Als Walter Freeman sein Unwesen trieb

Eine hirnlose Idee, um die kranke Seele zu therapieren

von Dr. Christian Heinrich, 19.12.2016
Weihnachtsbuch

Falsch verbunden? Dann besser die Leitung kappen. Nach dieser Devise glaubte der Neurologe Walter Freeman (1895 bis 1972) eine Reihe psychiatrischer Erkrankungen heilen zu können – darunter etwa Depressionen, Angstzustände und Alkoholismus. In nicht einmal zehn Minuten durchtrennte er Nervenfasern im Gehirn – mit einer äußerst brutalen OP-Methode.

Dazu versetzte Freeman seine Patienten mittels Elektroschocks ins Koma und führte anschließend zwei etwa 20 Zentimeter lange Stahlnadeln an den Augäpfeln vorbei in den Kopf. Mit einem Hämmerchen trieb er die Instrumente tief ins Gehirn. "Transorbitale Lobotomie" nannte er die Prozedur, die psychisch Kranken Rettung versprach – zu einer Zeit, als gegen seelische Leiden kaum Therapien existierten.

Freeman war von seinem Vorgehen überzeugt, fuhr mit einem Bus durch Amerika und vollführte über die Jahre viele tausend Lobotomien. Zum Entsetzen so manches Kollegen. So schrieb ihm der angesehene Neurophysiologe John Farquhar Fulton in einem Brief: "Was sind das für furchtbare Geschichten, dass Sie in Ihrem Büro Lobotomien mit einem Eispickel vornehmen? Warum nehmen Sie keine Schrotflinte? Das ginge schneller!" Als zunehmend mehr Medizinern dämmerte, was Freeman da eigentlich trieb, entzog man ihm die Lizenz.

Fast allen Patienten ging es nach dem brutalen Eingriff deutlich schlechter als zuvor. Manche konnten kaum noch sprechen, andere nicht mehr alleine gehen. Unter den unzähligen Opfern von Freeman war auch Rosemary Kennedy, die Schwester des späteren Präsidenten. Nachdem sie sich im Alter von 23 Jahren einer Lobotomie unterzogen hatte, war sie für den Rest ihres Lebens schwerbehindert und pflegebedürftig.

Trotz solcher Schicksale zeigte Freeman zeit seines Lebens weder Einsicht noch Reue. Als er 1972 starb, war er immer noch von der Lobotomie überzeugt. Dabei etablierte sich damals gerade etwas, was gegen viele psychische Leiden tatsächlich wirkte: die Psychopharmaka. Die Medikamente wurden zur neuen Standardtherapie bei der Behandlung verschiedenster psychischer Krankheiten, in vielen Fällen sind sie es bis heute.