Leben mit Parkinson: Was hilft

Parkinson-Patienten können einiges tun, um ihre Lebensqualität zu erhöhen. So wirken sich zum Beispiel angepasster Sport, Physio- und Ergotherapie sowie ein Stimmtraining positiv aus
von Diana Engelmann, 10.04.2017

Blockierte Bewegung: Parkinson-Patienten fühlen sich manchmal wie eingefroren

W&B/Lemrich

Spätabends im Bett überfallen ihn die Sorgen. Er liegt auf der rechten Seite, den linken Arm hat er auf ein Kissen gebettet. Der Arm zittert. Kurz vor dem Einschlafen ist es am schlimmsten. Die gnadenlose Bewegung provoziert alle möglichen Fragen. Wie lange kann ich noch ohne größere Einschränkungen leben? Werde ich irgendwann dement? Kann ich meinen Körper bald gar nicht mehr steuern?

Parkinson ist nicht heilbar

Solche Sorgen quälen Parkinson-­Patienten. Denn Parkinson lässt sich nicht aufhalten. Auch ist die Erkrankung, bei der Nervenzellen sterben und bei der sich Betroffene mit der Zeit immer schlechter bewegen können, bis heute nicht zu heilen. Mittlerweile sind sich Fachleute zudem sicher, dass geistige Fähigkeiten im Verlauf der Krankheit nachlassen können. "Mehr als 30 Prozent der Patienten entwickeln eine Parkinson-Demenz", sagt Professor Wolfgang Oertel, Parkinson-Forscher an der Universität Marburg.

Außer Medikamente zu nehmen können Betroffene aber inzwischen viel tun, um mehr gute Jahre zu haben und ihre Lebensqualität zu erhöhen. Das geht mit Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Bewegung. Dass diese Maßnahmen wirken, steht in der neuen Parkinson-Leitlinie, dem Behandlungsleitfaden für Ärzte. "Ich sage meinen Patienten, dass Medikamente etwa 50 Prozent der Therapie ausmachen", so Professor Alfons Schnitzler, Direktor des Zentrums für Bewegungsstörungen und Neuromodulation der Universitätsklinik Düsseldorf.

Sport wirkt sich günstig auf die Beweglichkeit aus

Alles, was die Ausdauer trainiert, bietet sich an. "Achten Sie darauf, sich nicht zu überfordern und nicht bis ans Belastungsmaximum zu gehen", sagt die Physiotherapeutin Marlene Wächter vom Parkinson-Zentrum am Uniklinikum Marburg. Sie empfiehlt zwei bis drei Mal pro Woche 30 Minuten bis eine Stunde Bewegung. Sportarten wie Schwimmen, Nordic Walken, Radfahren eignen sich gut. Es gibt auch spezielle Heimtrainer für zu Hause. Der Patient sollte ein Ergometer haben, dessen Motor die Pedale am Laufen hält. Das hilft in Momenten, in denen er sich nicht bewegen kann – Freezing nennt sich das. Signale im Gehirn, welche die Motorik steuern, werden dann nicht richtig übertragen. Daher die Ausfälle. Sobald man wieder selbst treten kann, schaltet sich der Motor aus.

Wichtig ist, etwas zu finden, was man gerne macht. "Wer früher etwa Tennis gespielt hat, soll das wenn möglich unbedingt fortsetzen", rät Schnitzler. Bereits im Frühstadium, wenn die Krankheit noch nicht stark beeinträchtigt, sollte man aktiv sein. Viele Studien zeigen, wie positiv sich das auf Wohl­­ergehen und Beweglichkeit auswirkt. "Dehnen Sie sich regelmäßig und ausführlich", sagt Wächter. Denn im Verlauf der Erkrankung verkürzt sich irgendwann die Streckmuskulatur, vor allem die an Beinen und Rücken. Dem lässt sich so entgegenwirken. Beugen Sie sich zum Beispiel zwischendurch immer wieder nach vorne, und versuchen Sie, die Fingerspitzen Richtung Füße zu strecken (weitere Beispiele siehe Bildergalerie).

Physiotherapie: Schön im Takt bleiben

Zusammen mit dem Physiotherapeuten trainieren Patienten Beweglichkeit, Gleichgewicht und Koordination. All diese Fähigkeiten gehen bei Parkinson mit der Zeit verloren. Es sei denn, man übt. "Ich sehe einen großen Unterschied in der Fitness zwischen den Patienten, die etwas tun, und denen, die vielleicht nicht um diese Möglichkeit wissen", sagt Wächter.

