{{suggest}}


Medienkonsum: Im Sog der Katastrophen

Corona, Kriege und Krisen – Schlechte Nachrichten gibt es in diesen Zeiten reichlich in TV, Print und Internet. Wie verkraften wir das, wie wirken sich die Hiobsbotschaften auf unsere Gesundheit aus?

von Aglaja Adam, 10.09.2020
Covid-19 News-Update auf dem Smartphone

Nachrichten im Minutentakt: Digitale Medien machen es möglich. Aber ist das auch ratsam?


Frühjahr 2020, dramatische Szenen dominieren die Nachrichten. Menschen in italienischen Krankenhäusern an Beatmungsgeräten, Todesopfer, weinende Angehörige: Die Corona-Pandemie ist in Europa auf ihrem Höhepunkt. Per Fernsehen, Radio, Zeitung und über digitale Medien prasseln die Meldungen auf uns ein. "Viele haben in Zeiten von Smartphone und 24-Stunden-Erreichbarkeit im Minutentakt Nachrichten konsumiert, gelesen, gehört, geschaut", sagt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner, Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln.

Eine krank machende Mediennutzung, meint die Expertin: "Das Gehirn und der gesamte Körper geraten in einen dauerhaften Stresszustand." Bei schlechten Nachrichten laufen biologische Reaktionen ab, die das Gehirn koordiniert. Die beiden klassischen Stresshormone Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet. Alles im Körper ist in Alarmbereitschaft. "Wie bei einer konkreten Gefahrensituation will das Gehirn entscheiden: kämpfen oder fliehen", erläutert Urner.

Keine Flucht vor dem Fernseher

Doch der Flucht-oder-Kampf-Reflex läuft zu Hause vor dem Fernseher oder Computer ins Leere. Ein Mechanismus, der ursprünglich lebensrettend war, macht so auf Dauer krank. Urner: "Psychisch ist der permanente Konsum von schlechten Nachrichten sehr belastend. Er verursacht chronischen Stress. Gereiztheit, schlechter Schlaf bis hin zu Depressionen können die Folge sein."

Auch ohne Pandemie stehen Krisen, Katastrophen und Kriege in der Berichterstattung häufig im Vordergrund. "Wir sind offener für schlechte Nachrichten", sagt Martin Schröder, Soziologieprofessor an der Universität Marburg. Das ist wissenschaftlich belegt. Ein Forscherteam um den US- Kommunikationswissenschaftler Professor Stuart Soroka hat in 17 Ländern an 1200 Teilnehmern getestet, wie sich Katastrophenmeldungen körperlich auswirken. Die Hautleitfähigkeit, die mit der Aktivität der Schweißdrüsen zusammenhängt, sowie der Puls wurden gemessen. Ergebnis: Schlimme Neuigkeiten lösen deutlich mehr Körperreaktionen aus, wirken aufregender, bringen uns ins Schwitzen und werden häufiger geklickt und gelesen.

Das Bedürfnis, auf dem Laufenden zu bleiben, ist groß. Doch nicht immer haben die konsumierten Informationen einen direkten Bezug zum eigenen Alltag. "Wir denken fälschlicherweise, es hätte eine Relevanz für unser Leben, dass irgendwo ein Krieg angefangen hat oder ein Flugzeug abgestürzt ist", sagt Schröder. Das belastet psychisch. Der Blick auf das eigene Leben werde negativer, die Stimmung schlechter, bestätigt Neurowissenschaftlerin Urner.

Das belegte auch eine britische Studie, bei der den Probanden vor der Arbeit eine klassische Nachrichtensendung gezeigt wurde. Die Leistungsfähigkeit ließ nach, die eigenen Alltagssorgen wirkten größer als ohne vorherigen Nachrichtenkonsum.

Zugleich scheint die Informationsflut das Weltbild insgesamt negativ zu beeinflussen. So zeigt der sogenannte Ignoranztest der schwedischen Gapminder-Stiftung, dass viele Entwicklungen – wie etwa Kindersterblichkeit – in Umfragen deutlich schlechter eingeschätzt werden, als sie tatsächlich sind. "Die Einschätzung wird umso negativer, je weiter weg das Ereignis ist und je stärker die Menschen zur Beurteilung auf Massenmedien angewiesen sind", sagt Schröder.

Funke Turm mit der größten Newswall in Deutschland

Doch das Abschalten fällt vielen schwer. "Ein erster Schritt ist, sich zu überlegen, ob man gerade informiert werden möchte, über was man sich informieren will und wie", sagt Urner. Wichtig sei, Routinen zu entwickeln, um aus der Dauerbeschallung herauszukommen. Sich zum Beispiel jeden Abend auf eine Nachrichtensendung zu beschränken. "Denn wir merken oft nicht, wenn es zu viel wird, und das kann langfristig zu gelernter Hilflosigkeit führen", so die Expertin. Zu einem psychologischen Phänomen, bei dem das Gefühl überhandnimmt, man könne sowieso nichts ändern. Passivität und Ohnmacht sind die Folge.

Auf Medienhygiene achten

"Die Menschen sehnen sich aber danach, Antworten zu bekommen", sagt Urner. Gute Berichterstattung beginnt für sie deshalb damit, dass auch Lösungen aufgezeigt werden. Das sei bei längeren, einordnenden Beiträgen meist der Fall. "Kurznachrichten und Überschriften dagegen spitzen zu, kratzen an der Oberfläche, wühlen uns auf und lassen uns hilflos zurück." Für die eigene Medienhygiene empfiehlt die Expertin, sich zu überlegen, welche Nachrichtensendung, welche App, welcher Artikel einen wirklich weiterbringt.

Dass während der Corona-Krise das Informationsbedürfnis in die Höhe geschnellt ist, kam für Urner nicht überraschend: "Bei dieser Pandemie trafen drei Komponenten zu, die zum Handeln bewegen: Die Gefahr muss nah sein, Menschen müssen in Not geraten, und die Katastrophe muss zeitlich unmittelbar stattfinden."

Der Corona-Berichterstattung in den klassischen deutschen Nachrichtenmedien stellt sie ein gutes Zeugnis aus: "Die große Unsicherheit wurde transparent kommuniziert, es wurden aber auch Antworten gesucht." Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie der Westfälischen Wilhelms- Universität Münster. Kommunikationswissenschaftler haben rund 18 000 Beiträge von 78 Nachrichtenmedien ausgewertet, die von Januar bis März 2020 über den Social-Media-Kanal Facebook verbreitet wurden. Die Berichterstattung sei differenziert und von keiner systematischen Dramatisierung geprägt gewesen.

Besonders Kinder brauchen Begleitung in der Welt der Medien. Tipps unter www.kindergesundheit-info.de, Schlagwort: Mediennutzung