Hautpflege bei Neurodermitis

Pflege und Behandlung orientieren sich am jeweiligen Hautzustand. Ein Apotheker und ein Arzt geben Tipps

von Sonja Gibis, 19.11.2018
Eine Frau sitzt an Fensterbank

Die Haut will gepflegt werden - vor allem bei der Therapie von Neurodermitis sind regelmäßige Reinigungsrituale unverzichtbar


So unterschiedlich die Krankheit auch verläuft - eines haben alle Neurodermitiker gemein: "Ihre Hautbarriere ist durchlässiger als normal", sagt Michael Springer, der sich in seiner Apotheke im mittelfränkischen Oberasbach auf Erkrankungen der Haut spezialisiert hat. Dadurch reagiere diese empfindlicher auf äußere Reize, trockne aus und beginne zu jucken.

Gute Pflege

Eine intensive Hautpflege bildet daher in allen Krankheitsstadien die Basis der Therapie - selbst wenn der Patient gerade beschwerdefrei ist. Denn sie unterstützt die Hautbarriere und kann Juckreiz lindern. Springer ist überzeugt: "Wer seine Haut gut kennt und sorgfältig pflegt, hat seltener entzündliche Schübe."

Michael Springer

Doch wie finden Patienten bei der Vielzahl der erhältlichen Pflege­produkte das passende? Springer sieht es pragmatisch: "Ausprobieren." ­Viele Hersteller bieten bei Unver­träglichkeiten ein Umtauschrecht an oder stellen Probepackungen zur ­Verfügung. Dann könne man testen, ob man die Grundlage mag.

Nur wenn das Produkt schnell einziehe, wende der Patient es regelmäßig an. Springer: "Niemand mag eine ­dicke Fettschicht auf der Haut, unter der man schwitzt und noch mehr Feuchtigkeit verliert." Zwar braucht die Haut bei Neuro­dermitis Fett und Feuchtigkeit, sie kommt aber je nach Jahreszeit und Lebensalter auch mit weniger fett­haltigen Produkten aus.

Apotheker können helfen

"Im Sommer und bei jüngeren Menschen genügt oft eine leichte Pflegelotion mit Feuchthaltefaktoren wie zum Beispiel Harnstoff oder Glycerin", sagt Springer. Spezielle Pflegeserien für Neurodermitiker sind zudem frei von Duft- und Konservierungsstoffen. Wichtig ist dem Apotheker zufolge vor allem, dass der Patient das Produkt gut verträgt.

Im Idealfall stellt die Suche nach der optimalen Basispflege einen Prozess dar, den der Betroffene gemeinsam mit seiner Apotheke durchläuft. "Manchmal braucht es mehrere ­Gespräche, bis wir eine individuelle Lösung gefunden haben", sagt Springer. Schließlich hätten die Menschen oft einen langen Leidensweg hinter sich. Das müsse man berücksichtigen und könne sie nicht mit einer schnellen Empfehlung erschlagen.

Durchlässige Schutzschicht

Die Hautbarriere besteht aus der äußersten Hautschicht, der sogenannten Hornschicht. Im gesunden Zustand bilden Hornzellen und Fette einen stabilen Verbund, der die Haut wie eine Mauer vor äußeren Einflüssen und Feuchtigkeitsverlust schützt. Bei Neurodermitis fehlen der Hornschicht Fette und Feuchthaltefaktoren. Das erhöht ihre Durchlässigkeit.

Vergleich von gesunder Haut und Haut mit Neurodermitis

Sanfter Weg zur Sauberkeit

Zur Basispflege gehört neben dem zweimal täglichen Eincremen die Reinigung. "Anstelle von Seifen sollten Menschen mit Neurodermitis leicht saure Syndets mit hautneutralem pH-Wert zwischen 5,5 und 6,0 verwenden", rät Apotheker Springer.

Problematischer als möglicherweise enthaltene Konservierungsmittel und Duftstoffe sei die Wassertempe­ratur, die nicht zu hoch sein sollte. Am besten duschen und baden Betroffene mit lauwarmem Wasser, zudem nicht lange und nicht zu oft. Springer: "Wer jeden Tag duscht oder badet, zerstört seine Hautbarriere. Der Körper kommt mit der Produktion der notwendigen Stoffe nicht nach."

Entspannung beim Baden

Zum Abtrocknen tupft man die Haut am besten mit einem weichen Hand­­tuch ab oder lässt sie an der Luft trocknen. Nach dem Reinigen die Haut eincremen – ohne sie zu überpflegen. "Schließlich soll sie sich im Idealfall selbst regenerieren", sagt Springer.

Der Apotheker ermuntert seine Kunden zudem, medizinische Badezusätze auszuprobieren. Die einen empfinden rückfettende Ölbäder als angenehm, andere ein Bad mit Totem- Meer-Salz.

Viele profitieren in beschwerdefreiem Zustand von einem Besuch in einem Solebad oder einem Urlaub an der Nordsee. "Neben Sonne, Salzwasser und allergenfreier Luft wirkt sich auch die Entspannung positiv aus", erklärt Springer. Man dürfe die Psyche nicht außer Acht lassen.

