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Jobcenter: Gesundheit für Arbeitslose

Erwerbslose haben oft gesundheitliche Probleme, aber selten Zugang zu Präventionsangeboten. Um sie dennoch zu erreichen, gehen Politik und Kassen neue Wege

von Dr. Ralph Müller-Gesser, 27.12.2019
Illustration: zwei Menschen sitzen an einem Tisch, dazwischen macht eine Frau sportliche Übung

Arbeitslos: Die eigene Gesundheit kann bei Erwerbslosen auch wichtig sein, um wieder in der Arbeitswelt Fuß zu fassen


Die Deutschen fühlen sich prächtig – zumindest die Erwerbs­tätigen. "Diese Gruppe beurteilt ihren Gesundheitszustand heute deutlich besser als vor 15 Jahren", berichtet Professor Alfons Hollederer von der Universität Kassel.

Mit Sorge blickt der Gesundheitswissenschaftler hinter die Kulissen des blühenden ­Arbeitsmarkts: "Im gleichen Zeitraum schätzen Erwerbslose ihre Gesundheit jedoch immer schlechter ein."

Gesundheitsförderung für Erwerbslose

Das Problem ist bekannt: Arbeitslosigkeit macht krank, und eine angeschlagene Gesundheit erschwert den Wieder­einstieg ins Arbeitsleben. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, emp­fiehlt der Gesetzgeber Krankenkassen und Arbeitsämtern, zusammenzuarbeiten und Erwerbslosen Maßnahmen zur Gesundheitsförderung anzubieten.

Das Geld ist da, Kurse gibt es auch. Nur gehen die, denen sie helfen sollen, bislang kaum hin, sagen Experten. "Ar­beitslosigkeit führt oft zu Lebens­­krisen", so Stefan Bräunling von der Geschäftsstelle des Kooperations­­verbundes Gesundheitliche Chancengleichheit. Sie macht körperlich und psychisch krank, belastet Ehen und lässt Freunde sowie Bekannte auf Distanz gehen.

Präventionsmaßnahmen haben selten Priorität

"In einer solchen Situation hat die Gesundheitsförderung selten Priorität. Die Betroffenen sind deshalb nur schwer für Präventionsmaßnahmen zu motivieren", beschreibt Bräunling die momentane Lage. Hinzu kommt, dass Erwerbslose oft nichts von den Ange­boten erfahren, weil sie mit den klassischen Anbietern wie Krankenkassen oder Vereinen kaum noch in Kontakt kommen.

Das Dilemma beschäftigt Dr. Monique Faryn-Wewel seit 2003. "Damals war besonders im Ruhrgebiet die Zahl der Arbeitslosen extrem hoch", berichtet die Gesundheitswissenschaftlerin vom Team Gesundheit, einer von Betriebskrankenkassen finanzierten Gesundheitsberatung.

Kursprogramme mit positiver Bilanz

"Mit den üblichen Präventionsmaßnahmen wie Rückenschulen und Ernährungskursen haben wir die Erwerbslosen damals nicht erreicht. Wir entschieden uns daher für einen anderen Weg."

Es entstand das Kooperationsprojekt JobFit. Mitarbeiter von Arbeitsagenturen und Jobcentern wurden darin geschult, ­Erwerbslose für Gesundheitsthemen zu sensibilisieren.

Auch ein eigenes Kursprogramm Stressfaktor Arbeits­losigkeit entstand – und entwickelte sich zu einem ­­Erfolg. Die Präventionskurse wurden gut besucht, den Teilnehmern ging es besser – sogar noch sechs Monate später, wie Befragungen zeigten.

"Lebensweltorientierte Ansätze"

Professor Hollederer, Gesundheitsforscher der Universität Kassel, hat JobFit und andere Präventionsansätze für Erwerbslose unter die Lupe genommen. "Solche Maßnahmen können funktionieren, wenn die Teilnahme freiwillig ist, keine großen Hürden zu überwinden sind und sie sich inhaltlich am Alltag der Betroffenen orientieren", fasst es der Forscher zusammen. Experten sprechen von "lebensweltorientierten Ansätzen".

