Was passiert beim Orgasmus im Körper?

Was geschieht auf dem Höhepunkt der sexuellen Erregung eigentlich genau? Und warum schlafen Männer so oft hinterher ein? Eine Sexualmedizinerin klärt auf
von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 18.12.2017

Höhepunkt der Lust: Jeder beschreibt den Orgasmus etwas anders

fotolia

Die US-amerikanischen Sexualwissenschaftler William Masters und Virginia Johnson waren die ersten, die das Liebesspiel in den 1960er-Jahren unter Laborbedingungen untersuchten. Sie stellten ein Vier-Phasen-Modell der sexuellen Erregung auf, das noch heute gültig ist. Demnach unterscheidet man Erregungsphase, Plateauphase, Orgasmusphase und Rückbildungsphase. "In den ersten beiden Phasen werden vor allem die Sexualhormone Testosteron und Östrogen vermehrt ausgeschüttet, der Botenstoff Vasopressin lässt Puls und Blutdruck ansteigen", erklärt Katharina Rohmert, Sexualmedizinerin bei Pro Familia in Darmstadt.

Testosteron hat bei beiden Geschlechtern eine erregende Wirkung. "Bei der Frau bewirkt die verstärkte Hormonproduktion das Feuchtwerden der Scheide, die stärkere Durchblutung des Beckenbodens und ein Aufrichten der Gebärmutter." Der Mann reagiert mit einer gesteigerten Durchblutung der Schwellkörper des Penis, was eine Erektion auslöst. Mit weiterer Erregung verstärkt sich die Muskelspannung, die Genitalien schwellen nochmals an und werden besonders empfänglich für Stimulation.

Zwei Pioniere der Sexforschung: Virginia Johnson und William Masters

Corbis/Bettmann

Keine klaren Gedanken möglich

Je näher der Höhepunkt rückt, desto weniger sind Menschen in der Lage, vernünftige Gedanken zu fassen oder kontrolliert zu handeln. Stress, Schmerzen, Ängste oder Aggressionen rücken in den Hintergrund. "Vor allem das Belohnungszentrum im Gehirn wird währenddessen aktiviert, Botenstoffe wie Dopamin und vor allem Oxytocin lösen ein tiefes Gefühl von Freude, Vertrauen und Zuversicht aus", sagt Katharina Rohmert. Allerdings gibt es kein eigenständiges Sexualzentrum im Kopf. Unterschiedliche Areale in Gehirn und Rückenmark spielen bei der Steuerung der Sexualreflexe eine Rolle. Der Orgasmus selbst äußert sich schließlich in rhythmischen, unwillkürlichen Muskelkontraktionen, die beim Mann zur Ejakulation führen.

Bei beiden Geschlechtern entlädt sich die sexuelle Spannung abrupt und sorgt für ein rauschartiges Gefühl, das im Durchschnitt zwischen drei und zwölf Sekunden bei Männern und bis zu 40 Sekunden lang bei Frauen anhält. "In der Rückbildungsphase sorgt dann unter anderem die Ausschüttung der Substanz Prolaktin für Befriedigung, Ruhe und Verbundenheit mit dem Partner", so die Sexualmedizinerin. Kein Grund übrigens, gekränkt zu reagieren, wenn Männer direkt nach dem Sex weg dösen: Sie reagieren auf die entspannende Wirkung von Prolaktin einfach besonders stark und brauchen eine längere Erholungsphase. Frauen hingegen können theoretisch sofort weitere Orgasmen haben.

Erlebt jeder den Höhepunkt gleich?

So wie das Schmerzempfinden von Mensch zu Mensch variiert, so existiert auch kein Standardorgasmus. "Jeder beschreibt sexuelle Befriedigung anders", bestätigt die Sexualmedizinerin. "Manche nehmen das rhythmische Zusammenziehen der Muskeln besonders stark wahr, bei anderen steht ein Kribbeln, Bibbern, Zucken oder ein wogendes, wellenartiges Gefühl im Vordergrund." Und obwohl es typische individuelle Erregungsmuster zu geben scheint, verändert sich auch das Lustempfinden jedes Einzelnen von Mal zu Mal. Je nach körperlicher Verfassung, Stresslevel oder Atmosphäre innerhalb der Beziehung kann ein Orgasmus an einem Tag besonders überwältigend ausfallen, während man bei anderer Gelegenheit nur leichte Reaktionen spürt.

