Hilft Gesichtsgymnastik gegen Falten?

Ob Massagen und Gymnastik die Haut im Gesicht und am Hals tatsächlich straffen, beurteilen Hautärzte unterschiedlich. Probieren Sie unsere Übungen trotzdem einfach mal aus

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 17.10.2016

Die Wangen zum Ball blähen: Ob das gegen Falten hilft, ist umstritten


Viele Menschen setzen Schönheit mit jugendlichem Aussehen gleich. Aber je älter wir werden, desto mehr verliert die Haut an Elastizität. Hautfalten bilden sich im Gesicht und am Hals. Dementsprechend boomen Methoden, die Abhilfe gegen Falten versprechen. Am bekanntesten ist das Lahmlegen von Gesichtsmuskeln mittels Botox.

Manche Kosmetiker und Ratgeber-Autoren behaupten jedoch, dass auch ein Training der Gesichtsmuskeln Falten vermeiden kann. Deshalb wird im "Face Gym" durch bestimmte Übungen die Gesichtsmuskulatur gezielt trainiert. In den USA werben Beauty-Experten unter dem Schlagwort "Yotox" für Gesichtsyoga. Und Gesichtsmassagen sollen die Mimik entspannen.

Studien zu Gesichtsgymnastik fehlen bisher

Hautarzt Dr. Klaus Hoffmann, Leiter der Abteilung ästhetisch-operative Medizin im Universitätsklinikum Bochum, hält Gesichtsgymnastik nicht für zielführend. Bisher seien ihm keine Studien bekannt, die belegen würden, dass die Übungen Falten verhindern oder verringern.

Im Gegenteil zerfurche die vermehrte Aktivität der Muskeln eher die Haut: "Klassische Probleme wie die Zornesfalte, horizontale Stirnfalten, Krähenfüße und Lippenfältchen kommen zu einem nicht unerheblichen Teil durch Muskelbewegungen zustande." Solche Falten heißen deshalb auch mimische Falten. Wissenschaftlich sei das ohne jeden Zweifel belegt. Das erkläre den Erfolg von Botox.

Falte ist nicht gleich Falte

Andere Erfahrungen haben die Oberärztin Dr. Eva Juchems, Leiterin der Ästhetischen Dermatologie der Universitätsmedizin Mainz und ihre Kosmetikerinnen Dietlind Huck und Sandra Gebhard gemacht. Zwar geben sie Hoffmann Recht, dass bei Stirnfalten Gesichtsmassagen und gymnastische Übungen wenig helfen. Bei Falten, die durch die Schwerkraft bedingt sind, sehe es aber anders aus.

Dazu gehören beispielsweise Hängebäckchen, Doppelkinn oder Halsfalten. Sie werden durch die nachlassende Festigkeit des Gewebes bedingt. Dem gelte es mit entsprechenden Übungen entgegenzusteuern. "Aber auch an den Ringmuskeln rund um die Augen und den Mund können Gesichtsmassagen und aktive Bewegung kleinsten Knitterfältchen vorbeugen oder sie sogar glätten", sagt Hautärztin Juchems. Hoffmann setzt dagegen, dass bei Botox die Wirksamkeit zur Behandlung von "Krähenfüßen" durch gut gemachte Studien viel besser belegt sei. Er ist in diesem Punkt anderer Meinung als seine Mainzer Kolleginnen.

Volumen unter der Haut beugt Falten vor

Kosmetikerin Huck ergänzt: "Aktive Bewegungsübungen im Gesicht straffen die Muskulatur und durchbluten sie besser." Und auch die Haut erhalte dadurch reichlich Sauerstoff. Falten entstünden nicht zuletzt durch den Verlust von Weichteilmasse unter der Haut. Dazu gehören auch die Muskeln. Würde man sie erhalten oder gar verstärken, halte das auch die Haut straff. "Manche Menschen haben zum Beispiel einen vergrößerten Kaumuskel. Sie werden feststellen, dass an der Stelle die Haut sehr glatt aussieht. Genauso können andere Muskeln im Gesicht die Haut in Form halten."

Auch Hoffmann sieht den Verlust von Weichteilmasse als einen Grund für die Faltenbildung an. "Zusätzlich erleben wir alle im Alter eine Verkleinerung des Kieferknochens", ergänzt der Hautarzt. Um dem Volumenverlust entgegenzuwirken, werden Falten deshalb in seiner Abteilung auch mit Füllstoffen wie Hyaluronsäure unterspritzt, sogenannten Dermalfillern. "Das Auffüllen bringt außerdem die Muskeln wieder ins Gleichgewicht, sodass sie entspannen und weniger Falten produzieren."

Gesichtsgymnastik für den Alltag

Expertin Huck schwört hingegen auf Gesichtsübungen, die sich auch gut in den Alltag einbauen lassen. Man solle beispielsweise so tun, als würde man einen imaginären Ballon aufblasen. "Das geht auch, wenn Sie Auto fahren, in der Küche arbeiten oder im Büro sind." Wichtig sei es, mindestens drei- bis viermal pro Woche die Übungen zu machen.

Weitere Einsatzbereiche der Gesichtsgymnastik

"Auch Schauspieler, die ja mit ihrer Mimik Geld verdienen, brauchen Gesichtsgymnastik", sagt Expertin Huck. "Und Sänger trainieren vor allem den Mundbereich. Das unterstützt die Aussprache." Logopäden trimmen ebenfalls die Gesichtsmuskulatur ihrer Patienten. Sie lassen sie zum Beispiel einen Knopf am Faden hinter die Zähne nehmen und am Faden ziehen, um den Mundringmuskel zu aktivieren. Bei einer Fazialislähmung ist die Gesichtsgymnastik ein fester Baustein zur Rehabilitation.

Beispiele fürs Gesichtstraining

Huck sieht oft bei Männern, die sich rasieren, eine glattere Gesichtshaut als bei Frauen. "Denn das Anspannen der Haut, um die Barthaare abzurasieren, ist bereits ein gutes Workout für den Mundbereich." Folgende Übungen verrät die Kosmetikerin:

Mehr Übungen gibt es in entsprechenden Büchern oder auch auf Youtube. Allerdings empfiehlt Huck, sich zum Einstieg an eine versierte Expertin für Gesichtsgymnastik zu wenden. "Sie sollte genau wissen, wo sich die Muskulatur befindet, wo sie endet, und wie sie aufgebaut ist." Einiges falsch machen könnte man zum Beispiel beim Training des Halses. Denn die Muskeln, die wesentlich zur Straffung der Haut am Hals beitragen, schlummern im Alltag vor sich hin. Deshalb will gelernt sein, wie man den perfekten "Schildkrötenhals" ausführt, um sie zu aktivieren.

Fazit

Ob Gesichtsgymnastik langfristig die Faltenbildung vermindert, kann die bisherige Studienlage nicht klären. Experten vertreten dazu gegensätzliche Standpunkte. Fest steht aber: Wer daran glaubt, muss laut den Befürwortern der Methode langfristig dran bleiben und am besten die Übungen in den Alltag integrieren.