Schnupfen: Forschung für freie Nasen

Bisher ist eine laufende Nase Schicksal, vorbeugen lässt sich kaum. Wissenschaftler wollen das ändern

von Christian Krumm, 07.12.2017

Taschentuchzeit: Im Herbst und Winter sind besonders viele Menschen erkältet


Nicht schlimm, aber ziemlich lästig: Schnupfen. Schenkt man Statistiken Glauben, haben Erwachsene hierzulande zwei- bis dreimal jährlich einen Erkältungsschnupfen. Erst fängt die Nase an zu laufen, nach kurzer Zeit sind die Schleimhäute geschwollen, das Atmen gelingt nur noch durch den Mund. Dazu gesellen sich mitunter Kopf- und Gliederschmerzen sowie ein zermürbendes Krankheitsgefühl.  

Vor allem für Männer, so zumindest das Klischee, kann eine Erkältung zum Martyrium werden. Von Frauen wird der sogenannte Männerschnupfen oft belächelt. Doch dass die erkälteten Vertreter des vermeintlich starken Geschlechts nicht grundlos jammern, ist inzwischen durch Untersuchungen belegt. Demnach liefern die Zellen von Frauen eine bessere Immunantwort und machen widerstandsfähiger gegen Viren. Der Grund für diesen Vorteil: die weiblichen Hormone

82 Prozent der Arbeitnehmer schleppen sich trotz Erkältung in die Firma –  und geben dort die ­Viren an die Kollegen weiter.

(Quelle: Stada Gesundheitsreport 2016)

Spritze für die Wirtschaft

Von einem wirksamen Mittel gegen laufende Nasen würden jedoch nicht nur Männer profitieren. Könnte man einer Erkältung vorbeugen, würde das auch der Wirtschaft zugutekommen. Mangelnde Konzentration und schlechtere Arbeitsergebnisse wegen Schnupfen wären passé. Entsprechende Krankschreibungszahlen würden abnehmen. Und es gäbe weniger Beschäftigte, die trotz Schniefnase im Büro erscheinen und ihre Viren an die Kollegen verteilen. Ein weitverbreitetes Phänomen, das Fachleute als Präsentismus bezeichnen und die Volkswirtschaft einen hohen Milliardenbetrag kostet. 

Doch die Forschung tut sich schwer mit dem Schnupfen. Ein Impfstoff etwa? Bisher nicht in Sicht. Viel zu viele verschiedene Erreger sind für eine Erkältung verantwortlich. Sie alle unterscheiden sich im Aufbau und mutieren sehr schnell, indem sie ihr Erbgut rasant verändern.

Risikogruppen schützen

Forscher um den Infektiologen Professor Martin Moore von der Emory-Universität in Atlanta (USA) haben die Herausforderung angenommen – und aus 50 Typen von Rhinoviren eine Mischung zusammengestellt, die als Impfstoff in frühen Versuchsstadien bereits eine Wirkung zeigte. Ob dieses Mittel tatsächlich auch bei Menschen eine Erkältung verhindern kann, werden aber erst weitere Tests belegen müssen. 

Moore geht es ohnehin nicht darum, den banalen Erkältungsschnupfen zu bekämpfen. Er will die Risikogruppen schützen, für die eine Atemwegsinfektion ernstere Folgen haben kann. "Für kleinere Kinder, für ältere Menschen und vor allem für Patienten mit Lungenerkrankungen wie Asthma oder COPD ist jeder Infekt der Atemwege besonders belastend", sagt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Professor Ludger Klimek, Leiter des Zentrums für Rhinologie und Allergologie in Wiesbaden. Bei schwer asthmakranken Kindern zum Beispiel könne jeder Schnupfen einen lebensbedroh­lichen Schub auslösen.

200 verschiedene Viren sind als Verursacher eines banalen Erkältungs-schnupfens bekannt. Mindestens. Die meisten zählen zur Gruppe der Rhinoviren.

200 verschiedene Viren sind als Verursacher eines banalen Erkältungsschnupfens bekannt. Mindestens. Die meisten zählen zur Gruppe
der Rhinoviren.

Der wunde Punkt der Viren

Solch gefährliche Folgen von Schnupfen will auch Professor Rudolf Valenta verhindern. Der Wiener Allergieforscher tüftelt ebenfalls an einer Impfung, verfolgt dabei allerdings eine andere Strategie als seine Kollegen aus den USA. Valenta vermutet, dass die menschliche Abwehr gegen die Viren womöglich fehlgeleitet ist und die Erreger an den falschen Stellen attackiert. Deshalb entwickelte der Experte ein Serum, mit dessen Hilfe das Abwehrsystem des Geimpften spezielle Antikörper bilden kann. Diese heften sich an die Hülle des Virus und machen es auf die Weise unschädlich. 

HNO-Mediziner Klimek lobt den Ansatz als Riesenfortschritt, will gleichzeitig aber vor zu viel Optimismus warnen: "Man wird damit sicher die häufigsten Erreger erwischen, aber nicht alle. Zudem werden die Schnupfenviren sich ständig neue Mechanismen einfallen lassen, um unser Immunsystem wieder auszutricksen."

Hinzu kommt: Obwohl die Entwicklungsarbeit auf Hochtouren läuft, werden Jahre vergehen, bis der Impfstoff auf dem Markt ist. Und auch dann würde eine einmalige Immunisierung wohl nicht genügen. Mindestens einmal jährlich müsste der Patient eine Spritze erhalten, um für die folgende Schnupfensaison geschützt zu sein.

Einen dritten Weg, um Erkältungen zu besiegen, gehen derzeit schottische Wissenschaftler. Sie arbeiten in Edinburgh an der Entwicklung bestimmter Peptide. Das sind miteinander verknüpfte Aminosäuren, die unter anderem bereits in der Krebsthera­pie angewandt werden und als sehr potente Arznei gelten.

Nur mit schlechtem Gewissen

Klimek erklärt die Idee dahinter: "Die Peptide sollen den Viren falsche Angriffsziele geben und sie so unschädlich machen." Erste Erfolge konnten die Schotten mit ihren Experimenten angeblich verbuchen.

Doch Klimek hat Bedenken bezüglich der Nebenwirkungen. Selbst Mittel mit wenigen unerwünschten Begleiterscheinungen könne er nicht guten Gewissens gegen banalen Schnupfen empfehlen. Zudem sei die Entwicklung von Peptiden sehr aufwendig, das Mittel wäre dann entsprechend teuer. Ob es sich lohnt, mehrere Hundert Euro für eine Arznei gegen Erkältung auszugeben, sei allerdings zweifelhaft. Bei gefährdeten Asthmatikern möge das möglicherweise gerechtfertigt sein, so der Experte. 

Trotz einiger interessanter Ansätze steht die Forschung in Sachen Schnupfen noch ziemlich am Anfang. Momentan bleibt nichts, als der laufenden Nase mit herkömmlichen Mitteln zu begegnen: Sprays, Taschentüchern, viel Zeit und Ruhe. 


Haben Sie Schlafprobleme?
Ergebnis