Die besten Therapiemethoden bei Prostatakrebs

Die Diagnose Prostatakrebs ist für jeden Patienten ein Schock. Doch die Heilungschancen stehen besser denn je

von Sonja Gibis, aktualisiert am 21.12.2016

Problemzone Unterleib: Prostatakrebs ist der häufigste Krebs bei Männern


Prostata – für viele Männer klingt das nur nach Problemen. Sie nehmen das kastaniengroße Drüsenorgan, das unter ihrer Blase die Harnröhre umschließt, erst wahr, wenn der Urologe etwas Auffälliges entdeckt. Nicht immer steckt eine gutartige Vergrößerung dahinter. Etwa 70 000 Männer in Deutschland erhalten derzeit jährlich die Diagnose: Prostatakrebs.

Die schockierende Nachricht trifft heute etwa dreimal so viele Patienten wie noch vor 30 Jahren. Der Hauptgrund: Dank verbesserter Früherkennung wird Prostatakrebs mittlerweile öfter entdeckt. In fast 80 Prozent der Fälle befindet sich die Krankheit dann noch in einem Stadium, in dem der Tumor auf das Organ beschränkt und die Chance auf Heilung hervorragend ist. Eigentlich genau das, was die Krebsfrüherkennung will. Doch die Prostata erweist sich auch hier als Problem-Organ. Es besteht die Gefahr der Übertherapie. Wird der Krebs früh entdeckt, lautet eine der Hauptfragen: operieren, bestrahlen – oder abwarten und überwachen lassen? Was im jeweiligen Fall die optimale Methode ist, können selbst Experten nicht sicher sagen.

Das Risiko für Prostatakrebs steigt mit dem Alter

Das Risiko der Übertherapie ist die Folge einer für den Patienten eigentlich erfreulichen Tatsache: Prostatakrebs wächst in der Regel eher langsam. Oft dauert es über ein Jahrzehnt, bis Beschwerden auftreten. In höherem Alter tritt Krebs in der Vorsteherdrüse überdies extrem häufig auf. "Man könnte fast sagen: Ein Mann muss nur alt genug werden, damit in seiner Prostata ein Tumor wächst", erklärt Dr. Gencay Hatiboglu von der Urologischen Klinik der Universität Heidelberg. Untersucht man zum Beispiel Männer zwischen 70 und 79 Jahren, die an einer anderen Ursache gestorben sind, hat etwa die Hälfte ein unerkanntes Prostatakarzinom, das ihnen nie Probleme bereitete. Eine Therapie hätte für sie nur unnötiges Leid bedeutet. Das heißt aber nicht, dass Prostatakrebs immer ungefährlich verläuft: In Deutschland sterben jährlich mehr als 13 000 Männer daran. Doch woher weiß man, ob ein Tumor lebensbedrohlich ist oder eher harmlos?

"Die Medizin hat dazu heute zuverlässige Methoden", versichert Hatiboglu. Um zu beurteilen, wie aggressiv der Tumor ist, untersucht man den Grad der Entartung. Hinzu kommen das Stadium, der Anteil der Tumorzellen in den Biopsien, eine MRT-Aufnahme sowie der PSA-Wert. Der Test misst im Blut ein Eiweiß, das die Prostatazellen unter anderem bei Krebs vermehrt abgeben: das prosta-taspezifische Antigen (PSA).

Optimale Therapie-Methode im Beratungsgespräch finden

Auch wenn die Diagnose Angst macht, lautet eine wichtige Botschaft an betroffene Männer: Keine Panik! Bei Prostatakrebs im Frühstadium ist der Reflex "Immer sofort rausschneiden!" falsch. Selbst bei Hochrisiko-Tumoren bleiben meist einige Wochen Zeit, um gründlich nachzudenken und um eventuell die Meinung eines zweiten Experten einzuholen.

Die Empfehlungen der Ärzte können durchaus unterschiedlich ausfallen. Vor allem bei Tumoren mit niedrigem Risiko gibt es verschiedenste Therapie-Methoden. "Was die beste ist, wurde noch nicht endgültig geklärt", sagt Hatiboglu. Zur Auswahl stehen: die komplette Entfernung der Prostata, eine Bestrahlung von außen mit Röntgenstrahlen, eine Bestrahlung von innen mittels radioaktiver Jodstiftchen sowie Abwarten, verbunden mit regelmäßiger Kontrolle. "Was im jeweiligen Fall das Optimale ist, entscheidet sich im ausführlichen Gespräch zwischen Arzt und Patient", sagt Hatiboglu. Gut aufgehoben sei ein Betroffener deshalb an einem zertifizierten Zentrum, das alle gängigen Methoden anbietet – und daher nicht nur in eine Richtung berät.

Potenz und Kontinenz erhalten

Bei körperlich fitten Patienten empfehlen Ärzte unter anderem die Entfernung der Prostata mitsamt Samenblasen, die sogenannte Prostatektomie. Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Betroffenen am meisten davon profitieren. Auch bei etwas aggressiverem Krebs greifen Ärzte eher zum Skalpell. Bei sehr aggressiven oder lokal fortgeschrittenen Tumoren werden mehrere Methoden kombiniert. Um das kleine Organ zu entfernen, ist dann ein anspruchsvoller Eingriff nötig. Denn auf der Oberfläche der Prostata verlaufen Nerven, die für Potenz und Kontinenz entscheidend sind.

