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Lungenkrebs-Screening mit CT?

Früherkennung: Untersuchungen im Computertomografen (CT) könnten die Zahl der Lungenkrebs-Toten senken, zumindest unter Rauchern. Doch gleichzeitig lösen die Bilder sehr häufig falschen Alarm aus

von Dr. Reinhard Door, 03.02.2020
Lungenkrebsscreening

Gefährliche Wucherung? CT-Bild mit auffälligem Befund (links)


Auf bisher insgesamt fünf Untersuchungen zur Früherkennung von Krebs haben Frauen und Männer in Deutschland einen ­Anspruch. In den nächsten Jahren könnte eine sechste hinzukommen. Ziel: die Diagnose von Lungenkrebs in ­einem möglichst noch heilbaren Sta­dium. Das Verfahren zur Einführung der Untersuchung läuft bereits.

Verdächtigen Herden auf der Spur

Klar ist schon jetzt: Wenn das Angebot kommt, werden Krankenkassen nur starken Rauchern die Kosten dafür erstatten. Denn 85 bis 90 Prozent der Lungentumore gehen auf Tabak zurück. Und nur bei dieser Patientengruppe kann der Nutzen die Nachteile der Untersuchung ausgleichen.

Konkret geht es um eine Abbildung der Lunge per Computertomografie (CT). Dafür wird lediglich eine nied­rige Strahlendosis benötigt. Sie entspricht in etwa der durchschnittlichen jähr­lichen natürlichen Hintergrundstrahlung in Deutschland, und sie wird mit neuen Geräten weiter sinken. Mit den Aufnahmen lassen sich verdächtige Herde, wie Ärzte sagen, besser erkennen als beim Röntgen. Allerdings ist der Befund längst nicht immer eindeutig.

Früherkennung für Vielqualmer

Trotzdem empfiehlt die als kritisch bekannte Expertenkommission für Früherkennung in den USA eine derartige Untersuchung – jedoch nur Rauchern, die mehr als 30 sogenannte Packungsjahre hinter sich haben. Das entspricht einer Packung Zigaretten täglich über 30 Jahre hinweg oder zwei Packungen täglich über 15 Jahre.

Solche Vielqualmer, so die Fachmeinung, sollten im Alter von 55 bis 80 Jahren die Früh­erkennung jährlich in Anspruch nehmen – sofern sie nicht schon länger als 15 Jahre abstinent leben.

Die Empfehlung basiert auf einer Untersuchung von mehr als 53.000 Menschen, bei denen Forscher die Chancen und Risiken der CT-Unter­­suchung überprüft hatten. Fazit der Studie: Um 20 Prozent lasse sich damit das Risiko verringern, an Lungenkrebs zu sterben. In absoluten Zahlen: Von 100.000 Rauchern, die statt einer Röntgen­aufnahme dreimal per CT untersucht wurden, starben jährlich 62 weniger an Lungenkrebs.

Frauen profitieren eher als Männer

Europäische Experten wollten sich nicht auf die US-Daten verlassen und legten eigene Studien auf. Die meisten davon sind wohl zu klein, um statistisch sauber einen Rückgang der Lungenkrebs-Todesfälle zu belegen.

"Fasst man die Studien in einer sogenannten Meta-Analyse zusammen, kann man diesen Effekt aber klar sehen", erläutert Professor Rudolf Kaaks, Leiter der Abteilung Epidemiologie von Krebs­erkrankungen am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Er war an der Auswertung einer entsprechenden deutschen Studie beteiligt.

Ein Ergebnis der Forschungsarbeiten: Frauen profitieren von einer Früherkennung mehr als Männer. Warum, ist nicht ganz klar. Möglicherweise erkranken sie häufiger an einer Form von Lungenkrebs, die sich im CT besonders gut erkennen lässt.

Zu viele falsch-positive Befunde

Doch für Frauen wie Männer hat die Untersuchung eine Schattenseite: die sogenannten falsch-positiven Befunde – als verdächtig eingestufte Aufnahmen, die sich hinterher als falscher Alarm herausstellen. Deren Rate betrug in der US-amerikanischen Untersuchung 95 Prozent. Nur in einem von 20 Fällen lieferte das CT den richtigen Hinweis.

