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Dümmer durch Digitalisierung?

Fluch oder Segen? Kritiker warnen, dass digitale Technologien die Intelligenz mindern. Richtig genutzt, könnten sie sie aber sogar steigern. Welche Möglichkeiten Lernforscher in den neuen Medien sehen

von Judith Blage, 11.11.2019
Handy zum Lernen

Ablenkung: Hirnforscher warnen, dass das Lernen mit griffbereitem Smartphone deutlich länger dauert


Ein Klassenzimmer in Tübingen. Kinder legen Legosteine auf einen interaktiven Tisch: Je nach Platzierung der Steine können sie verschiedene Klangabfolgen hören und Grafiken sehen. So erkunden die Schüler musikalische Gesetzmäßigkeiten mit den Händen – noch bevor sie Noten lesen lernen. "Kinder komponieren auf diese Art intuitiv und bekommen einen Zugang zur Musik, dervorher nicht möglich war", sagt Ulrike Cress, Direktorin des Leibniz-Instituts für Wissensmedien in Tübingen. Mitarbeiter des Instituts haben den Tisch entwickelt, noch befindet er sich in der Testphase.

Der Umgang mit neuen Medien ist entscheidend

"Der Mensch hat mit digitalen Medien die Möglichkeit, effizienter zu lernen. Wir können Vorgänge tiefer verstehen und einordnen", sagt die Bildungsforscherin. Das klingt erstaunlich, schließlich wird die Digitalisierung im Bildungsland Deutschland meist eher als Fluch denn als Segen beschrieben.

Der Wissenschaftler Manfred Spitzer beispielsweise prägte vor wenigen Jahren den Begriff "digitale Demenz" und mahnt, die Digitalisierung verursache Vergesslichkeit, Oberflächlichkeit und Vereinsamung. Untersuchungen zeigen tatsächlich gemischte Effekte der Nutzung von Computern in Schulen: Die Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung gab 2015 nach mehreren Untersuchungen an alle Mitgliedstaaten bekannt, dass Lernergebnisse durch digitale Medien nicht besser werden. Eine finnische Studie aus dem Jahr 2019 zeigt recht eindrücklich, dass schwache Schüler durch den Einsatz digitaler Medien im Unterricht noch schwächer werden - gute Schüler hingegen profitieren.

Potenzial richtig nutzen

Was also ist richtig? "Die Digitalisierung hat zwei Seiten", sagt Cress. Digitale Medien haben das Potenzial, unsere geistigen Fähigkeiten zu steigern. Aber wenn wir nicht lernen, sie richtig und vernünftig zu nutzen, können sie schaden – leider vor allem Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern. Denn die Voraussetzung für eine sinnvolle Nutzung ist die Selbststeuerungsfähigkeit und Zielgerichtetheit, die die Eltern vorgeben müssen.

Prüfungen meistern – ohne Handy

Der amerikanische Psychologe Adrian F. Ward machte in zwei Versuchen, die er 2017 mit Kollegen präsentierte, spannende Entdeckungen: Allein die Nähe des eigenen Smartphones reicht aus, dass Menschen bei Testfragen schlechter abschneiden. Liegt das Gerät in einem anderen Raum, denken Probanden klarer und antworten korrekter.

"Unser Gehirn ist nicht besonders multitaskingfähig", sagt Martin Korte. Der Braunschweiger Hirnforscher und Neurobiologe erforscht die Lernfähigkeit des menschlichen Gehirns. "Das Gehirn braucht eine gewisse Zeit, sich in eine Aufgabe hineinzudenken. Es bearbeitet eine Aufgabe nach der anderen." Wenn wir aber beispielsweise versuchen, einen komplexeren Text zu schreiben, und gleichzeitig das Smartphone daneben liegt, steht das Gehirn permanent unter Stress. "Unterschwellig warten wir darauf, dass etwas piepst. Die Nervenzellen feuern", so Korte. Das führe dazu, dass das Gehirn nur mit halber Kapazität für die eigentliche Aufgabe zur Verfügung stehe. "Wenn ich meinen Studenten klarmache, dass das Lernen mit Smartphone doppelt so lange dauert wie ohne, dann habe ich ihre Aufmerksamkeit."

Pro Tag 88 Mal das Handy gezückt

Betrachtet man das Nutzungsverhalten der Menschen, betrifft dieses Problem viele: In einer Bonner Studie sahen rund 60.000 Nutzer täglich im Durchschnitt 88 Mal auf ihr Handy – 53 Mal kurz, 35 Mal länger als einige Minuten. "Das bedeutet, dass die Leute viereinhalb Stunden täglich mit ihrem Handy beschäftigt sind, sehr junge Menschen noch länger", sagt Korte. "Das aber leider häufig zwischen oder während anderer Tätigkeiten, was die Konzentration stark mindert."

