Magersucht trifft immer mehr Frauen

Es sind nicht nur Teenager, die Essstörungen entwickeln. Die Diagnose Magersucht häuft sich bei jungen Mädchen und Frauen über 45. Was sind die Gründe?

von Silke Droll, 21.07.2016

Essstörungen: Zu dünn, um zu leben


Magersucht gilt als eine der gefährlichsten psychischen Erkrankungen überhaupt, wird in der allgemeinen Wahrnehmung aber häufig unterschätzt. "Wenn man sich den Langzeitverlauf von 13 bis 15 Jahren nach einer Therapie ansieht, liegt die Sterblichkeit bei 15 Prozent. Es ist nicht genug, was wir leisten", sagt Professor Stephan Herpertz, einer der führenden Magersuchtforscher in Deutschland. Zum Vergleich: An Brustkrebs sind nach zehn Jahren 17 Prozent der Erkrankten gestorben.

Während es heute für viele andere psychische Erkrankungen Medikamente gibt, die wenigstens einen Teil der Symptome reduzieren, gibt es weiterhin keine Pille gegen Magersucht. Einzig die Psychotherapie stellt ein geeignetes Mittel dar. Etwa die Hälfte der meist weiblichen Magersucht-Patienten hat nach einer Therapie keine Symptome mehr, bei etwa einem Viertel tritt zumindest eine Besserung ein. Doch bei dem restlichen Viertel wird das Leiden chronisch.

Dazu kommt, dass sich die Therapeuten auf neue Patientengruppen einstellen müssen. Zunehmend häufiger wird die Erkrankung bei Mädchen und älteren Frauen diagnostiziert. Für das Jahr 2014 zählte die Kassenärztliche Bundesvereinigung bei gesetzlich versicherten Mädchen unter 15 Jahren 2227 Magersucht-Diagnosen. Noch 2011 waren es in dieser Altersgruppe rund 550 Fälle weniger.

Heute machen schon Neunjährige Diäten

"Das Durchschnittsalter unserer Patientinnen hat sich nach vorne verschoben. Vor 20 Jahren lag es bei 15, 16 Jahren. Jetzt ist es 14", berichtet Professor Stefan Ehrlich, der in Dresden das Zentrum für Essstörungen am Uniklinikum Carl Gustav Carus leitet. Die Gründe sind vielfältig. Die Pubertät beginnt eher, die Mädchen beschäftigen sich früher mit ihrem Körper, schminken sich bereits im Kindergarten. "Heute macht man schon mit neun oder zehn Jahren erste Diäten", kritisiert Judith Müller, Psychologische Psychotherapeutin an der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Jüngst behandelte Ehrlich eine Magersüchtige, die gerade einmal neun Jahre alt war.

Auch bei Frauen im Alter von 45 bis 55 verzeichnet die Kassenärztliche Bundesvereinigung zwischen 2011 und 2014 eine Zunahme der Diagnose Magersucht von 5035 auf 5887 Fälle. Dabei gehen die Wissenschaftler davon aus, dass bei älteren Frauen Symptome eines gestörten Essverhaltens von Ärzten oft nicht als Magersucht eingestuft werden. Es muss also noch eine hohe Dunkelziffer hinzugerechnet werden. "Die Betroffenen landen meistens nicht in einer Klinik für Essstörungen, sondern eher beim Internisten, der ihnen Infusionen gibt, um Mangelerscheinungen auszugleichen", sagt Ulrike Ehlert, Psychologie-Professorin an der Universität Zürich.

Sie hat die Wechseljahre als möglichen Auslöser für Magersucht ausgemacht. Der Östrogenspiegel sinkt, das appetitanregende Hormon Ghrelin hat freie Bahn. Viele Frauen nehmen in dieser Lebensphase ein paar Kilo zu. Das und weitere Veränderungen ihres Körpers machen ihnen zu schaffen. "Sie finden das bedrohlich und zügeln ihr Essverhalten extrem", so Ehlert.

Wechseljahre als Risikofaktor für Essstörungen

Wenn Betroffene zum Beispiel ganze Lebensmittelgruppen – etwa Süßigkeiten oder Brot – strikt vom Speiseplan streichen, sprechen Experten von "Restrained Eating" (engl. für "gezügeltes Essverhalten"). "Wer sich viele Speisen komplett verbietet, befindet sich auf einer Vorstufe zur Essstörung", warnt Ehlert. Bei einer Online-Befragung von 568 Frauen im Alter zwischen 40 und 66 zeigten 15,7 Prozent der Teilnehmerinnen ein solches Verhalten.

Die Wechseljahre seien ähnlich wie die Pubertät eine kritische Phase für Essstörungen, so das Ergebnis einer Studie der Universitätsklinik Innsbruck. Dabei machten Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Angaben zu Essverhalten, Lebensqualität, Depressionen, Sport, Körper- und Selbstbild. Das Ergebnis: In der Zeit unmittelbar vor ihrer Menopause litten deutlich mehr von ihnen unter Essstörungen als beispielsweise nach dem Wechsel. Die Initiatoren der Studie fordern deshalb spezielle Sprechstunden für Frauen in mittlerem und höherem Lebensalter.

Wichtig für die Psychotherapie

Je früher die Behandlung beginnt, umso größer die Chance auf Heilung. Oft werden tiefenpsychologische Elemente mit Verhaltenstherapie kombiniert, die eine Gewichtszunahme fördern soll. Bei jungen Frauen ist die Einbindung der Familie sehr wichtig.

Auch kann Magersucht, die in der Jugend entstanden und dann zur Ruhe gekommen ist, in späteren Lebensphasen wieder aufflammen. "Wir haben Patientinnen mit Mitte 50 auf Station, die seit 30 oder 35 Jahren Magersucht haben. Sie stabilisieren sich immer wieder und rutschen dann erneut komplett ab, sodass noch einmal ein Klinikaufenthalt notwendig ist", berichtet Psychotherapeutin Müller. Häufig reaktiviere ein kritisches Lebensereignis die Krankheit, etwa eine Trennung, eine Scheidung oder der Verlust des Arbeitsplatzes.

Schlanke Vorbilder verstärken das Problem

Bei der eigentlichen Entstehung der Erkrankung wirken jedoch viele Faktoren zusammen: genetische, psychische wie auch soziale. Unklar ist dabei, welche Rolle Schlankheitswahn, extrem magere Models und Fernsehshows wie etwa "Germany’s Next Topmodel" spielen. Das Schönheitsideal unserer Gesellschaft beeinflusse die Jugendlichen, führe aber nur im Zusammenspiel mit anderen Faktoren zu einer Essstörung, meint Professorin Almut Zeeck, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Uniklinik Freiburg.

In Israel und Frankreich jedenfalls dürfen zu dünne Models inzwischen nicht mehr auf den Laufsteg. Das internationale Zentralinstitut für Jugend- und Bildungsfernsehen zeigte 2015 in einer Befragung, dass die Vorstellung, sie seien zu dick, bei den Mädchen, die immer "Germany’s Next Topmodel" anschauen, mit 69 Prozent deutlich häufiger vertreten ist als bei den Nie-Seherinnen. Von diesen empfinden sich lediglich 41 Prozent als nicht schlank genug.

"Damit wird aber nicht beantwortet, was zuerst da war: ,Topmodel‘ schauen oder der Gedanke, zu dick zu sein", sagt Experte Ehrlich. Gleichwohl erlebe er in der täglichen Praxis, dass solche Vorbilder die Problematik verstärken können. Auf seiner Station ist es verboten, die Sendung zu schauen.

Entscheidungen unterliegen nicht dem freien Willen

Neben den Auslösern der Krankheit suchen Wissenschaftler auch nach dem Grund, weshalb es so schwer ist, das Verhalten von Magersüchtigen wieder zu ändern. Dabei zeigt sich immer deutlicher, warum die banale Aufforderung "Iss doch einfach" nicht funktionieren kann. Untersuchungen deuten nämlich darauf hin, dass die Entscheidungen von Magersüchtigen nicht ihrem freien Willen unterliegen.

Eine kürzlich in Nature Neuroscience veröffentlichte US-amerikanische Studie zeigt, dass bei Betroffenen offenbar dieselben Hirnregionen aktiv sind wie bei Spielsüchtigen und Drogenabhängigen. Mithilfe der funktionellen Kernspintomografie hatten die Forscher beobachtet, was sich im Kopf von Frauen abspielt, wenn sie zwischen fettreichen und fettarmen Lebensmitteln wählen sollen. Sie verglichen 21 gesunde mit 21 magersüchtigen Studienteilnehmerinnen und stellten fest: Bei Magersucht-Patientinnen ist die Entscheidungsfindung automatisiert, also nicht beeinflussbar.

Dies könnte eine Erklärung dafür sein, warum viele Magersüchtige zwar einsehen, dass eine Therapie notwendig ist – aber dann doch nicht konsequent mitmachen. "Es gibt in der Regel immer einen Teil der Person, der an der Krankheit festhält. Sei es bewusst oder unbewusst", sagt Expertin Zeeck. Selbst wenn Betroffene es dennoch geschafft haben, an Gewicht zuzunehmen, bleibe die Gefahr eines Rückfalls oft über lange Zeit bestehen. Um entlassene Patientinnen dagegen zu schützen, setzen Experten zunehmend auf moderne Techniken. Unterstützung via Videokonferenzen, E-Mail-Kontakt oder Smartphone-Apps – alles wird ausprobiert. Eine Übersichtsarbeit der Uni München zu 40 Einzelstudien mit insgesamt 3646 Patienten zeigt, dass die Hightech-Hilfe wirkt – ein Hoffnungsschimmer in der Therapie der gefährlichen Krankheit.