Wenn möglich, erhalten Chirurgen heute diese Nerven, damit der Patient potent bleibt. Wird der Eingriff von erfahrenen Operateuren durchgeführt, bleibt die Kontinenz in der Regel ebenfalls erhalten. Etwa jeder fünfte Patient kann sofort nach dem Eingriff das Wasser halten, den meisten anderen gelingt dies nach einigen Wochen Training. Doch auch für die sehr wenigen Patienten mit anhaltender Inkontinenz gibt es Hilfe.

Um die Prostata herauszunehmen, operieren die Chirurgen heute teils mit Schlüssellochtechnik (Laparoskopie). Der Chirurg führt die Instrumente über mehrere kleine Schnitte ein. Die Patienten sind bereits direkt nach der OP nahezu schmerzfrei. Durch kleine Schnitte arbeitet auch ein Operationsroboter, der allerdings nicht selbstständig operiert. Der Chirurg sitzt an einer Konsole, die die Bewegungen seiner Finger auf die OP-Instrumente überträgt.

Alternative Strahlentherapie

Eine weitere hochwirksame Waffe gegen Prostatakrebs ist die moderne Strahlentherapie. Nach aktuellem Wissensstand kann sie Krebs ebenso gut heilen wie ein chirurgischer Eingriff. Dennoch wird öfter operiert.

"Die Bestrahlung ist als Methode sicher unterrepräsentiert", sagt Professor Jürgen Dunst, Direktor der Klinik für Strahlentherapie der Universität zu Kiel und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie. Das hat auch historische Gründe. Noch vor 15 Jahren war die OP klar erfolgversprechender.

"Seither hat sich aber viel getan", sagt Dunst. So lässt sich die Standard-Therapie mit Röntgenstrahlen heute dreidimensional planen, der Patient wird aus vielen verschiedenen Richtungen bestrahlt. Im gesunden Gewebe bleibt die Dosis gering, im Tumor addiert sie sich. Allerdings gelingt es so ebenfalls nicht, Harnröhre und Enddarm völlig zu schonen. "Die Strahlentherapie ist zwar auch nicht risikolos", räumt Dunst ein. Sie ist aber für die Kontinenz und Potenz weniger schädlich als eine OP. Jedoch kann es zu Darmentzündungen kommen.

Um das zu verhindern, wird ein spezielles Gel gespritzt. Dies vergrößert den Abstand zwischen Darm und Prostata. Die Strahlendosis im Darm verringert sich – und dadurch auch die Nebenwirkungen.

Therapie von innen mit Jodstiften oder Protonen

Oft erfolgt der Angriff der Strahlen von innen. Bei der sogenannten Brachytherapie, die vor allem bei Krebs mit niedrigem Risiko angewandt wird, setzen die Mediziner radioaktiv strahlende Jodstifte (Seeds) in die Prostata ein. Sie bleiben im Körper und geben ihre Strahlung langsam über ein Jahr vollständig ab.

Neben diesem herkömmlichen Verfahren werden heute vereinzelt Teilchenstrahlen eingesetzt. Stark beworben wird etwa die Therapie mit Protonen, positiv geladenen Elementarteilchen. "Derzeit kommt sie aber nur in wenigen Einzelfällen infrage", sagt Dunst.

Auch Abwarten kenn eine Therapie-Methode sein

Die vierte Methode, die Ärzte aber nur bei Tumoren mit niedrigem Risiko empfehlen, heißt: Abwarten, verbunden mit regelmäßigen Kontrollen. Bei der aktiven Überwachung wird der Patient erst behandelt, wenn die Krankheit fortschreitet. Die Heilungschancen sind dann noch immer gut. Der Vorteil: Manchen Männern bleibt eine Therapie komplett erspart, da der Tumor kaum wächst.

Das Problem der Übertherapie kann bislang auch die neue Tendenz zum Abwarten nicht völlig vermeiden. Krebs haben und nichts tun, das ist für viele nur schwer erträglich. Auch wenn der Tumor nicht aggressiver wird, lassen sich Patienten lieber behandeln. Sie haben die ständigen Kontrollen satt oder Angst, dass der Krebs doch bösartiger ist als gedacht.

Hatiboglu sieht im Überwachen aber einen wichtigen Pfeiler moderner Krebstherapie: "Dass man bei Prostatatumoren öfter nicht behandelt, muss wohl erst in den Köpfen ankommen." Nötig sind dazu sicher noch viel Überzeugungsarbeit sowie eine genauere Diagnostik. Denn je besser man seinen Feind kennt, desto leichter fällt die Wahl der richtigen Waffen.

Wege zur Heilung

Vorsorge: Ab 45 zum Arzt!

Gesetzliche Krankenkassen raten Männern ab 45 Jahren, sich jährlich beim Urologen auf Prostatakrebs untersuchen zu lassen. Gab es Erkrankungen in der Familie, bereits ab 40 Jahren. Bei der Vorsorge tastet der Arzt die Prostata vom Enddarm aus ab. Umstritten ist die etwa 20 bis 45 Euro teure Bestimmung des PSA-Werts. Sie wird daher von der Kasse nicht bezahlt. Eine große aktuelle Studie (Probase), finanziert von der Deutschen Krebshilfe, soll hierzu weitere Informationen liefern.