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Gendermedizin: Anders und gleich zugleich

Unser Geschlecht hat Einfluss auf Symptome und Therapieerfolg. Die Gender-Medizin will das Wissen um diese Unterschiede nutzen

von Maike Mauer, 14.10.2020
Composing Gendermedizin

Gendermedizin: "Um Frauen und Männer gleich zu behandeln, müssen wir ihre Unterschiede anerkennen und ergründen", sagt Professorin Regitz-Zagrosek


Mann und Frau – man muss kein Arzt sein, um zu wissen, dass es hier Unterschiede gibt. Trotzdem hat die Medizin beide Geschlechter lange Zeit gleich behandelt. Die Folge: Symptome wurden fehlgedeutet, und Therapien schlecht vertragen. Die Gender-Medizin zeigt nun deutlich, wie Männer und Frauen davon profitieren, wenn wir uns von Vorurteilen lösen und geschlecht- liche Besonderheiten ergründen. Ein Interview mit der Geschlechterforscherin Vera Regitz-Zagrosek.

Frau Regitz-Zagrosek, Männer erkranken im Schnitt schwerer an Covid-19 und sterben häufiger als Frauen. Woran liegt das?

Da gibt es viele Möglichkeiten. Vielleicht haben Männer häufiger Begleiterkrankungen, die Risikofaktoren für Covid-19 darstellen. Und: Die molekularen Mechanismen, die es dem Coronavirus ermöglichen, den Körper zu infizieren, werden zum Teil durch Sexualhormone reguliert. Die Androgene der Männer können eine ungünstige Rolle spielen. Zudem wird das Immunsystem von Frauen mit akuten Infektionen besser fertig.

Frauen haben also die bessere Abwehr?

Die Kehrseite ist, dass sich ihre Abwehr häufiger gegen den eigenen Körper richtet. Frauen entwickeln öfter Autoimmunerkrankungen etwa der Schilddrüse oder rheumatische Leiden als Männer. Und: Sie reagieren auf Impfungen zumeist stärker. Weil ihr Immunsystem besser reagiert, brauchen sie in der Regel weniger Impfstoff, um eine Schutzwirkung aufzubauen.

Sollte man das bei der Impfstoffentwicklung gegen SARS-CoV-2 berücksichtigen?

Nicht nur in Covid-19-Studien sollte man Daten für Wirkungen, Nebenwirkungen und Dosen bei beiden Geschlechtern gewinnen. Da haben wir ein Defizit: Frauen werden in Impf- und Medikamenten-Studien noch immer nicht angemessen berücksichtigt.

Woran liegt das?

Frauen wurden früher wegen möglicher Schwangerschaften weitgehend von der Medikamentenentwicklung ausgeschlossen. Auch ihr Zyklus könnte durch das Auf und Ab der Hormone das Ergebnis beeinflussen. Also wurden Männer und männliche Versuchstiere zur Norm. Mittlerweile sehen wir, dass das so aber nicht funktioniert.

Warum?

Frauen haben mehr Nebenwirkungen als Männer – auch schwerere. Zudem unterscheiden sich Männer und Frauen bezüglich des Fett-, Muskel- und Wasseranteils im Körper, sodass Arzneien sich anders verteilen und unterschiedlich schnell abgebaut werden.

In den USA hatten Frauen, die ein bestimmtes Schlafmittel (Anm. d. Red.: Wirkstoff Zolpidem) einnahmen, tags darauf häufiger Verkehrsunfälle. Der Grund: Es wird bei ihnen langsamer abgebaut, wirkt also länger. Die US-Arzneimittelbehörde FDA forderte daraufhin, dass im Beipackzettel Dosen für Männer und Frauen stehen müssen und dass eine Pille mit niedriger Dosierung auf den Markt kommt.

Prof. Dr. med. h.c. Vera Regitz-Zagrosek

Es gibt also ein Umdenken?