Woran kann es liegen, wenn Menschen nicht zum Orgasmus kommen?

Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Zum einen körperliche Probleme wie Durchblutungsstörungen, Spätfolgen von Unterleibsoperationen oder lusthemmende Nebenwirkungen bestimmter Medikamente. "Auch eine Hormonstörung ist manchmal die Ursache für Orgasmusschwierigkeiten, zum Beispiel, wenn Frauen einen überhöhten Prolaktinspiegel oder sehr niedrige Testosteronwerte aufweisen", sagt Katharina Rohmert. Eine medizinische Abklärung ist also in jedem Fall wichtig, um die passende Therapie zu finden.

Viel häufiger kommt es allerdings vor, dass individuelle persönlichkeitsbezogene oder psychologische Aspekte das lustvolle Erleben unmöglich machen. "Manchmal hat sich die Libido komplett verabschiedet, weil die Beziehung auch auf anderen Ebenen nicht gut läuft", weiß die Expertin. "Und in der Paarberatung erlebe ich häufig, dass völlig überzogene Erwartungen mit dem Orgasmuserleben verknüpft sind." Frauen, die über den fehlenden Höhepunkt klagen, beschreiben auf Nachfrage durchaus lustvolle Empfindungen. Sie stellen sich aber unter einem Orgasmus offenbar eine so außergewöhnliche Erfahrung vor, dass die Realität sie enttäuscht.

"Zusätzlich haben Frauen meist weniger Erfahrungen mit der eigenen Erregbarkeit durch Selbstbefriedigung gesammelt als Männer", so Rohmert. Die beste Strategie heißt dann: gemeinsam experimentieren, spielerisch den Körper erkunden, sich ruhig auch mal im Erotik-Shop beraten lassen. Viele psychische Blockaden lassen sich auf diese Weise lösen.

Sexualmedizinerin Katharina Rohmert

W&B/Privat

Gibt es eine evolutionäre Erklärung für den weiblichen Orgasmus?

Bisher existieren nur Theorien. Manche Forscher gehen davon aus, dass das rhythmische Zusammenziehen der Gebärmutter die Spermien in den Muttermund hineinsaugt und so die Chancen auf eine Befruchtung erhöht. Andere halten die weibliche Orgasmusfähigkeit für eine Art Auswahlverfahren der Natur. Wer sich als einfühlsamer Liebhaber erweist, der die Frau bis zum Höhepunkt stimuliert, könnte auch ein besonders fürsorglicher Vater sein. Eine weitere Erklärung: Frauen, die Orgasmen erleben, haben ja anatomisch und physiologisch die gleichen Voraussetzungen wie Männer, da die Schwellkörper von Penis und Klitoris sich im Embryonalstadium aus dem gleichen Gewebe formen. Letztendlich bleibt der weibliche Lustgipfel aber ein Mysterium. "Wahrscheinlich soll dadurch einfach die Lust auf immer neue sexuelle Begegnungen erhalten werden", glaubt Rohmert.

Lässt sich das Empfinden steigern?

Untersuchungen haben gezeigt, was Frauen längst selbst wissen: Sie brauchen häufig zuerst einmal nicht-sexuelle Anregung in der Partnerschaft, vor allem Intimität, um sexuelles Verlangen entwickeln zu können. Zwar werden inzwischen diverse Präparate angeboten, die die Libido und den Orgasmus intensivieren sollen. Grundsätzlich sieht die Sexualmedizinerin die Gabe solcher meist unzureichend erprobter Medikamente aber kritisch: "Wir sollten eher darauf vertrauen, dass ein gesunder Körper das Potenzial hat, Orgasmen zu erleben. Die wichtigste Lustzentrale liegt sowieso in unserem Gehirn. Und wenn ich im Kopf keine Lust erzeugen kann, nützen auch künstliche Stimulanzien nichts."


Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Spezials zum Thema

Paar liegt im Bett und kuschelt

Sexualität: Lust auf die Liebe

Sex gilt als die schönste Nebensache der Welt. Die meisten Paare diskutieren offen über wichtige Themen wie Verhütung, Kinderwunsch, Orgasmus und Potenz »

Haben Sie Schlafprobleme?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages