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Schuppenflechte ganzheitlich behandeln

Schuppenflechte - Der Leidensdruck der Patienten ist oft hoch. Viele von ihnen erhalten keine passende Therapie

von Ute Essig, 22.10.2018

Unsere Haut ist wie ein Kokon. Sie schirmt uns ab, ist die Grenze zwischen innen und außen. In dieser Schutzhülle fühlen wir uns geborgen. Vielen Psoriasis-­Patienten fehlt dieses wichtige Gefühl.

Etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland leiden an der entzünd­lichen Hauterkrankung. Ihre Haut­zellen erneuern sich bis zu viermal schneller als bei gesunden Personen. Die Folge: dicke rote Stellen mit weißlichen Schuppen. Aus diesem Grund wird die Krankheit auch Schuppenflechte genannt.

Wie von einer Last befreit

"Schwer befallene Patienten verlieren oft täglich eine Handvoll Schuppen. Sie bleiben in den Kleidern hängen oder rieseln auf den Boden", sagt Dr. Clarissa Allmacher, Chefärztin der Psorisol-Klinik in Hersbruck. "Die ­­Patienten fühlen sich deshalb aus­gegrenzt und wie aussätzig." Dem­­entsprechend häufig leiden sie zusätzlich unter psychischen Problemen. Manche verlassen kaum das Haus, ziehen sich zurück, weil soziale Kontakte großen Stress bedeuten.

Die klassische Therapie einer ausgeprägten Schuppenflechte besteht hauptsächlich in der örtlichen Behandlung der Haut, zum Beispiel mit salicylsäurehaltigen Cremes, Salben und Solebädern. "Das hilft beim Abschuppen", sagt Allmacher. "Ist der Schuppenpanzer weg, fühlen sich die Patienten oft wie von einer Last befreit und können sich wieder freier bewegen."

Außerdem sei die Haut anschließend bereit für Lichtbehandlungen, zum Beispiel mit PUVA-Strahlen (siehe Foto oben). "Dabei wird sie mit Psoralen einge­cremt – einem Wirkstoff bestimmter Pflanzen – und dann bestrahlt. ­­Läsionen heilen schneller ab", erklärt Allmacher. Doch nicht bei allen Betroffenen funktioniert das.

Defizite in der Therapie

Experten sehen hauptsächlich bei der Versorgung von mittelschwer bis schwer betroffenen Patienten, die eine intensivere medikamentöse Therapie benötigen, große Defizite. "Noch immer erhalten zu wenige Patienten Systemtherapeutika", kritisiert etwa Professor Alexander Nast, Leiter der Hochschulambulanz an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité in Berlin.

Zu diesen Präparaten gehören etwa Methotrexat, Ciclosporin, Fumarate und auch die relativ neuen Biologika. Letztere enthalten Eiweißstoffe, die den natürlichen Antikörpern unseres Organismus gleichen. Die Mittel greifen direkt in das Entzündungsgeschehen in der Haut ein. Meist werden sie eingesetzt, wenn andere Behandlungen nicht wirken oder nicht infrage kommen.

Ärzte haben Regress-Ängste

"Wir haben in Deutschland etwa 300 000 mittelschwer bis schwer betroffene Schuppenflechte-Patienten. Nur etwa 30 000 von ihnen werden mit modernen Antikörpern behandelt", sagt auch Professor Kristian Reich, Dermatologe in Berlin. Dafür gebe es mehrere Gründe. "Die Behandlung von Kassenpatienten mit Psoriasis wird so schlecht vergütet, dass sie für die niedergelassenen Hautärzte völlig unwirtschaftlich ist", so Reich.

"Hinzu kommt, dass viele Dermatologen resignieren, weil sie trotz sachgerechter Versorgung teure Regresszahlungen fürchten, besonders im Süden", sagt Professor Matthias Augustin vom Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen von der Universität Hamburg.

Regionale Unterschiede bei Behandlung

Die Medikamente würden im Nordosten fast neunmal so häufig verordnet wie beispielsweise in  Baden-Württemberg. Der Grund: Rigide Wirtschaftlichkeitsprüfungen und regio­nale regulatorische Einschränkungen, die laut Augustin "weder medizinisch noch ethisch zu rechtfertigen sind. Es gibt sogar ‚Kassenmigranten‘, die zur Behandlung in ein anderes Bundesland fahren." Wie auch Alexander Nast und Kristian Reich fordert er, die Politik müsse aktiv werden.

Ganzheitlicher Therapieansatz

Die Experten sehen darüber hinaus auch beträchtliche Mängel in der ganzheitlichen Betreuung der Patienten. So steht Schuppenflechte mit weiteren Erkrankungen in Zusammenhang – neben Depressionen und anderen psychischen Leiden zum Beispiel mit Bluthochdruck und Gelenkentzündungen.

Laut einer dänischen Studie steigt die Wahrscheinlichkeit, an Psoriasis zu erkranken, vor allem mit zunehmendem Über­gewicht – um bis zu 81 Prozent. "Über­gewicht ­fördert Entzündungsreaktionen", bestätigt Expertin Allmacher. Zu einer ­idealen Versorgung gehört deshalb unter anderem auch ein Programm zur Gewichtsreduktion.

In Hersbruck versucht man, diesen Weg zu gehen. Ärztin Allmacher und ihr Team behandeln dort hauptsächlich Betroffene, die in der ambulanten Therapie keine nennenswerte Linderung ihrer Symptome erfahren haben.

Verbesserung der Lebensqualität

Der Ansatz ist ganzheitlich und soll helfen, den Lebensstil zu ändern und auslösende Faktoren wie Übergewicht und Alkoholkonsum zu kontrollieren. Stress­bewältigungstraining, psychologische Gespräche sowie Sport und Ernährungsberatung ergänzen die klassischen Psoriasis-Therapien.

Damit lässt sich die genetisch bedingte Krankheit zwar nicht heilen. Aber die Lebensqualität der Betroffenen verbessert sich häufig deutlich.

So entsteht Psoriasis

Sogenannte T-Zellen, die eigentlich Krankheitserreger ­bekämpfen, greifen pigmentbildende Zellen ­(Melanozyten) an. Die Haut entzündet sich und schuppt.


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