{{suggest}}


Wie die Psyche das Immunsystem beeinflusst

Seelische Probleme haben Einfluss auf die Abwehr – und umgekehrt. Denn Gehirn und Immunsystem stehen in enger Verbindung

von Sonja Gibis, 17.12.2019
Illustration: Gedanken im Kopf

Abwehr konditionieren: Psyche und Immunsystem sind eng miteinander verknüpft


Giftgrüne Milch mit Erdbeer-Lavendel-Aroma – klingt nach einer Herausforderung für die Ge­schmacksnerven. Überraschen mag dagegen, dass auch die Abwehr reagiert.

Testpersonen für eine entsprechende Studie waren unter anderem Patienten, die aufgrund einer Nieren­transplantation immunhemmende Mittel erhielten. Die Pillen schluckten sie gleichzeitig mit dem exotischen Trunk.

Folge: "Die Hemmung des Immunsystems verstärkte sich nochmals deutlich", berichtet Studienleiter Professor Manfred Schedlowski, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Uniklinikum Essen.

Gesund durch die innere Einstellung?

Auch aus anderen Versuchen weiß man: Die grüne Milch macht’s. Doch wie kann das sein? Wie kann ein Getränk ohne Arznei das Immunsystem beeinflussen? Bekannt ist das Phänomen als Placeboeffekt.

Es wirkt kein Wirkstoff, sondern die Erwartung. Die Abwehr ist auf den Reiz der Milch konditioniert. Der Patient geht davon aus: Wenn ich das trinke, reagiert meine Abwehr. Vermittelt wird dieser Effekt über die Psyche.

Dass Immunsystem und Psyche eng verknüpft sind, ist keine neue Erkenntnis. Um diese Verbindung zu ­verstehen, gibt es einen eigenen Forschungszweig: die Psychoneuro­immunologie. Sie will die Mechanismen aufdecken, wie Abwehr, Nerven und Gehirn kommunizieren.

Krank durch chronischen Stress

Als Lehrbuchwissen gilt inzwischen, dass Stress unmittelbar auf das Immunsystem wirkt. "Akuter Stress aktiviert es", erklärt Professor Carsten Watzl vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der Technischen Universität Dortmund. In Urzeiten, aus der die Stressreaktion stammt, bedeutete diese fast immer Gefahr für Leib und Leben.

Wenn der Pulsschlag stieg, Schweiß ausbrach, war auch das Risiko für Verletzungen erhöht – und damit die Gefahr, dass Erreger eindringen. Der Körper bereitet sich bei akutem Stress noch immer darauf vor, indem er das Immunsystem hochfährt – auch wenn dies bei Termindruck statt Säbelzahntiger-Attacken keinen Vorteil mehr bringt.

Folgt auf die Aufruhr keine Erholung, verkehrt sich die Wirkung gar ins Gegenteil. "Chronischer Stress hemmt unsere Abwehr", sagt Watzl. Die Ursachen sind unter anderem der dauerhaft erhöhte Spiegel des Stresshormons Cortisol sowie die ständige Aktivierung des sogenannten sympathischen Nervensystems. Es lässt den Blutdruck steigen und das Herz schneller schlagen.

Mit sozialen Kontakten Infekte abwehren

Forscher haben festgestellt, dass sich dadurch die Zahl jener Immunzellen verringert, die unter anderem einen Angriff auf den eigenen Körper verhindern. Die Abwehr verliert also ihre Balance.

Auch Gefühle anderer Art können sich offenbar auf die Schlagkraft der Abwehr auswirken. "Wenn es einem über längere Zeit psychisch schlecht geht, leidet auch das Immunsystem", sagt Schedlowski. Gute soziale Beziehungen indes wirken positiv auf die Infekt­abwehr – obwohl sie eigentlich das Ansteckungsrisiko erhöhen.

Univ.-Prof. Dr. Manfred Schedlowski

Der Einfluss wirkt aber auch in die andere Richtung: Ein daueraktives Immunsystem kann auf die Seele schlagen. "Dass Menschen mit chronischen Entzündungskrankheiten wie Rheuma öfter an Depressionen leiden, weiß man schon länger", sagt Schedlowski. Zunächst dachte man, die Ursache sei die psychische Belastung durch die Krankheit.

Entzündete Psyche

Das Umdenken begann, als bei Immuntherapien, die künst­lich ­eine Entzündung erzeugen, Depres­sionen als Nebenwirkung auftraten. Inzwischen nehmen Forscher an, dass die Ursache psychischer Störungen auch die dauerhafte Entzündung  selbst sein kann, die zu Funktionsveränderungen im Gehirn führt.

Für Betroffene könnte das eine gute Nachricht sein. Damit tut sich ein ­neuer Therapieansatz auf: Behandelt würde die Depression, indem man die Entzündung stoppt. "Wir stehen noch am Anfang", so Schedlowski. "Aber da geht die Reise hin."

Weniger Nebenwirkungen

Auch er selbst forscht daran, die Erkenntnisse nutzbar zu machen. So könnten sie Menschen helfen, die immunhemmende Mittel einnehmen. Indem man die Abwehr konditioniert, ließe sich womöglich die Dosis verringern – und damit die Nebenwirkungen.

Bei Autoimmunerkrankungen wäre es ebenfalls denkbar, die Abwehr in die ­gewünschte Richtung zu lenken. Zudem ist bekannt, dass bei Allergikern die Psyche heftig mitmischt. So reicht bei manchem schon der Anblick blühender Wiesen und die Nase beginnt zu jucken.

Diagnose Immundefekt? Hilfe erhalten Sie bei dsai e.V., der Patientenorganisation für angeborene Immundefekte unter 0 80 74/81 64


Ändern Sie Ihr Verhalten aufgrund der stark gestiegenen Zahl an Corona-Neuinfektionen?
Zum Ergebnis