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Leben retten als Job: Notfallsanitäter

Jens K. ist in seinem ersten Berufsjahr als Notfallsanitäter in Osnabrück tätig. Hier erzählt er, warum die richtigen Fragen Leben retten und ihn Zahnschmerzen manchmal ziemlich nerven

von Julia Rudorf, 07.05.2019
Rettungssanitäter Jens Kruse

"Auch mit Blaulicht rasen wir nicht mit hundert Sachen durch die Stadt", sagt Jens K. Er fährt etwa zehn Einsätze pro Schicht


Das Bild, das viele Menschen vom Rettungsdienst haben, hat mit meinem Arbeitsalltag wenig zu tun. Auch wenn das Blaulicht an ist, rasen wir nicht mit hundert Sachen durch die Stadt, sondern fahren höchstens sechzig. Angriffe im Dienst sind wirklich selten – im Verhältnis zu den vielen Einsätzen, die man fährt. Und so etwas Dramatisches wie ein Zugunglück passiert auch nicht häufig. Trotzdem heißt es: "Da sieht man ja ständig Verletzte, und dann das ganze Blut …" Kaum einer sagt mal: "Cool, was ihr da macht!" Da würde ich mir manchmal ein besseres Image wünschen. Als Notfallsanitäter hilft man Menschen. Rettungs-Rambos sind wir nicht.

Ich bin jetzt in meinem ersten Berufsjahr. Vorher war ich als Heilerziehungspfleger tätig. Ich habe mit gehörlosen Menschen mit einer zusätzlichen geistigen Behinderung gearbeitet. Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt schwer zu integrieren sind. Wer kann schon Gebärdensprache? Ich wurde aber immer unzufriedener. Es hat mich frus­triert, dass man kaum auf die Leute und ihre Bedürfnisse eingehen konnte.

Probeschicht beim Rettungsdienst

Nach sieben Jahren habe ich mir überlegt, noch mal etwas anderes zu machen und mich im Internet über den Rettungsdienst informiert. Das fand ich schon immer spannend. Online habe ich mir eine Bundestagsdebatte über das neue Notfallsanitätergesetz angesehen, anderthalb Stunden lang. Hinterher wusste ich, dass das der höchste nicht akademische medizinische Berufsabschluss im Rettungswesen ist.

Ich habe mich schlaugemacht, ob ich mal eine Schicht beim Rettungsdienst mitfahren kann. Damit ich weiß, ob das wirklich was für mich ist. Und das ging tatsächlich, direkt bei den Maltesern auf der Wache, wo ich jetzt auch arbeite. Ich durfte zwei Samstagsschichten mitfahren und war ziemlich begeistert. Obwohl es ja ein großer Schritt war, mit über 30 noch mal neu anzufangen. Trotzdem habe ich direkt meine Unterlagen abgegeben.

Die richtige Einsatztaktik

Drei Monate später war es so weit. An der Schule geht es um Krankheitsbilder, Anatomie. Aber auch um Recht, Qualitätsmanagement und Kommunikation. Etwa wie man Situationen deeskaliert. Oder was man macht, wenn die Polizei Auskünfte über den Zustand des Patienten will.

Einsatztaktik ist auch so ein Thema. Wo parkt man den Wagen bei einem Unfall? Was macht man, wenn man einen Patienten mit 140 Kilo aus dem siebten Stock transportieren muss? Dafür gibt es zum Beispiel verschiedene Hilfsmittel, damit man das zu zweit schafft.

Am meisten lernt man aber wahrscheinlich im Rettungsdienst selbst. Mein Praxisausbilder hat mir bei jedem Einsatz Tipps gegeben, was ich noch besser machen kann. Drei Tage nach der bestandenen Prüfung saß ich das erste Mal selbst als Not­­fallsanitäter im Wagen. Das macht natürlich schon einen Unterschied. Auf einmal ist man der Hauptverantwortliche und soll Entscheidungen treffen. Da muss man erst mal tief durchatmen.

Die Kunst der Anamnese

Jeder Einsatz, jeder Patient ist anders. Deshalb lernen auch diejenigen, die schon länger dabei sind, bei jeder Schicht dazu. Neulich hatten wir einen Patienten mit Kunstherz. Das war selbst für den Notarzt, der mit dabei war, relativ neu. Verdacht auf Schlaganfall oder Herzinfarkt steht dagegen auf der Tagesordnung.