Neurodermitis

Hilfe für Betroffene

Neurodermitis-Schulungen fördern den eigenverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung und geben weitere Hilfestellungen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten. Informationen unter www.neurodermitisschulung.de

Kommt es trotz sorgfältiger Hautpflege zu einem akuten Schub, steht die entzündungshemmende ­Therapie im Vordergrund. "Unter­drücken wir die entzündlichen Ek­zeme effektiv, kann sich die zerstörte Hautbarriere regenerieren", erklärt Professor Thomas Werfel von der Hautklinik der Medizinischen Hochschule Hannover. Das beuge zugleich neuen Verschlimmerungen vor.

Keine Angst vor Kortison

Zunächst kommen in der Regel örtlich wirksame Glucocorticoide zum Einsatz. Doch viele Patienten wenden Kortisonpräparate nur unregelmäßig an – aus Angst vor Nebenwirkungen. Doch diese ist unbegründet, wie ­Werfel erläutert: "Moderne mittelstark wirksame Wirkstoffe werden in der Haut abgebaut und gelangen nicht in den Blutkreislauf."

Der Experte rät, Glucocorticoide so lange einzusetzen, bis die Haut nur noch schwach gerötet ist. Wenn das Ekzem abgeheilt ist, sollte man die betroffenen Stellen noch eine Zeit lang zweimal wöchentlich nachbehandeln. So lassen sich auch Restentzündungen erfassen, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. "Durch diese proaktive Therapie sparen wir letztlich Corticoide ein", betont Werfel.

Seit einigen Jahren stehen örtlich wirksame Alternativen zur Verfügung
(Calcineurin-Antagonisten). Sie hemmen ebenfalls die Entzündung, machen die Haut aber nicht dünner. "Die Mittel eignen sich deshalb für sensible Bereiche wie das Gesicht oder den Genital- und Analbereich", erklärt Werfel. Zudem lindert eine Phototherapie äußerlich akute Schübe und stillt den Juckreiz.

Lieber feucht oder fettig?

Auch bei einem entzündlichen Schub muss die Haut gepflegt werden. "Während sie zwischen den Schüben von einer rückfettenden Pflege profitiert, sind im akuten Schub Präparate mit höherem Wasseranteil gefragt", erklärt Michael Springer. Vorsicht bei harnstoffhaltigen Produkten, die Feuchtigkeit spenden: offene Stellen nicht damit behandeln.

Gegen quälenden Juckreiz empfiehlt der Apotheker feuchte Verbände, Kühlung und Entspannungstechniken. Polidocanolhaltige Zubereitungen betäuben örtlich und können Schmer­zen sowie Juckreiz nehmen. Auch durch gerbstoff- oder kortisonhaltige Präparate oder Zugsalben mit Ammoniumbituminosulfonaten lässt sich akuter Juckreiz lindern. Manchmal helfen auch bestimmte Allergietabletten.

Neurodermitis

"Am wichtigsten ist aber, nicht zu kratzen", betont Springer. Es
verstärke den Juckreiz und erhöhe die Gefahr von Infektionen. Er rät

bei offenen Stellen, zusätzlich eine antiseptische Salbe zu verwenden.

Therapie für mehr Lebensqualität

Bei Neurodermitis neigt das Immunsystem der Haut dazu, überempfindlich zu reagieren: Stress, Allergene, Schadstoffe oder Erreger stimulieren bestimmte Immunzellen, die dann vermehrt Entzündungsbotenstoffe freisetzen (siehe Infografik unten). Bei großflächigen akuten Schüben kann deshalb eine systemische Behandlung erforderlich werden, die an verschiedenen Stellen des Immunsystems angreift.

Allerdings müssen Nutzen und Risiken sorgfältig gegeneinander ­abgewogen werden. "Eine kurzzeitige Einnahme von Kortisonpräparaten kommt wegen möglicher Nebenwirkungen in der Regel nur bei Erwachsenen mit schwerer Neurodermitis infrage", sagt Werfel.

Neues Immuntherapeutikum

Standardarznei für die innere Therapie war stattdessen bis 2017 Ciclosporin. Werfel begrüßt es, dass für schwere Fälle seit Kurzem ein weiteres Immuntherapeutikum verfügbar ist. Der monoklonale Antikörper Dupilumab greift direkt an der Ursache an. "Bei jedem zweiten Patienten kann mit dieser Therapie eine fast voll­ständige Abheilung erreicht werden", sagt Werfel.

Das biologische Arzneimittel ist allerdings sehr teuer und muss gespritzt werden. Trotzdem setzen zunehmend auch niedergelassene Hautärzte das neuartige Mittel ein. Für Werfel stellt das einen ­großen Fortschritt dar: "Eine gute ­Behandlung der Krankheit ver­bessert die Lebensqualität der ­Betroffenen und reduziert psychi­sche Probleme."

Übereifrige Immunzellen

  • Ist die Hautbarriere gestört, können Umweltfaktoren wie Allergene, Schadstoffe oder ­Krankheitserreger in die Haut eindringen und ­eine Reaktion des Immunsystems auslösen.
  • Die Fremdstoffe regen bestimmte Immun­zellen dazu an, verstärkt entzündungsfördernde Botenstoffe zu bilden.
  • Die freigesetzten Botenstoffe führen zu entzündlichen Hautveränderungen und Juckreiz.
  • Durch Kratzen wird die Haut zusätzlich verletzt, was die Entzündung noch verstärkt. Dieser Teufelskreis lässt sich mit entzündungshemmenden Immuntherapeutika durchbrechen.