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Kurzsichtigkeit auf dem Vormarsch

Weltweit steigt die Zahl der Betroffenen rasant. Experten sprechen bereits von einer Epidemie. Forscher liefern jetzt erste Ansätze, um sie aufzuhalten

von Julia Rudorf, 17.01.2019
Normalsichtigkeit

Die Kurzsichtigkeit greift um sich: In Deutschland braucht bereits knapp die Hälfte eines Abitur-Jahrgangs eine Brille


Brillenschlange, Schlaumeier, Streber: Wer schon als Kind in der Schule eine Brille tragen musste, hatte es früher nicht leicht. Kurzsichtigkeit bei Jüngeren war bis in die 80er-Jahre in Deutschland selten. Das hat sich geändert: Knapp die Hälfte eines Abitur-Jahrgangs braucht mittlerweile eine Brille. In Asien ist die Situation noch wesentlich dramatischer: In Singapur etwa sind 90 Prozent der Erstsemester-Studenten von Kurzsichtigkeit – Experten nennen sie Myopie – betroffen. "Hier spricht man von einer Myopisierung der Bevölkerung", sagt Professor Norbert Pfeiffer, Direktor der Augenklinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz.

Krankheits-Risiko steigt

Warum Myopie weltweit solche Ausmaße annimmt und wie sich die Entwicklung bremsen lässt, dazu arbeiten Forscher seit Jahren. "Das Problem ist ja nicht nur die Kurzsichtigkeit selbst, sondern vor allem die Erkrankungen, die damit einhergehen", sagt Pfeiffer. Eine sogenannte hohe Myopie, also Kurzsichtigkeit, die über sechs Diop­trien hinausgeht, kann das Risiko für einen grünen oder grauen Star erhöhen. Auch eine Ablösung der Netzhaut oder, im schlimmsten Fall, eine Erblindung sind möglich.

Bei Kurzsichtigen ist der Aug­apfel länger als normal (siehe Grafik). Schon ein geringes Zuviel verschlechtert die Sicht: Ein Millimeter entspricht – 2,7 Dioptrien. Wissenschaftler hatten diverse Faktoren als Auslöser für dieses Wachstum im Verdacht. Zum einen die Gene: Kurzsichtige Eltern haben oft kurzsichtige Kinder. Doch auch Umwelt und Lebensstil spielen eine wesent­liche Rolle.

Begrenzte Lesezeit

Sehr belastend für das Auge ist das, was Myopie-Experten als Nah­arbeit bezeichnen: Lesen bei Kunstlicht und ein kleiner Abstand zum Text. Da dieser Zusammenhang aus Studien mit Schulkindern schon länger bekannt ist, haben besonders betroffene Länder schon seit Jahren spezielle Programme auf­gelegt. In Taiwan etwa gilt die 30-10-120-Regel: Schüler sollen höchstens 30 Minuten lesen und danach eine 10-minütige Pause ­­machen. Weil internationale Studien einen positiven Einfluss von Tageslicht nahelegten, wird seit 2010 auch da­rauf geachtet, dass die Kinder täglich 120 Minuten im Freien verbringen.

161 genetische Faktoren für Fehlsichtigkeit

Trotz der vielen Hinweise konnten Forscher erst jetzt mit Sicherheit sagen, wie stark Umwelt und Lebensstil die Sehschärfe beeinflussen. 2018 erschien die bisher größte internationale Studie dazu. Das Erbgut von mehr als 25 000 Menschen wurde dafür analysiert.

Mehr als die Hälfte von ihnen waren Teilnehmer der Gutenberg-Gesundheitsstudie der Universität Mainz. Die deutschlandweit größte Biodatenbank verfügt nicht nur über Proben wie DNA, RNA, Blutbestandteile oder Tränenflüssigkeit. Sie stellt Forschern detaillierte Informationen über Lebensstil, Erkrankungen, aber auch Bildungsstand der Studienteilnehmer zur Verfügung. Bei der Analyse konnten die Wissenschaftler 161 genetische Faktoren für Fehlsichtigkeit identifizieren – viermal so viele wie bislang bekannt.

Wie die Sehschärfe verloren geht

Können entfernte Objekte nicht mehr scharf erkannt werden, spricht man von Kurzsichtigkeit oder Myopie. Der häufigste Grund: ein verlängerter Augapfel.

Bildungsdauer entscheidend

Besonderes Gewicht bekam die Studie durch die Erkenntnis, die sich aus der Analyse von Genen und Bildungs­stand ergab. "Wir konnten zeigen, dass alle genetischen Faktoren zusammen weniger Einfluss auf die Kurzsichtigkeit haben als die Dauer der Bildung", sagt Pfeiffer. Schon 2014 wiesen Forscher anhand der Gutenberg-Studiendaten nach, dass die Kurzsichtigkeit mit der Höhe des Bildungsabschlusses zunimmt. Teilnehmer mit Hauptschulabschluss waren nur halb so oft kurzsichtig wie jene mit 13 Jahren Schulbildung. Eine Studie aus England von 2018 ergab, dass jedes zusätzliche Bildungsjahr nach dem 16. Geburtstag im Schnitt einen Sehfehler von – 0,27 Dioptrien bedeutet.

