Ist ein Testosteronmangel gefährlich?

Wenn die Libido nachlässt, denken manche Männer an einen Testosteronmangel. Wie er sich feststellen lässt und wann er behandelt werden sollte

von Dr. Christian Guht, aktualisiert am 06.09.2016

Männerhormon: Testosteron kann stark machen, aber auch krank


Bei "Low-T" handelt es sich um ein Phänomen, ähnlich wie Rodeo oder American Football: Es ist Männersache und es gibt es praktisch nur in den USA. Ärzte, Medien und Prominente dort bezeichnen das Testosteron-Mangelsyndrom gar als "Epidemie" bei Männern ab 40. Der angebliche Krankheitswert bestehe im Nachlassen von Kraft, Konzen­trations­fähigkeit und Libido. Verantwortlich dafür sei der abfallende Spiegel des Hormons Tes­tosteron. Dem Low-T-Syndrom könne praktischerweise mit Gaben des Hormons gegen­gesteuert werden, was den Markt für Testos­teron-Produkte in wenigen Jahren um fast 70 Prozent wachsen ließ.

Begünstigt ein Testosteron-Mangel Krankheiten?

Mitauslöser für den Boom waren wissenschaftliche Studien, die ergeben, dass niedrige Spiegel des "Männerhormons" mit erhöhten Krankheits­risiken einhergehen, beispielsweise für Diabetes, Gefäßerkrankungen und Depres­sionen. Im Oktober 2014 zeigte eine Untersuchung argentinischer Mediziner solche Beziehungen wieder auf. In Deutschland ist daher zwar ebenfalls von der "Menopause des Mannes" die Rede, dennoch verabreichen hier Mediziner das Hormon deutlich zurückhaltender als im so pragmatischen wie marktliberalen Amerika.

Das mag berechtigt sein. Anfang 2014 ­erschien im Fachblatt Public Library of Science eine Studie, die nahelegte, dass die Gabe von Testosteron-Präparaten das Herzinfarktrisiko bei älteren Männern verdopple. Obwohl methodische Schwächen der Arbeit das Ergebnis mit einem Fragezeichen versehen, zeigen sich doch Fachärzte, Zulassungsbehörden und ­Patienten nachhaltig verunsichert: Ist das "Männerhormon" nun Fluch oder Segen für die Gesundheit? Handelt es sich bei den medizinischen Effekten tatsächlich um Auswirkungen des Testosteronspiegels oder umgekehrt um dessen Ursache?

In Deutschland gehen Gesundheitsforscher diesen Fragen seit einigen ­Jahren nach. Wissenschaftler der Universität Greifswald werteten die Daten von fast 2000 Männern aus, um zu überprüfen, wie sich deren Testosteron­spiegel zu diversen Krankheitsrisiken verhält.

Was Testosteron im Körper bewirkt

Sexualtrieb und Potenz hängen vom Testosteron ab. Die Fruchtbarkeit von Männern bedingt es hingegen nur im Zusammenspiel mit weiteren Hormonen. Die Motivation und den Antrieb beeinflusst das "Männerhormon" ebenfalls.

 

Das Muskelwachstum wird durch Testosteron stimuliert. In der Pubertät bilden Jungen daher mehr Muskelmasse aus als Mädchen, deren Testosteronspiegel nur ein Zehntel beträgt. Auch die Knochenstabilität hängt von dem Hormon ab. Mangelt es, tritt Osteoporose auf.

 

Testosteron regt die Blutbildung an, was die Leistungs­fähigkeit ebenfalls steigert.

"Wir konnten sehen, dass Männer mit niedrigen Testosteronspiegeln nicht nur häufiger verschiedene Herz-Kreis­lauf-­Risiken aufweisen, sondern auch früher sterben", berichtet Professor ­Robin Haring, der mittlerweile an der Europäischen Fachhochschule (EUFH) in Rostock lehrt. "Allerdings scheint es sich dabei nicht um eine kausale Beziehung zu handeln." Die niedrigen Spiegel verursachen die Gefäßleiden demnach nicht, sondern sind Ausdruck angeschlagener Gesundheit. Der Forscher berechnete, ob die Risiken nicht nur vom Blutspiegel des Testosterons abhängen, sondern auch von den genetischen Anlagen, die bei jedem Menschen den Spiegel des Hormons regeln. Das war nicht der Fall. Deshalb entschieden die Forscher das Henne-Ei-Problem – was war zuerst da? – zugunsten chronischer Erkrankungen.

Übergewicht: Fettgewebe kann Testosteronspiegel senken

"Bei Übergewichtigen senkt stoffwechselaktives Fettgewebe den Testosteronspiegel", nennt Haring eine biologische Erklärung. Das niedrige Hormon zeige somit die Gesundheitsgefahr an, bedinge sie aber nicht.