Das ist leichter gesagt als umgesetzt. "Erwerbslose haben keine einheitliche Lebenswelt, an der man bei der Gesundheitsförderung ansetzen könnte", erklärt Bräunling vom Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit. Die Bedürfnisse arbeits­loser Frauen, Männer oder Alleinerziehender sind höchst unterschiedlich.

"Deshalb muss Gesundheitsförderung bei Erwerbslosen möglichst breit angelegt werden", sagt der Experte. Auch Schuldnerberatung oder Anleitung für die Freizeitgestaltung zur Prävention gehöre dazu.

Angebot soll ausgweitet werden

Um regionale Unterschiede zu berücksichtigen, plädieren Experten für örtliche Steuerungsgruppen zur Bedarfsbestimmung. "Im Idealfall sind neben Vertretern des Arbeits- und des Gesundheitsmarkts auch Arbeitslose in diesen Gremien vertreten", sagt Hollederer.

Ohne Kooperation aller Einrichtungen gebe es keine erfolgreiche Umsetzung. Nur so lassen sich die Bedürf­tigen erreichen, mit indi­viduellen Angeboten je nach Bedarf. "Im Hinblick auf die Verzahnung und Vernetzung der verschiedenen Angebote für Erwerbslose hat sich in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland zum Glück viel getan", stellt Hollederer fest. Allerdings ist der Weg zur flächendeckenden Versorgung noch weit.

Arbeitslose mit attraktiven Angeboten locken

Als wichtiger Schritt gilt ein neues Projekt von Krankenkassen, der Bundesagentur für Arbeit und Kommunen. Schon 2012 startete es als Modellversuch in sechs Regionen. Heute arbeiten die verschiedenen Akteure an mehr als 100 Standorten in ganz Deutschland zusammen. Eine wesentliche Rolle kommt den Integrationsfachkräften der Jobcenter zu. Sie motivieren Erwerbslose zur Teilnahme an geeigneten Angeboten.

Neben klassischen Bewegungs- oder Ernährungskursen sind das Ange­bote, in denen es um Entspannung, Alltagsgestaltung oder die Frage geht, wie man gute Vorsätze umsetzt. ­Außerdem im Programm: die Gesundheitsreise, eine Art Schnitzeljagd, bei der das Kennenlernen der örtlichen Gesundheitsakteure im Vordergrund steht.

Fruchtbare Kooperationen

Ein wichtiger Aspekt, denn mit der Teilnahme von Städten und Kommunen haben sich viele weitere Einrichtungen angeschlossen: Mit im Boot sind Freizeitzen­tren, Selbsthilfegruppen, Vereine, Volkshochschulen und Arbeitsloseninitiativen. Das Ganze funk­tioniert gut – so gut sogar, dass es nächstes Jahr auf 230 Standorte ausgedehnt wird.

Ein Projekt, das auch Fachleuten wie Elena Weber vom Zentrum für Migration und Soziales der Diakonie Deutschland gefällt. Der Expertin für Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigung geht es trotzdem nicht weit genug.

Der Grund ihrer Kritik: Es zielt nicht auf die Langzeitarbeitslosen ab, deren Zahl in den letzten Jahren unverändert hoch geblieben ist und die meistens bereits größere Gesundheitsprobleme haben. Weber: "Diese Menschen brauchen ­keine Gesundheitsförderung, sondern Rehabilitationsmaßnahmen."

Der Weg zurück in die Arbeitswelt

Hoffnung setzt die Expertin deshalb in die Modellprojekte des Bundesprogramms rehapro, die seit diesem Jahr laufen und die Zusammenarbeit der Akteure im Bereich medizinischer und beruf­licher Rehabilitation verbessern sollen.

Elena Weber fasst zusammen: "Wenn es gelingt, Leistungen zu organisieren, die spe­ziell auf den Einzelnen zugeschnitten sind, können Menschen mit ausgeprägten gesundheitlichen Einschränkungen in der Arbeits­welt wieder ­Fuß fassen."