Warum es für die Augen so schlecht ist, auf gedruckten Text zu starren, wollten Forscher der Univer­sität Tübingen herausfinden. Sie untersuchten sogenannte On- und Off-Zellen in der Netzhaut, die auf Hell-Dunkel- Kontraste reagieren. "Aus früheren Studien wusste man bereits, dass das Augenwachstum verstärkt wird, wenn die Off-Zellen stimuliert werden", sagt die Forscherin Andrea Aleman. Werden dagegen die On-Zellen gereizt, hemmt dies das Augenwachstum.

Schwarz auf Weiß?

Frank Schaeffel, Professor für Neurobiologie an der Universität Tübingen, programmierte eine Software, welche die Reaktion dieser Zellen simuliert. Als er damit Kamerabilder auswertete,  machte er eine interessante Entdeckung: Filmte er Objekte in einiger Ent­fernung oder bunte Bilder im Büro, waren die On- und Off-Zellen ähnlich stark gereizt. Bei schwarz auf weiß gedrucktem Text dagegen waren vor allem die Off-Zellen aktiv. Bei weißen Buchstaben auf schwarzem Grund verhielten sich die künstlichen Zellen genau gegensätzlich. "Der starke Kontrast von Schwarz zu Weiß ist für das Auge ein sehr unnatürlicher Seheindruck. Dass gewöhnlicher Text die Zellen aber so überstimuliert, da wären wir trotzdem nicht gleich draufgekommen", sagt Schaeffel.

Die Wissenschaftler untersuchten dann, ob der Blick auf schwarze Buchstaben auch im menschlichen Auge einen messbaren Effekt hervorruft. Sie gaben Probanden zuerst einen herkömmlichen Text zu lesen: schwarz auf weißem Grund. Nach einer Stunde maßen sie die Dicke der sogenannten Aderhaut. Die Reaktion dieser Schicht hinter der Netzhaut
interessiert Wissenschaftler schon länger, denn sie hängt mit dem Aug­apfel-Wachstum zusammen (siehe Grafik). Tatsächlich nahm die Aderhautdicke ab, nachdem die Probanden den Text schwarz auf weiß ge­lesen hatten. Bei weißem Text auf schwarzem Hintergrund dagegen wuchs sie um rund neun Mikrometer.

Tipps für die Arbeit am Computer Was kann ich tun, um meine Augen während der Arbeit am PC zu entlasten?

Tageslicht verbessert das Sehen

Könnte sich also Kurzsichtigkeit aufhalten lassen, wenn Text künftig häufiger weiß auf schwarz gelesen würde? Andrea Aleman würde nicht so weit gehen. "Kurzsichtigkeit entsteht in jüngeren Jahren. Unsere Probanden waren dagegen schon erwachsen." Die Forscher planen deshalb eine Folgestudie, um die Wirkung der umgekehrten Kontraste auf Schul­kinder zu untersuchen.

Die Kontrast-Umkehrung könnte eine weitere Strategie sein, um die Myopie-Epidemie aufzuhalten. Allzu viele gibt es bislang nicht. In Singapur setzt man verstärkt auf Medikamente.

Atropin, der in der Augenheilkunde altbekannte Wirkstoff aus der Tollkirsche, gilt dort als Hoffnungsträger. Es weitet die Pupillen, damit mehr Licht ins Auge gelangt. In einer schwachen 0,01-prozentigen Lösung konnte es in Studien die Kurzsichtigkeit bei Kindern aufhalten. Auch die Regeln für Schule und Freizeit wirken. In Taiwan sinkt die Zahl kurzsichtiger Kinder seit 2012 – unter anderem, weil sie öfter ins Freie gehen.

Das tut den Augen gut

Kurzsichtigkeit lässt sich nicht rückgängig machen. Doch auch Erwachsene können etwas für ihre Augengesundheit tun. Tipps für die Arbeit im Büro:

  • Alle 20 bis 30 Minuten den Blick bewusst vom Bildschirm abwenden und in die Ferne schweifen lassen.
  • Bewusstes Blinzeln hilft müden Augen. Sie werden gleichzeitig ­gereinigt und mit Tränen­flüssigkeit benetzt. Bleiben die Augen zu ­trocken, tun Tränenersatzmittel aus der Apotheke gut.
  • Bei Pausen im Freien kommt ­Tageslicht ans Auge – eine wichtige Abwechslung zum blauen Licht von Bildschirmen.