lässt sich nicht mehr aufhalten. Wir müssen jetzt ein Auge darauf haben und entsprechend mitgestalten."

Die Deutsche Hochdruckliga plant daher, Gesundheits-Apps mit einem Prüfsiegel zu zertifizieren, um Patienten vor unseriösen Angeboten zu schützen. Denn das Interesse ist da. Kaum ein junger Mensch, der heute keine Gesundheits-App oder einen Fitnesstracker nutzt.

Zertifizierte Handy-Helfer geplant

Zahllose Gesundheits-Apps für das Smartphone buhlen um die Gunst der Nutzer. Sie unterstützen bei der Ernährung, motivieren zu mehr Bewegung oder erinnern an die Einnahme von Medikamenten. Zunehmend mehr Apps protokollieren außerdem die Werte, die sie – häufig drahtlos – von speziellen Aktivitätstrackern, Körperanalysewaagen, Blutdruck- und Fiebermessgeräten empfangen.

 

Viele Nutzer können die gesammelten Daten aber nicht auswerten – und vor allem ohne die Beratung durch einen Arzt oder Apotheker nicht richtig ­interpretieren. Auch das Thema ­Datenschutz wird oft nicht aus­reichend beachtet.

 

Die Deutsche Hochdruckliga plant daher eine Zertifizierung solcher Gesundheits-Apps, indem sie die Handy-Anwendungen von Betroffenen, Fachärzten, Datenschützern und Medizinanwälten prüfen lassen will.

 

Eine Reihe von Kriterien haben die Apps dabei zu erfüllen. Sie müssen auf aktuellen medizinischen Leit­linien basieren und ihre Inhalte ­aktualisieren. Die Produktbeschreibungen müssen verständlich sein und die beworbenen Eigenschaften aufweisen. Ein Blick ins Impressum sollte Hinweise auf den Anbieter geben. Zudem gilt es, umfang­reichen datenschutzrechtlichen ­­Anforderungen zu genügen.


Und schließlich könnten die tragbaren Mini-Geräte, die sogenannten Wearables (von englisch "to wear" = tragen), im Medizinbereich tatsächlich Wichtiges leisten: zum Beispiel Herzkranken helfen oder Babys vor dem plötzlichen Kindstod retten.

Mini-Blutdruckmesser im Ohr

Professor Wilhelm Stork vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) arbeitet an drahtlosen EKG-Sensoren, die – anders als gängige Systeme in der Arztpraxis – auch ohne Kontaktgel dauerhaft funk­tionieren. "Der EKG-Gurt liefert bereits recht verlässliche Daten", sagt er.

Schwieriger gestalte sich die Entwicklung eines manschettenfreien Blutdrucksensors. Dafür haben die Wissenschaftler aber ein spannendes Konzept: "Unsere Grundidee ist es, die herkömmliche Messung zu miniaturisieren und vom Oberarm in den Gehörgang zu verlagern. Dort befinden sich auch feine Blutgefäße, die über einen Drucksensor abgehört werden können", erklärt Stork. Bluthochdruckleiden könnten so frühzeitig erkannt und behandelt werden. Grabfelder schränkt allerdings ein: "Bisher sind Werte nur in sitzender Posi­tion und in Ruhe aussagekräftig."

Textiltechnik: Schaltkreise für Sensoren werden eingewebt oder aufgestickt

W&B/Dominik Asbach

Doch vor allem mit einer Schwierigkeit haben die Entwickler zu tun: Ein zertifiziertes Medizinprodukt auf den Markt zu bringen ist mit hohen recht­­lichen Hürden und enormen Kosten verbunden. Dennoch läuft die Forschung an Wear­ables in vielen Bereichen auf Hochtouren.

Kleidung, die mitdenkt

An der RWTH etwa tüftelt man an intelligenten Textilien. Die Sensortechnik wird dabei nicht nur eingenäht, sondern aufgedruckt oder – das Ziel der Zukunft – direkt in die Kleidung eingearbeitet. "Die Fasern sind rechtwinklig zueinander an­geordnet. An ihren Knotenpunkten berühren sie sich und bilden daher eine Art Schaltermatrix", erklärt Mediziner Jockenhövel, der die Forschungsabteilung für Tissue Engineering und Biomateria­lien leitet. Die Faser werde somit quasi selbst zu einem elektrischen Bauteil.

Auf diese Weise sollen Sensoren in Unterwäsche integriert werden, um den Flüssigkeitshaushalt des Körpers zu über­wachen. Jockenhövel: "Alte Menschen trinken oft zu wenig, weil ihnen das Durstgefühl fehlt." Die Folge seien etwa Verwirrtheitszustände. Mit der neuen Technik erhalten ­Senioren auf einem Armband ein Signal, wenn es Zeit ist, Wasser zu trinken. Andersherum könnten Herzpatienten vor zu viel Flüssigkeitsaufnahme gewarnt werden.

