{{suggest}}


Coronavirus: Was Klinikapotheker tun

Vorbereiten auf Covid-19: Was die Coronavirus-Epidemie für Krankenhausapotheker wie Frank Dörje aus Erlangen bedeutet und weshalb er ab sofort selbst Desinfektionsmittel herstellt

von Dr. Martina Melzer, 04.03.2020
Infusion

Im Krankenhaus werden Arzneimittel wie Antibiotika oft als Infusion verabreicht


Das neuartige Coronavirus – Covid-19 oder SARS-CoV-2 genannt – verbreitet sich nun auch in Deutschland. Fast alle Bundesländer sind betroffen. Bundesgesundheitsminister Spahn hat vom Beginn einer Epidemie in Deutschland gesprochen. Das Robert Koch-Institut schätzt die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung aktuell als mäßig ein. Bei den meisten Menschen verläuft die Atemwegsinfektion mild, bei einem Teil jedoch auch schwer. Solche Fälle werden im Krankenhaus behandelt.

Herr Professor Dörje, wie bereitet sich die Uniklinik Erlangen auf die Epidemie mit dem Coronavirus vor?

Wir haben eine interdisziplinäre Taskforce gegründet, in der wir unter anderem Maßnahmen festlegen, wie wir mit Rückkehrern aus Hochrisikogebieten umgehen, wie sich das Personal schützt, welche Hygienemaßnahmen Besucher des Krankenhauses einhalten müssen, und, und, und. Unsere Erfahrungen mit dem Vogelgrippevirus im Jahr 2009 helfen uns dabei.

Professor Frank Dörje

Was bedeuten die Maßnahmen für Sie als Leiter der Krankenhausapotheke am Uniklinikum Erlangen?

Die Krankenhausapotheke muss sicherstellen, dass das Klinikum zu jeder Zeit ausreichend mit Arzneimitteln versorgt wird. Natürlich haben wir uns für den Fall gewappnet, dass möglicherweise innerhalb kurzer Zeit viele Menschen mit dem Coronavirus bei uns behandelt werden müssen. So haben wir beispielsweise den Vorrat an bestimmten Antibiotika aufgestockt, um Kranke versorgen zu können, die neben der Virusinfektion eine bakteriell bedingte Lungenentzündung haben. Auch haben wir im Blick, dass es in China erste experimentelle Untersuchungen mit antiviralen Mitteln gibt, die gegen das Virus helfen sollen. Möglicherweise erleichtert das Bundesgesundheitsministerium Importe von diesen Arzneien, wenn es nötig werden sollte. All das ist eine große Herausforderung für uns, aber es ist unsere Aufgabe und es gilt nun, einen ruhigen Kopf zu bewahren.

Mundschutz und Desinfektionsmittel sind in der Bevölkerung so stark gefragt, dass man teilweise vor leeren Regalen steht. Führt das in Krankenhäusern, in denen beides dringend gebraucht wird, zu Lieferengpässen?

Die Nachfrage in der Bevölkerung ist wirklich hoch. Das übt Druck auf die Hersteller aus und führt in öffentlichen Apotheken, Drogerien und Supermärkten immer wieder zu kurzen Lieferengpässen. In solchen Situationen werden Krankenhäuser mit einer höheren Priorität beliefert, damit unter anderem das medizinische Personal und die Pflegekräfte die Hygieneschutzmaßnahmen einhalten können. Das ist ja immens wichtig in einem Krankenhaus. Außerdem stellen wir in der Apotheke zum Beispiel Arzneimittel für Krebskranke nach strengen Hygienestandards her, wofür wir unter anderem einen Mundschutz und Desinfektionsmittel benötigen. Derzeit ist am UK Erlangen der Bedarf an Händedesinfektionsmitteln und Mundschutz aber weitgehend gesichert.

Können Sie Händedesinfektionsmittel zur Not selbst herstellen, um die Versorgung der Klinik zu gewährleisten?

Wir können das vor Ort machen, da wir eine der wenigen Klinikapotheken in Deutschland sind, die noch eine Herstellungsanlage für Desinfektionsmittel besitzen. Das bedeutet, wir können auch Desinfektionsmittel in einer bestimmten Menge im Voraus herstellen. Normalerweise ist das vom Gesetzgeber aber nicht vorgesehen. Heute hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin jedoch eine zeitlich begrenzte Ausnahmeregelung erlassen, die es Krankenhausapotheken, öffentlichen Apotheken und der Pharmaindustrie erlaubt, bestimmte Händedesinfektionsmittel herzustellen. Wir sind dabei, die erste Charge zu produzieren.

Derzeit kann man den Infekt nur symptomatisch behandeln, also zum Beispiel Medikamente gegen Fieber und Husten geben. Schwer erkrankte Menschen brauchen eventuell zusätzlich Antibiotika oder müssen beatmet werden. Sicher haben Sie Ihren Vorrat an solchen Mitteln aufgestockt. In welchen Dimensionen muss man da bei einer Uniklinik denken?

Selbstverständlich haben wir unseren Vorrat aufgestockt. Wir versorgen 1500 stationäre Betten, davon 250 auf Intensivstationen. Da muss man schon eher in Paletten als in Packungen denken.

Gibt es auch hier Probleme mit Lieferengpässen?

Derzeit haben wir bei den von Ihnen genannten Arzneimitteln keine Lieferschwierigkeiten. Insgesamt ist das aber ein Riesenthema. Es kommt zum Beispiel immer wieder zu Engpässen bei Antibiotika und krebshemmenden Arzneien, da viele Wirkstoffe großteils in wenigen Werken in China oder Indien hergestellt werden. Tritt dann bei einem Wirkstoffhersteller ein Problem auf, wirkt sich das auf alle Pharmakonzerne weltweit aus, die dort ihre Arzneistoffe beziehen. Inwieweit eine sich weiter ausbreitende Corona-Pandemie Auswirkungen auf diese Lieferkette haben könnte, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Man muss sich aber schon die Frage stellen, ob man sich in solche Abhängigkeiten begeben will. Behörden und Pharmakonzerne beraten deshalb seit Neuestem regelmäßig, wie man dieses Problem sinnvoll lösen kann. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass die Pharmaindustrie künftig wieder Werke in Europa etabliert, in denen sie Wirkstoffe produzieren lässt.