Ischias? Oft ist es nur ein Muskel

Ein unangenehmer Schmerz durchzieht die Lendengegend. Die Bandscheibe, denken viele jetzt. Doch oft haben die Beschwerden eine ganz andere Ursache

von Barbara Kandler-Schmitt, 19.07.2016

Männer mit dickem Geldbeutel trifft es häufiger. Tragen sie ihn in der Gesäßtasche, sitzen sie schief. Die unangenehme Nebenwirkung: ein schmerzhaftes Ziehen in der Pobacke, das bis ins Bein ausstrahlt. "Klar, der Ischias", denken dann viele.

Doch anders als bei klassischen Ischiasschmerzen gehen die Probleme nicht von der Wirbelsäule aus, sondern vom unscheinbaren Musculus piriformis – auf deutsch birnenförmiger Muskel. Die wenigsten wissen von seiner Existenz, bis er sich irgendwann schmerzhaft bemerkbar macht.

Piriformis-Muskel: nah am Ischiasnerv

Der fingerdicke Muskel ist für die Außenrotation des Hüftgelenks zuständig. Er liegt unter den Gesäßmuskeln und läuft vom Kreuzbein zur oberen Kante des Oberschenkelknochens. Dabei durchquert er eine Öffnung im Beckenknochen und kommt dort dem Ischiasnerv sehr nah, denn dieser verlässt das Becken in der Regel direkt unterhalb des Piriformis-Muskels.

Eine zu große Annäherung kann unangenehme Folgen haben: Bei einseitiger Überlastung verkrampft sich der Muskel, schwillt an, drückt auf den Nerv und klemmt ihn ein. Dieses sogenannte Piriformis-Syndrom verursacht dann ähnliche Symptome wie ein Bandscheibenvorfall. Auch die über dem Piriformis-Muskel liegenden Gesäßmuskeln können bisweilen ischiasartige Beschwerden verursachen.

Beschwerden wie beim Bandscheibenvorfall

Dazu zählen stechende oder ziehende Schmerzen im Gesäß, die bis zur ­­Mitte des hinteren Oberschenkels ausstrahlen können. Auch Taubheitsgefühle und Kribbeln bis zu den Zehen können auftreten. Oder Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule, die sich bei längerem Sitzen verschlimmern.

"Die Gefahr ist groß, dass man aufs falsche Pferd setzt", sagt Dr. Dieter Veith, Orthopäde aus dem badischen Emmendingen. Viel zu oft würden solche Beschwerden auf die Bandscheiben geschoben und die Patienten dann falsch behandelt, manchmal sogar unnötigerweise operiert. "Dabei haben Ischiasbeschwerden bei vielen Patienten muskuläre Ursachen", sagt Veith. Experten sprechen in diesem Fall von Pseudo-Ischias.

Wenn der Piriformismuskel auf den Ischiasnerv drückt:

Ein erfahrener Orthopäde merkt ­jedoch schnell, woran es liegt. "Bevor man den Patienten in die Röhre schiebt, sollte man ihn richtig untersuchen", betont der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU), Professor Heiko Reichel. Zumindest bei schlanken Patienten könne man den Piriformis-Muskel an der Rückseite des Gesäßes ertasten. Auch Bewegungstests und einfache neurologische Untersuchungen helfen weiter.

Wichtiges Indiz: Schmerzen, wenn das Bein gegen Widerstand gestreckt nach außen gedreht oder bei gebeugter Hüfte abgespreizt wird. "Während der Schmerz bei einem Bandscheibenvorfall bis in die Zehen ausstrahlen kann, spürt man den Ischias beim Piriformis-Syndrom meist nur bis zum Oberschenkel", sagt Reichel. 

Einseitige Belastungen meiden

Langes Sitzen im Auto oder am Computer nimmt der birnenförmige Muskel genauso übel wie einseitige Überlastung durch längere vornübergebeugte Haltung oder das Heben schwerer Gegenstände. Auch bei Läufern tritt das schmerzhafte Piriformis-Syndrom gehäuft auf – vor ­allem, wenn sie anatomische Besonderheiten haben wie unterschiedlich lange Beine oder eine verschobene Beinachse. "Schlechte Laufschuhe können das Problem noch verstärken", betont Reichel.

Anders als ein Bandscheibenvorfall wird der Pseudo-Ischias rein konservativ behandelt. Hier sind vor allem Physiotherapeuten gefragt: "Wir schauen nicht nur die schmerzende Stelle an, sondern betrachten den Patienten ganzheitlich", erklärt Claudia Geiges, leitende Physiotherapeutin an der Orthopädischen Klinik der Universitäts- und Rehabilitations­kliniken Ulm. So könne hinter einem Piriformis-Syndrom durchaus auch eine Achsfehlstellung am Sprung­gelenk stecken. 

Gezielte Dehnübungen helfen

Gezielte Dehnübungen lockern die verspannte Muskulatur. "Die Patienten müssen selbst aktiv werden", betont Geiges. "Wir geben ihnen lediglich das Handwerkszeug, damit sie ihre Schmerzen in den Griff bekommen." Bei der manuellen Therapie werden zudem schmerzhafte "Triggerpunkte" erspürt und bearbeitet. Dabei handelt es sich um einzelne verkürzte Muskelfasern, die als verhärtete Knötchen zu tasten sind.

Die Behandlung kann ziemlich wehtun – zumindest wenn der Therapeut die richtigen Punkte trifft. "Leider gibt es keine völlig schmerzfreie Therapie", sagt Orthopäde Veith, der die Triggerpunkte auch mit speziellen Akupunkturnadeln und fokussierten Stoßwellen bearbeitet. Vor allem in der Anfangsphase seien schmerz- und entzündungshemmende Medikamente sinnvoll.

Kann man vorbeugen?

Ebenfalls ratsam: die Therapie nicht auf die lange Bank schieben. "Je früher man die Beschwerden behandelt, desto schneller verschwinden sie wieder", betont Veith. Vor allem wenn man die Ursache nicht beseitigen kann, besteht die Gefahr, dass die Schmerzen chronisch werden. "Belastende Tätigkeiten kann man meiden, bei Beinlängendifferen­zen wird es schon schwieriger", sagt DGOU-Präsident Reichel. Dehnübungen und Muskeltraining beugen dauerhaften Problemen vor.

Wichtig ist ein Sport, der die Belastungen des Alltags ausgleicht: "Wer den ganzen Tag sitzt, sollte abends nicht noch ins Rudergerät oder aufs Fahrrad steigen, sondern lieber laufen oder schwimmen", sagt Physiotherapeutin Geiges. Vielsitzern rät sie, öfter die Position zu wechseln und regelmäßig aufzustehen. Vor allem aber den Geldbeutel aus der Hose zu nehmen.