Eingesteckt: Die Sensoren finden in kleinsten Taschen Platz

W&B/Dominik Asbach

Intelligente Auflage heilt die Wunde besser

Ein weiteres Ziel der Aachener Forscher stellt die Entwicklung einer intelligenten Wundauflage dar. Sie soll fort­laufend Temperatur, Feuchtigkeit und pH-Wert chronischer Wunden überwachen und die Daten per Funk an das Pflegepersonal melden.

Dr. Cornelia Erfurt-Berge, Dermatologin am Wundzen­trum der Uniklinik Erlangen, begrüßt solche Innovationen: "Wir kennen zwar noch sehr wenige Details über Para­meter an chronischen Wunden, aber solche Systeme haben mit Sicherheit Zukunft." Es sei durchaus denkbar, dass unnötiger Verbandwechsel vermieden werde. Wunden heilen besser, was langfristig Kosten eindämmt.

Nächster Schritt: Automatische Behandlung

"Richtig spannend wird es, wenn im nächsten Schritt auch Aktorik dazukommt", sagt Jockenhövel. Der Mediziner meint damit eine automatische Zugabe von Arzneien, heilenden Gasen oder sogar therapeutisch wirksamer Lichtenergie. Sobald die Sensoren auf der Wunde bestimmte Werte melden, reagiert das System entsprechend.

Mit tragbarer Sensortechnik beschäftigt sich auch ein Projekt an der Universität Twente in Enschede (Niederlande). Dort will Ingenieur Dr. Bart Klaassen Schlaganfallpatienten zu schnelleren Fortschritten in der Reha verhelfen. Zwar profitieren Betroffene heutzutage von medizinischer Hilfe auf höchstem Niveau – doch sobald die Reha-Maßnahmen ambulant weitergeführt und die Termine mit dem Therapeuten ­seltener werden, gerät die positive Entwicklung oft ins Stocken.

Daten aus der Unterwäsche

Klaassen und sein Team haben 41 verschiedene Sensoren in thermoregulierende Sportunterwäsche integriert. Diese registrieren beispielsweise die Muskelkraft an allen wesentlichen Körperbereichen, Streckbewegungen am Rücken und an den Schultern oder den Druck auf Vorderfuß und Ferse. Weil die Sensoren eng am Körper anliegen, können Fehlmessungen weitgehend ausgeschlossen werden.

"Wir bekommen damit ein exaktes Bild der Bewegungen des Patienten", ­­erklärt Klaassen. Denn im Alltag verhalten sich viele ganz anders als im ­­klinischen Umfeld. Und so könnte der Therapeut beim nächsten Reha-Termin durch die Daten wertvolle Hinweise ­erhalten, wo er ansetzen muss, um die Behandlung zu optimieren. "Im Alltag vergessen die Patienten, betroffene Körperteile zu bewegen und zu trainieren", erläutert der Ingenieur.

Eng anliegend: Nur so liefern die Sensoren exakte Daten

W&B/Dominik Asbach

Die Anwendung ist auch eine Frage der Kosten

Diese Problematik bestätigt Claudia Pott, Physiotherapeutin aus Neuried bei München. Sie hält die Idee für eine wünschenswerte Entwicklung, da Bewegungsmessgeräte im praktischen Einsatz durchaus sinnvoll seien. Zugleich äußert sie aber auch Bedenken, dass die Spezial-Sportunterwäsche zu teuer sein könnte: "Die finanziellen Ressourcen in der Reha sind jetzt schon sehr begrenzt."

Das gesteht auch Ingenieur Klaassen ein. Zudem müsse die Datenflut von Therapeuten erst einmal ausgewertet werden können. Der Forscher schlägt daher vor, zunächst auf Armbänder oder Smartwatches als Überwachungssysteme zu setzen: "Damit lassen sich erste wichtige Daten registrieren. Bei Auffälligkeiten könnte der Patient dann einen Sensorenanzug erhalten."


Lesen Sie auch:

Frau misst ihren Puls

Wie sinnvoll sind Gesundheits-Apps? »

Puls, gegangene Schritte, Schlafverhalten usw. lassen sich auf dem Smartphone erfassen. Worauf Sie bei der Nutzung von Apps achten sollten »

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Spezials zum Thema

Gruppe trainiert

Sport: Gesund und fit in jedem Alter

Ob Joggen, Walken, Radfahren oder Schwimmen: Regelmäßiges Training hält fit, jung und aktiv. Lesen Sie, wie positiv sich Bewegung auf Ihre Gesundheit auswirkt »

Haben Sie Schlafprobleme?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages