Impfen: Warum es Impfskeptiker gibt

Das Thema Impfen polarisiert. Die Psychologin Cornelia Betsch von der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt erklärt, warum das so ist

von Sonja Gibis, 16.11.2018
Prof. Dr. Cornelia Betsch

Cornelia Betsch lehrt Gesundheitskommunikation. Auf das Thema Impfen stieß sie, als sie für ihre Kinder eine Entscheidung treffen musste


Frau Prof. Betsch, Sie forschen als Psychologin zum Thema Impfen. Wenn sich jemand nicht impfen lässt, welche Gründe hat das?

Der Grund, an den die meisten sofort denken, ist das fehlende Vertrauen in die Impfung selbst oder auch die Institutionen, die dazu raten. Letztlich lehnen aber nur zwei bis fünf Prozent der Deutschen Impfungen generell ab – weitaus mehr fühlen sich verunsichert. Darüber hinaus gibt es einige andere Gründe, die teils sogar einen stärkeren Einfluss haben.

Zum Beispiel?

Zu wenig Wissen. Oder das Gegenteil: Ich habe so wahnsinnig viele Informationen zusammengesucht, dass sich viele widersprechen und ich am Ende nicht mehr weiß, wem ich glauben oder was ich tun soll. Viele fühlen sich durch die Krankheiten, gegen die Impfen schützt, auch nicht mehr bedroht. Wer weiß schon noch, was Diphtherie ist? Oder nehmen wir HPV, also Hu­mane-Papillomviren: Die Krebserkrankung, vor der die Impfung schützen soll, liegt so weit in der Zukunft – das kann ich als Elternteil eines Kindes, das geimpft werden soll, kaum greifen. Eine Rolle spielen darüber hinaus zu hohe praktische Barrieren.

Der Weg zum nächsten Arzt dürfte ja noch zu schaffen sein.

Wenn ich alleinerziehend bin und mir für die Arztsprechstunde einen halben Tag freinehmen muss, kann das eine entscheidende Hürde sein. Oder wenn ich mich im Winter für die Grippeimpfung in ein Wartezimmer voll schniefender Patienten setzen muss.

Viele Menschen, die dem Impfen ­kritisch gegenüberstehen, sind ­­Akademiker. Wie das?

Das lässt sich nur vermuten. Doch werden Entscheidungen gerade in diesen Kreisen heute oft hochindividua­lisiert getroffen. Im Internet stellt man sich sein persönliches Müsli zusammen, liest Testhefte für den richtigen Kinderwagen. Da will man auch beim Impfen eine individuelle Entscheidung fällen, zumal es ja um die Gesundheit geht. Und auch Impfskeptiker wollen im Grunde nur das Beste für ihr Kind. Viele googeln – und geraten leider oft viel zu leicht an falsche Informationen.

Man möchte meinen, Akademiker müssten Nutzen und Risiken einschätzen können.

Nicht unbedingt. Wer Geschichte oder Jura studiert hat, der hat deswegen nicht gelernt, eine medizinische Studie zu lesen – oder dass eine Korrelation noch keine Kausalität bedeutet. Etwa wenn der Heilpraktiker sagt: Alle Kinder mit Allergie, die zu mir kommen, sind geimpft. Das mag aus seiner Sicht stimmen, ist aber nur ein kleiner Ausschnitt der Realität und lässt keine Schlussfolgerung zu, dass Impfen die Ursache dafür ist.

Wie kann ich falsche von richtigen Informationen unterscheiden?

Das ist in der Tat nicht immer einfach. Zumal es Internet-Seiten von Impfgegnern gibt, die auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, als würden sie dem Laien die Fachliteratur endlich mal verständlich erklären. In Wirklichkeit picken sie sich aber nur das heraus, was ihre Sicht stützt. Wenn auf der Website Verkaufsziele verfolgt und Bücher oder irgendwelche Mittelchen angeboten werden, ist das ein deutliches Warnzeichen;  auch wenn Verschwörungstheorien oder absolute Aussagen über Wahrheit oder Heilung bemüht werden.

Viele impfkritische Seiten arbeiten mit Emotionen.

Und diese wirken leider wie ein Sog. Es ist in uns Menschen tief verwurzelt, dass wir Geschichten eher glauben als nüchternen Fakten. Selbst wenn wir versuchen, uns innerlich zu distanzieren. Seiten, die so arbeiten, wollen gezielt verunsichern.

Kann man dem etwas Emotionales entgegensetzen?

Man kann natürlich Geschichten von Kindern erzählen, die etwa an Masernspätfolgen sterben. Doch ich halte wenig davon, mit der Angstkeule zu arbeiten. Wenn aus zwei Richtungen emotional an einem gezogen wird, machen viele nichts, impfen ­also auch nicht. Was die Bereitschaft hingegen fördern kann, ist das Wissen, dass man durch eine Impfung auch andere schützt. Zum Beispiel ein kleines Kind, das an einem Immundefekt leidet und selbst nicht geimpft werden kann. Das kann man durchaus emotional verpacken.

Wäre die Impfpflicht eine Lösung?

Das glaube ich nicht. Unsere Studien zeigen: Wir wollen auch beim Impfen frei entscheiden. Werden wir eingeschränkt, ärgern wir uns und wollen uns unsere Entscheidungsfreiheit zurückholen. Wenn impfskeptische Menschen dazu gezwungen werden, sagen sie bei der nächsten freiwilligen Impfung: "Nein, hier impfe ich jetzt nicht." Auch in Deutschland diskutieren wir immer wieder über eine teilweise Impfpflicht. Das kann aber funktionierende Impfprogramme beschädigen. Der beste Weg ist für mich: das Impfen leicht machen, kombiniert mit guter Aufklärung.

Wie unterscheidet sich diese von schlechter Aufklärung?

Gute Aufklärung überzeugt – und überredet nicht. Wichtig ist, dass über alle Optionen informiert wird. Was passiert, wenn ich impfe – und was passiert, wenn ich es nicht tue.  Das macht etwa die Entscheidungshilfe der BzgA, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter www.impfen-info.de.

Wie könnte man sonst noch die Impfraten verbessern?

Etwa indem der Arzt aktiv daran erinnert. Praktisch wäre auch, die elektronische Krankenkarte dafür zu nutzen: Beim Arztbesuch könnte aufploppen, wenn eine Impfung fällig ist. Wichtig wäre zudem fachübergreifendes Impfen. So könnte der Kinderarzt die Eltern gleich mitimpfen. Gut funktioniert darüber hinaus aufsuchendes Impfen: Ein Arzt kommt direkt in den Betrieb, oder im Kindergarten kommt neben der Zahnfee auch die Impffee. Natürlich als Angebot – aber eines, das Impfen leicht macht.

Zur Person

Professorin Cornelia Betsch ist Psychologin und lehrt an der Philo­sophischen Fakultät der Universität Erfurt Gesundheitskommunikation.
Auf das Thema Impfen stieß sie, als sie für ihre Kinder eine Entscheidung treffen musste.
"Wir Menschen glauben Geschichten eher als Fakten"
Professorin Cornelia Betsch forscht seit Jahren an der Uni Erfurt über die Psychologie der individuellen Impfentscheidung