Ein Testosteronmangel im Alter könne dennoch einen gewissen Krankheitswert aufweisen, sagt Professor Chris­tof Schöfl, Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Erlangen. Abgeschlagenheit, Konzentrationsstörungen und Libidoverlust könnten durch Testosterongaben korri­giert werden. "Man lebt dadurch offenbar nicht länger, aber vielleicht besser", so der Spezialist.

Wie viel Testosteron ist zu wenig?

Schwierig sei es allerdings, diesen Krankheitswert im Einzelfall auszumachen. Grenzwerte für einen normalen Hormonspiegel sind schwer festzu­legen, wie Schöfl erklärt: "Es ist ganz normal, dass die Testosteron-Produk­tion im Laufe des Lebens abnimmt." Bereits ab dem 30. Lebensjahr bilden die Hoden langsam immer weniger von dem Steroidhormon. Ob altersbeding­ter "Mangel" also in krankhaftem Ausmaß besteht, hängt maßgeblich davon ab, ob der Betroffene über Beschwerden klagt. Abgespanntheit, Kraftlosigkeit und ein erloschenes Liebesleben können aber viele Ursachen haben und verursachen zudem höchst unterschiedlichen Leidensdruck. "Das genannte Krankheitsbild ist nicht sehr gut definiert", stellt Christof Schöfl vielsagend fest.

Im Gegensatz dazu gibt es diverse Erkrankungen, die durch "Androgenmangel" eindeutig charakterisiert sind. Störungen wie das Klinefelter-Syndrom oder bestimmte Erkrankungen der Hirnanhangsdrüse führen bereits in jungen Jahren zu mehr oder weniger ausgeprägten Symptomen des hormonellen Defizits: geringer Bartwuchs, Unfruchtbarkeit, Osteoporose. "Diese Patienten brauchen selbstverständlich eine Hormontherapie, um ihre Beschwerden zu lindern und ihnen ein normales Sozialleben zu ermöglichen", sagt Christof Schöfl.

Vorsicht vor Testosteronmissbrauch

Demgegenüber besteht beim altersbedingten "Low-T-Syndrom" ein nahtloser Übergang zur Lifestyle-Medizin, die das Versprechen gibt, Männer bis ins hohe Alter agil, stark und potent zu machen. Die Schattenseite dieses Anspruchs, beziehungsweise sein kriminelles Extrem, zeigt sich beim Missbrauch von Testosteron durch Doping. Zahlreiche Spitzensportler und ambi­tionierte Amateure schätzen die muskelaufbauende Wirkung von Steroidhormonen.

Problematisch am Hormondoping ist aber nicht nur die Wettbewerbsverzerrung, sondern auch das medizinische Risiko. Thrombosen gelten als typische Nebenwirkung unkontrollierten Testosterongebrauchs, denn das Hormon erhöht die Zahl der roten Blutkörperchen und damit die Zähigkeit des Bluts. Auch soll seine stoffwechsel­aktive Wirkung möglicherweise Krebs fördern. Deshalb galt die Substanz, die den Mann zum Manne macht, auch lange als seine Bürde: Die fünf Jahre kürzere Lebenserwartung von Männern könnte direkt oder indirekt davon abhängen, zumal Testosteron auch Aggressivität und Risikobereitschaft fördert.

Erhöhtes Unfallrisiko für junge Männer

Nachweislich tragen Männer gerade in jungen Jahren – bei hohem Testo­­­s­­teronspiegel – ein deutlich größeres Unfallrisiko als Frauen. "Die Hypothesen zur Verhaltenssteuerung mögen plausibel klingen, wurden bislang aber noch nie eindeutig bewiesen", wendet Robin ­Haring ein. In der Tat sind gerade Studien, in denen die sozialen Effekte des Hormons untersucht werden, selten und mitunter widersprüchlich – zumindest auf den ­ers­ten Blick: So soll Testosteron eben nicht nur aggressives Verhalten ­unterstützen, sondern auch die Fairness innerhalb sozialer Gruppen.

Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass die männliche Konstitu­tion an sich eine gewisse Gesundheitsgefahr darstellt – auch wenn man soziale Einflüsse ­­außen vor lässt: Mönche leben durchschnittlich immer noch ein Jahr kürzer als Nonnen, obwohl ihr Lebenswandel identisch sein dürfte. Christof Schöfl überzeugt das nicht so recht: "Die Kenntnisse sind lücken­haft. Dass die kürzere Lebenserwartung nur am Testosteron liegt, halte ich für unwahrscheinlich."

Aktiv werden für das hormonelle Gleichgewicht

Am ehesten scheint alles eine Frage der richtigen Balance zu sein. Darauf weist nicht zuletzt der Umstand hin, dass der Testosteronspiegel auch umgekehrt dem Lebensstil folgt. "Unsere Daten zeigen, dass bei Männern, die ihr Gewicht halten und sich regelmäßig bewegen, der Testosteronspiegel im Alter kaum abfällt", berichtet Haring. Andere Studien zeigen sogar einen Anstieg durch Sport. Demnach lässt sich für das hormonelle Gleichgewicht aktiv einiges tun. Selbst ist der Mann.