Warum wir niesen

Reizen Fremdkörper unsere Nase, müssen wir niesen. Dieser Reflex ist manchmal lästig, aber nützlich für die Gesundheit
von Nina Himmer, aktualisiert am 21.11.2016

Hatschi! Niesen ist ein Schutzreflex des Körpers

Fotolia/Wavebreak Media Micro

Es ist der Sound der kalten Jahreszeit: Hatschi! Ob im Büro, der Bahn oder im Supermarkt – überall schniefen und niesen derzeit Erkältungsgeplagte vor sich hin. Das Niesen ist der lautstarke Versuch unseres Riechorgans, Viren und Bakterien loszuwerden. Obwohl die Mini-Explosion in der Nase eher unangenehm und manchmal etwas peinlich ist, dient sie einem guten Zweck. "Niesen ist ein Schutzreflex des Körpers, mit dem Fremdkörper aus der Nase entfernt werden", erklärt Dr. Achim Beule, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie in Greifswald.

Ob es sich bei den Fremdkörpern um Staub, Bakterien, Viren, Mikroorganismen, Pollen, Insekten oder Nasensekret handelt, spielt keine Rolle – alles, was die Nasenschleimhaut reizt, kann den Niesreflex auslösen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es im verlängerten Rückenmark ein Nieszentrum gibt, in dem Signale aus der Nasenschleimhaut entsprechend verarbeitet werden. Dafür spricht, dass der Niesreflex aussetzt, wenn bestimmte Teile des Gehirns geschädigt sind.

Niesen: Komplexer Vorgang in der Nase

Der Niesvorgang selbst ist recht komplex und noch nicht vollständig erforscht. Allerdings läuft er immer ähnlich ab: Meist kündigt sich das Niesen durch ein Kribbeln in der Nase an. Es folgt ein tiefes Luftholen, anschließend hebt sich das Gaumensegel an und verschließt die Verbindung zwischen Nase und Rachen. Das Luftvolumen in Lunge und Rachen wird so komprimiert, gleichzeitig spannen sich Bauch- und Brustmuskulatur an. "Schließlich entweicht der erhöhte Druck explosionsartig durch die Nase – und der Fremdkörper, der den Reiz ausgelöst hat, im Idealfall gleich mit", sagt Beule.

Medizinisch betrachtet ist Niesen also eine Art heftiges Ausatmen. Ziemlich heftig sogar: Mit bis zu 160 Stundenkilometern – das ist locker Orkanstärke – pusten wir Luft und winzige Tröpfchen durch Mund und Nase und schleudern sie dabei rund drei Meter weit. Das ist problematisch, denn wer zum Beispiel erkältet ist, verteilt durch das Niesen jede Menge Viren in der Luft und erhöht so die Ansteckungsgefahr für andere.

Das Robert Koch-Institut empfiehlt aus diesem Grund, acht Meter Abstand zu niesenden Menschen zu halten. Ein Rat, der freilich nur schwer zu realisieren ist, wenn etwa die Kollegin, der Partner oder der Sitznachbar im Bus mit ihrer Erkältung kämpfen. Wer in die Hand niest und anschließend Gegenstände anfasst, verbreitet die Erreger zusätzlich. Deshalb sollte man darauf achten, sich nach dem Niesen gründlich die Hände mit Seife zu waschen. Auf das Händeschütteln sollte man vorsichtshalber verzichten. Und wer auf den Boden oder in die Armbeuge niest, verbreitet weniger Viren und Bakterien über die Handflächen.

Augenbrauen, Haare, Sonne: Kuriose Nies-Auslöser

Allerdings muss man gar nicht unbedingt krank sein, um zu niesen. Klassische Auslöser sind zum Beispiel auch Allergien. "In diesem Fall reizen Pollen und Sekret die Schleimhaut, es findet eine entzündliche Reaktion statt", so Beule. Etwas kurioser mutet es hingegen an, dass manche Menschen niesen müssen, wenn sie sich die Augenbrauen zupfen oder die Haare bürsten. Schuld daran ist der Trigeminus-Nerv, auch Drillingsnerv genannt. Das ist jener fünfte Hirnnerv, der in weiten Teilen des Gesichts verzweigt und maßgeblich am Niesreflex beteiligt ist.