Prof. Dr. Hans-Ulrich Kauczor

In einer jüngeren, großen europäischen Studie zum Thema waren immer noch 60 Prozent der Befunde falsch-positiv. Die meisten Patienten, die deshalb zum Arzt bestellt wurden, mussten ein weiteres Mal in die CT-­­Röhre. Bei anderen wurden Atemwege und Lunge endoskopisch untersucht, eine Biopsie wurde entnommen oder der verdächtige Herd gleich entfernt. Die Komplikationsrate bei solchen Eingriffen lag zwar bei unter einem Prozent, Todesfälle waren extrem selten. Doch die Patienten mussten unnötigerweise größte Ängste durchstehen.

Punktesystem soll über Anspruch auf Früherkennung entscheiden

"Diesen Schaden der Untersuchung müssen wir unbedingt senken", fordert Professor Hans-Ulrich Kauczor, der eine Kommission der Deutschen Röntgengesellschaft zum Lungenkrebs-Screening leitet. Am ehesten sei dies durch eine strengere Auswahl der Teilnehmer zu erreichen.

Neben dem Alter und der Dauer der Rauchhistorie sollten dafür weitere Kriterien berücksichtigt werden, so Kauczor. Darunter die Art der Zigaretten, das Alter bei Rauchbeginn, Vorerkrankungen, das familiäre Risiko, wie oft der Patient an einer Lungenentzündung erkrankt war. All diese Faktoren sollten in ein Punktesystem eingehen, das darüber entscheidet, ob ein Anspruch auf die Früherkennungs-Untersuchung besteht.

Zudem könnte die Definition eines verdächtigen Befunds enger gefasst werden. In der US-Studie lag die Grenze bei einem Herd von wenigstens 0,4 Millimetern. Die meisten Knoten in diesem Bereich sind gutartig, oder der Krebs ist noch nicht ins umliegende Gewebe eingedrungen. Daher würde Kauczor die Schwelle höher legen.

Experten suchen nach weiteren Methoden

Eine erneute Aufnahme Monate ­später könnte klären, ob der Herd überhaupt wächst und wie schnell. Für viele Untersuchte wäre eine solche Wartezeit aber wohl schwer erträglich.
Ob strengere Auswahl der Teilnehmer oder liberalere Wertung der Befunde: Beide Wege könnten zwar die Rate falscher Alarme senken. Zugleich haben sie aber den Nachteil, dass damit bei einem Teil der Patienten die Gefahr später erkannt würde.

Das Verhältnis von Nutzen und Ri­siken eines deutschlandweiten Programms klärt nun zunächst das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) zusammen mit einer Fachkommission. "Unsere Experten haben in einem ersten Schritt untersucht, welche weiteren Früherkennungsprogramme infrage kommen, und dabei das Lungenkrebs-Screening als vorrangig eingestuft", sagt eine Sprecherin der Behörde.

Infografik Lunge

Entscheidung über Kostenübernahme

Aktuell hat die Arbeitsgruppe damit begonnen, die wissenschaftliche Literatur auszuwerten. Anschließend legt sie fest, welche Anforderung die Ge­räte erfüllen sollen und wie das medi­zinische Personal aus- und weiter­­gebildet werden müsste. An der Auswertung des BfS orientiert sich das Bundesumweltministerium, wenn es letztendlich zu entscheiden hat, ob es die Früherkennungs-Untersuchung für Lungenkrebs trotz Strahlenbelastung zulässt.

Sagt das Ministerium Ja, ist die Einführung eines nationalen Programms auf Krankenkassenkosten aber noch lange nicht garantiert. Experten vermuten, dass es zunächst Modellversuche geben wird.

Schließlich muss der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte, Kassen und Kliniken entscheiden, ob und für wen die Versicherungen die Kosten tragen müssen. Und welche Voraussetzungen die Einrichtungen zu erfüllen haben, die die Untersuchung vornehmen dürfen. "Da sind noch einige Fragen zu klären, das wird sicher noch einige Jahre dauern", urteilt Rudolf Kaaks.

Rauchstopp ist am effektivsten

Vorsichtig geschätzt könnte ein solches Früherkennungsprogramm jeden vierten bis fünften Lungenkrebs-­Tod binnen zehn Jahren verhindern. Derzeit wird Lungenkrebs häufig erst sehr spät entdeckt. Die meisten Betroffenen sterben innerhalb von wenigen Monaten bis zwei Jahren nach der Diagnose.

Für Raucher, die sich dieses Schicksal ersparen wollen, gibt es allerdings noch eine viel effektivere Maßnahme als eine CT-Untersuchung: aufhören.