Vor allem Gangtraining ist wichtig. Denn bei Parkinson verkürzen sich die Schritte, oder der Gang stockt. Man kann von alleine einfach nicht weitergehen. Physiotherapeuten geben deshalb einen Takt vor. Entweder durch Klatschen oder Aufforderungen wie "rechts, links". Manchmal setzen sie Metronome ein. All das erleichtert es, in Schwung zu bleiben. Wer Musik mag, kann Stücke, am besten im Zweiviertel- oder Viervierteltakt, auf einen MP3-Player laden und diese unterwegs anhören. Aber nur so laut, dass man noch mitbekommt, was um einen herum geschieht.

Mit Bällen das Gleichgewicht schulen

Um den Gleichgewichtssinn zu trainieren und für Dehnübungen bieten sich Gymnastikbälle an. Die Patienten setzen sich auf die großen Bälle und balancieren sich dabei aus. Zum Dehnen sitzen sie auf einem Hocker, eine Hand liegt auf dem Ball. "Dann den Ball zur Seite oder nach vorn bewegen", rät Physiotherapeutin Wächter.

Individuelle Therapie mit Medikamenten
L-Dopa, eine Vorstufe des Nervenbotenstoffs Dopamin, ist nach wie vor das wirkungsvollste Medikament gegen Parkinson. Das Gehirn wandelt den Stoff zu Dopamin um. Ärzte kombinieren es häufig mit Mitteln, die Dopamin im Gehirn länger verfügbar halten. Weitere Möglichkeiten sind Dopamin-Agonisten – synthetisch hergestelltes Dopamin. Auch sie werden kombiniert. "Es gibt keine Standard-Therapie, man muss jeden Patienten individuell einstellen", so Neuro­loge Schnitzler. Deshalb sollte man sich bei Verdacht auf Parkinson auf jeden Fall an einen Neurologen wenden, der sich mit der Krankheit auskennt, oder an eine Parkinson-Fachklinik. Adressen finden sich auf den Seiten der Deutschen Parkinson-Vereinigung oder beim Kompetenznetz Parkinson.


Ergotherapie: Das Gehirn austricksen

"Ab einem gewissen Punkt lassen sich die Auswirkungen der Krankheit nicht mehr vollständig mit Bewegung auffangen", sagt die Ergotherapeutin Sabine George vom Deutschen Verband der Ergotherapeuten. Dann können Kompensationsstrategien dabei helfen, den Alltag trotzdem gut zu bewältigen und die Lebensqualität zu erhalten. Ein Prinzip sieht vor, Handlungen in Schritte aufzuteilen. Wer Schwierigkeiten hat, ein Brot zu schmieren, dem hilft es, den Vorgang zu gliedern. "Erst nach rechts streichen" und "jetzt nach links streichen", sagt George.

Ein weiterer Tipp: Beseitigen Sie Stolperfallen in der Wohnung. Kleine Teppiche etwa. Ein großer Teppich mit geeignetem Muster wiederum kann bei Freezing helfen. "Dann weiß ich, wo ich hintreten muss."

Ausstattung für den Alltag

Vielen Patienten fällt es irgendwann schwer, in die Badewanne zu steigen oder wieder herauszukommen. Hilfs­mittel wie rutschfeste Matten am Wannenboden oder kleine Hocker zum Draufsetzen mildern das Problem. Als nächsten Schritt kann man Haltegriffe an den Wannenwänden anbringen oder sogar eine Wanne einbauen lassen, die sich mit einer Tür öffnen lässt. Für welche unterstützenden Maßnahmen die Kosten erstattet werden, steht im Hilfsmittel­verzeichnis der gesetz­lichen Krankenkassen, zu finden auf den In­­ter­net­seiten des GKV-Spitzenverbands.

Wer auf Hilfsmittel setzt, sollte testen, womit er sich wohlfühlt und was funktioniert. "In spezialisierten Kli­niken und Ergotherapiepraxen kann man verschiedene Möglichkeiten ausprobieren", sagt George. Oder man informiert sich im Sanitätshaus.

Logopädie: Mit lauter Stimme sprechen üben

Auch das Sprechen kann mit fortschreitender Krankheit schwierig werden. Häufig reden Parkinson-­Patienten dann sehr leise, oder sie haben Probleme, sich klar zu artikulieren. Dann können sie mit Übungen gegensteuern, welche die Mimik beweglich halten.

Gute Erfolge lassen sich auch mit der sogenannten Silverman-Voice-Therapie erzielen. Vorausgesetzt, der Patient übt jeden Tag – auch über die Behandlung hinaus. Bei dieser Methode arbeiten Sprachtherapeuten mit der Lautstärke der Stimme. Das Prinzip: Die Patienten üben, sehr laut zu reden, sodass sie dabei die Atem-, Stimm- und Artikulationsmuskulatur trainieren. Das hilft, verständlicher zu sprechen. Und sie lernen, dass ihre eigene Wahrnehmung der Lautstärke ihrer Stimme nicht un­bedingt mit der Wahrnehmung anderer Menschen übereinstimmt. Häufig denken die Patienten nämlich, sie würden normal laut sprechen.


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