Sanitäter im Rettungswagen

Doch gerade nach solchen Einsätzen muss man oft das eigene Verhalten hinterfragen. Zum Beispiel wenn ein Patient Brustschmerzen hat. Da denkt man schnell an einen Herzinfarkt und fragt vielleicht: "Sie haben ja Schmerzen in der Brust – dann tut’s doch im linken Arm auch weh, oder?" Man legt dem Patienten praktisch eine Antwort in den Mund. Und verfälscht damit die Anamnese. Deshalb muss man sich immer wieder fragen: Beschreibt der Patient gerade das, was er wirklich fühlt?

Gute Zeiten im Rettungswagen

Als Notfallsanitäter kann man Menschen helfen – aber das sind häufig eben nicht Extremsituationen. Regelmäßig geht es um ältere Menschen, die alleine zu Hause leben. Und sehr froh sind, dass jemand kommt und sie ins Krankenhaus bringt. Die Fahrt ist für sie dann manchmal eine richtig gute Zeit. Wir arbeiten im Rettungsdienst immer zu zweit und betreuen einen Patienten. In der Pflege sind die Bedingungen ganz andere: Da ist man alleine für viel mehr Pa­tienten zuständig.

Als Sanitäter hat man manchmal auch ein paar Minuten Zeit, um zu reden, einfach so. Um Kontakt zum Patienten aufzunehmen. Meine Lieblingsfrage ist, ob der Patient Fußballfan ist. Da kommt man in der Regel immer ins Gespräch. Frauen frage ich oft, ob sie Kinder oder Enkel haben. Was sie früher beruflich gemacht haben. Oder ob ihr Mann zu Hause auch noch nett zu ihnen ist.

Weniger angenehme Erlebnisse

Natürlich gibt es Situationen, die nicht so schön sind. In denen man merkt, dass der Rettungsdienst manch­mal auch der Besenwagen der Gesellschaft ist. Neulich haben wir einen jungen Mann ins Krankenhaus gebracht, der so schwer alkoholisiert war, dass er in den Wagen gepinkelt hat. Und zwar richtig viel. Aber gut, das kann man in der Wache wieder sauber machen.

Kein Verständnis habe ich dagegen, wenn wir gerufen werden und vor Ort stellt sich raus, dass der Patient die Beschwerden schon seit Wochen hat – aber keine Lust hatte, zum Arzt zu gehen. Neulich sind wir wegen Zahnschmerzen gerufen worden. Für so was könnte man am Wochenende eigentlich die 116 117 anrufen, den Bereitschaftsdienst. Aber das wissen offenbar immer noch wenige. Die 112 kennt dagegen jeder.

Bedeutungsvolle Einsätze

Einmal hatte ich einen Einsatz nachts um halb zwei. Ein Patient mit Psychosen. Da können wir vor Ort in der Regel wenig helfen. Aber in dem Fall haben wir uns etwas Zeit genommen und mit dem Patienten besprochen, was es jetzt für ihn für Möglichkeiten gibt. Dafür war er uns einfach nur dankbar. Und hat uns zum Abschied so eine kleine Bibel geschenkt. Das hat ihm offensichtlich viel bedeutet. Das war dann irgendwie ein guter Einsatz, bei dem man für den Moment ein gutes Gefühl hat.

Ein Lächeln oder Dankbarkeit, das kann ich vom Patienten nicht immer erwarten, klar. Mein letzter Patient, der hätte gar nicht lächeln können. Der hatte Pfefferspray ins Auge gekriegt. Aber wir wussten nach dem Einsatz trotzdem, dass es ihm durch unsere Arbeit besser geht. Für mich war die Entscheidung für den Notfallsanitäter deshalb auch genau der richtige Schritt.

Job-Profil

  • Berufsbild: Seit 2014 gibt es in Deutschland die Berufsbezeichnung Notfallsanitäter. Es ist der höchste nicht akademische medizinische Berufsabschluss im Rettungswesen.
  • Ausbildung: Sie dauert drei Jahre und umfasst 4600 Stunden Theorie und Praxis. Angeboten wird sie an den Rettungsdienstschulen der Hilfsorganisationen oder privater Anbieter.
  • Arbeitsplatz: Notfallsanitäter arbeiten bei Rettungs- und Kranken-transportdiensten, bei Blutspendediensten oder Feuerwehren. Je nach Arbeit­­geber, Tarifgebiet und Erfahrung kann das Gehalt zwischen rund 2100 und 3400 Euro liegen.