Ja. Seit 2011 gibt es eine Richtlinie, nach der alle Bevölkerungsgruppen entsprechend der Häufigkeit ihrer Erkrankungen in klinische Studien eingeschlossen werden sollen. Ich wünsche mir, dass aus den "Soll-Vorschriften" ein "Muss" wird, damit alle Untersuchungen Männer und Frauen gleichgestellt einschließen und wir später aus verschiedenen Studien ein Gesamtbild zusammensetzen können. Es gibt Forscher, die schon darauf achten. Hier sehen wir gelegentlich überraschende Effekte.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Bei einer Untersuchung zu einem Herzschwäche-Medikament, die 2019 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, stellte sich heraus, dass Frauen deutlich mehr Nutzen davon hatten als Männer. Ein anderes Beispiel: Eine unserer Forschergruppen hat festgestellt, dass männliche Versuchstiere nach einem Herzinfarkt häufiger Herzrhythmusstörungen bekamen als weibliche.

Vermutlich liegt das am weiblichen Geschlechtshormon Östrogen. Aufbauend auf dieser Erkenntnis versucht man jetzt, ein Medikament zu entwickeln, das beide Geschlechter noch besser vor Herzrhythmusstörungen schützt.

Aus der Herzmedizin kommen besonders viele Gender-Studien. Warum?

Weil hier die Unterschiede so groß sind. Männer bekommen einen Herzinfarkt etwa acht bis zehn Jahre früher als Frauen. Er galt lange als "Männererkrankung", obwohl Frauen vor allem nach den Wechseljahren ebenso betroffen sind – insbesondere wenn sie Risikofaktoren wie Übergewicht oder Bluthochdruck haben.

Zudem verläuft ein Herzinfarkt bei Frauen häufiger als bei Männern ohne den typischen Brustschmerz. Es können Symptome wie Übelkeit, Bauchschmerzen und Atemnot im Vordergrund stehen, sodass auch Ärzte manchmal nicht schnell genug an einen Infarkt denken.

Frauen warten oft auch deutlich länger, bis sie den Notarzt holen.
 Daher vergeht wichtige Zeit, bis sie die richtige Behandlung bekommen, und das Risiko für einen tödlichen Ausgang steigt.

Bei Depression sind dagegen Männer benachteiligt. Woran liegt das?

Das hat unter anderem damit zu tun, dass Männer sich oft schwerer tun als Frauen, bei psychischen Problemen Hilfe zu holen. Auch die Symptome können sich unterscheiden. So leiden depressive Männer etwa häufiger unter Reizbarkeit, statt unter der eher typischen Antriebslosigkeit – was wiederum die Diagnose verzögern kann. Leider begehen Männer mit Depressionen daher noch deut- lich häufiger Suizid als Frauen.

Gibt es weitere Beispiele, bei denen Männer im Nachteil sind?

Auch Osteoporose gilt als Frauenproblem. Eine zu geringe Knochendichte wird von Männern selbst und ihren Ärzten und Ärztinnen daher häufig unterschätzt und nicht früh genug diagnostiziert. Bei Depressionen und Osteoporose werden die Medikamente übrigens häufiger an Frauen getestet. Im Ergebnis heißt das, dass sie bei Männern möglicherweise nicht vergleichbar gut wirken.

Ein geschlechtssensibler Blick auf die Gesundheit würde also Frauen und Männern gleichermaßen nutzen?

Das ist das Ziel: Um Frauen und Männer gleich zu behandeln, müssen wir ihre Unterschiede anerkennen und ergründen. Gehen wir auf die Eigenschaften beider Geschlechter gezielter ein, behandeln wir alle besser. Die Arzneimittelentwicklung und die Therapie ist effektiver, und es gibt weniger Nebenwirkungen.

Was kann ich selbst tun, um bestmöglich behandelt zu werden?

Informiert zu sein und auf seinen Körper zu hören ist gut. Aber man sollte auf keinen Fall eigenmächtig die Dosis von Medikamenten anpassen. Wenn Sie denken, dass Sie im Vergleich zum anderen Geschlecht vermehrt Nebenwirkungen haben oder die Therapie anzweifeln, sollten Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin darauf ansprechen.