Ständig erreichbar, stets abgelenkt

Forscher des Bonner "Menthal Balance"-Projekts, die über eine App das Verhalten von 60 000 Smartphone-Nutzern beobachten, haben herausgefunden, dass jeder Nutzer 88-mal pro Tag das Smartphone einschaltet: 35-mal, um die Uhrzeit zu checken oder nachzuschauen, ob er eine neue Nachricht bekommen hat. 53-mal zum Surfen, Chatten oder um eine andere App zu nutzen. Alle 18 Minuten unterbrachen die freiwilligen Probanden der Studie ihre Tätigkeit, um online zu sein.

Muten wir unserem Gehirn auf Dauer diese doppelte Arbeitsbelastung zu, schüttet der Körper andauernd das Stresshormon Cortisol aus. "Nervenzellen können dauerhaft geschädigt werden, eine Art Burnout ist die Folge", betont Korte.

So gut, wie man sie nutzt

Dennoch hält Korte die Digitalisierung und die Nutzung von Computern im Unterricht für eine gute Sache: "Die Digitalisierung ist eine tolle Errungenschaft. Digitale Medien sind so gut, wie man sie nutzt." So legen Untersuchungen nahe, dass sich unsere Kompetenzen verändert haben, seitdem Smartphones auf dem Markt sind. "Seit etwa 2008 werden Menschen besser in visuellen und analytischen Fragestellungen, auch im logischen Denken", so der Hirnforscher. Studien zeigten aber auch, dass die Konzentrationsspanne seither gelitten hat und die Ausdrucksfähigkeit schlechter geworden ist. Allerdings ist der Zusammenhang nicht eindeutig belegt. "Forscher vermuten nur, dass diese Kompetenzverschiebung mit der Einführung des Smartphones zusammenhängt.

Nur starke Schüler profitieren

Die finnische Schulbehörde veröffentlichte 2019 eine Untersuchung, wonach die Leistungen von Schülern im Jahr 2015 schwächer waren als im Jahr 2012. Besonders ohnehin schwachen Schülern würde die vermehrte Nutzung von Computern noch mehr Probleme bereiten. Gute Schüler, die die Tablets lernorientiert nutzten, profitieren von den digitalen Medien.

Klar ist jedoch, dass wir aufgrund der Digitalisierung immer wieder Neues lernen
müssen – das ist gut für das Gehirn", sagt Korte. Dennoch wird deutlich, warum schwächere Schüler in der finnischen Studie mit der Nutzung digitaler Medien noch schlechtere Noten nach Hause bringen als sonst – und gute Schüler noch besser werden. "Die Nutzung digitaler Medien muss gut geplant, durchdacht und eingeschränkt werden. Schlechtere Ergebnisse kommen zwangsläufig dann zustande, wenn Schüler die Medien für alles Mögliche im Unterricht nutzen und zum Beispiel einfach daddeln können", sagt Korte. Auch in Finnland sei die Nutzung von Computern didaktisch noch nicht gut durchdacht.

Für mehr Bildungsgerechtigkeit

Ulrike Cress erforscht, wie digitale Lernmedien gestaltet sein müssen, und wünscht sich, dass es bald viel mehr digitale Lernmaterialien für Schulen und auch sinnvolle Leitfäden für den Umgang damit gibt. Aktuell habe die Thematik noch keinen Platz in der Lehrerausbildung. "Es reicht nicht, Tablets auszuteilen. Lehrer müssen geschult werden", sagt sie. Dann, so glaubt sie, seien die Möglichkeiten gigantisch.

Den richtigen Umgang lernen

Der Neurobiologe und Hirnforscher Martin Korte rät, den Umgang mit  dem Handy zu trainieren: "Es ist wirklich wichtig, sich selbst zu organisieren und den Konsum einzuschränken. Am besten, man setzt sich konkrete Zeiten, zu denen man auf dem Smartphone herumdaddelt oder E-Mails abruft. So hat das Gehirn Zeit, sich auf einzelne Aufgaben zu konzentrieren." Er selbst schaltet eine Abwesenheitsnotiz in sein E-Mail-Postfach: "In dringenden Fällen könnten die Leute anrufen – es ruft eigentlich nie einer an."

Der interaktive Tisch, mit dem die Kinder in Tübingen experimentieren, ermöglicht das Komponieren auf intuitive Weise. "In unserem Bildungssystem haben Kinder aus gebildeterem Elternhaus in Musik einen Vorteil, weil sie ein Instrument lernen dürfen und Noten lesen können", so Cress. "Der digitale Musiktisch zum Beispiel beseitigt Hürden und sorgt für mehr Bildungsgerechtigkeit."