Der Drillingsnerv ist extrem sensibel und erfüllt viele Aufgaben. Er leitet zum Beispiel Berührungsreize und Schmerzen an das Gehirn weiter, nimmt Gerüche wahr und kann Temperaturen fühlen. Allerdings lässt er sich auch leicht täuschen: Das Ziepen an Haaren oder Augenbrauen kann ihn so reizen, dass wir niesen müssen, obwohl gar kein entsprechender Reiz auf der Nasenschleimhaut existiert. "Letztlich handelt es sich um eine Art nervliche Fehlreaktion, die gesundheitlich aber unbedenklich ist", sagt Beule.

Möglicherweise ist der Drillingsnerv auch noch für eine andere Art des Niesens verantwortlich: den photischen Niesreflex. Dabei löst ein starker Lichtreiz das Niesen aus – etwa, wann man plötzlich in die Sonne schaut. Schätzungsweise ist etwa jeder Vierte von diesem Phänomen betroffen, das der Wissenschaft noch immer einige Rätsel aufgibt. Ein vielversprechender Erklärungsansatz besteht jedoch darin, dass bei Sonnenniesern der Sehnerv besonders nah am Drillingsnerv verläuft. Bei einem Lichtreiz wird er deshalb irrtümlich mitstimuliert und löst das Niesen aus. So oder so: Sobald man sich an das Licht gewöhnt hat, lässt der Reiz in der Regel wieder nach. Beim Autofahren sollten Sonnennieser in entsprechenden Situationen trotzdem besonders vorsichtig sein.

Niesen ist meist nicht gefährlich

Dafür, dass Niesen eigentlich ein Schutzreflex ist, ranken sich erstaunlich viele Schauergeschichten darum: Angeblich stoppen während des Niesens zum Beispiel Körperfunktionen. Auch das Gerücht, dass die Augen aus den Höhlen fallen würden, wenn man sie beim Niesen nicht schließt, hält sich hartnäckig. Außerdem wird immer wieder davor gewarnt, sich während des Niesens die Nase zuzuhalten – das sei schädlich für das Gehirn. Wissenschaftliche Belege für diese Mythen gibt es nicht, Experten geben Entwarnung. Die Augen schließen wir beim Niesen vermutlich, damit keine ausgeniesten Viren und Bakterien hineingelangen. Tatsächlich kann Niesen Herz und Kreislauf kurz aus dem Lot bringen, doch normalisieren sich Puls und Blutdruck meist unmittelbar danach wieder. Nur selten kann Niesen auch eine kurze Ohnmacht auslösen. Wer das schon einmal erlebt hat, sollte sich sicherheitshalber beim Arzt untersuchen lassen.

Generell gilt: "Niesen ist eine wichtige Selbstreinigungsfunktion des Körpers und für gesunde Menschen ungefährlich", sagt Beule. Nur vom Unterdrücken raten einige Ärzte tatsächlich ab. "Dem Gehirn schadet das zwar nicht, aber in manchen Fällen nimmt das Mittelohr oder Trommelfell wegen des Drucks Schaden", erklärt der HNO-Fachmann. Wer Schnupfen hat läuft außerdem Gefahr, durch unterdrücktes Niesen Krankheitserreger in die Nasennebenhöhlen zu drücken. Ganz unterdrücken sollte man Niesen deshalb nicht.

Sollte es allerdings mal gar nicht passen, lässt sich der Niesreflex in den meisten Fällen überlisten: Entweder drückt man mit der Zunge fest an den Gaumen. Oder man legt zwei Finger an die Nasenwurzel und drückt leicht zu. Beides funktioniert jedoch nur, wenn man schon beim ersten Kribbeln der Nase reagiert. Dann wird das Niesen nicht unterdrückt, sondern im Keim erstickt.


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