Wie Erwachsene das Stottern verlernen

Mit modernen Methoden und viel Geduld können auch erwachsene Stotterer ihre Sprechstörung bewältigen. Außerdem: Tipps für das Gespräch mit Stotterern

von Stefan Schweiger, aktualisiert am 22.10.2015

Stotter-Expertin: Prof. Katrin Neumann mit einem Untersuchungsgerät auf dem Kopf


Christian M. ist ein Mensch, "der gern redet und erzählt", wie er von sich sagt. Nach dem Abitur arbeitete er zunächst als Sozialversicherungsangestellter, heute jobbt er neben seinem Betriebswirtschafts-Studium in Münster in der Telefonzentrale eines Krankenhauses. Keine einfache Aufgabe, denn er stottert. Der Sprechstörung stellt er sich aber selbstbewusst.

Mit fünf Jahren war Christian M. ein aufgeweckter Junge mit einer gesunden Portion Erzähldrang. Aus heiterem Himmel begannen die Wörter damals nicht mehr so selbstverständlich aus seinem Mund zu fließen, wie er es gewohnt war: "Obwohl ich genau weiß, was ich sagen will, bringe ich es oft nicht heraus."

Stottern hört meist in der Pubertät auf

Etwa fünf Prozent aller Kinder fangen plötzlich an zu stottern – die Gründe dafür sind unbekannt. Doch genauso plötzlich hören 80 Prozent von ihnen bis zur Pubertät wieder auf. "Je früher stotternde Kinder zu einem Therapeuten gehen, desto besser", sagt Professorin Katrin Neumann, Leiterin der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie am St. Elisabeth-Hospital im Katholischen Klinikum Bochum.

Tipps für die Unterhaltung mit Stotterern

Hat sich das Stottern aber bis ins Erwachsenenalter nicht verloren, bestehen nur geringe Aussichten auf eine Heilung. Etwa ein Prozent der Deutschen – rund 800.000 Menschen – sind davon betroffen. "Die Sprechmuster bilden sich im Kindesalter aus, ver­fes­tigen sich, und später kann man sie sich nur noch schwer abgewöhnen", sagt Neumann. "Erwach­­sene Stotterer können aber lernen, selbst­bewusst damit umzugehen und Sprechtechniken gezielt einzusetzen."

Raus aus dem Teufelskreis

Am Sprechen sind mehr als 100 Muskeln beteiligt. Bis das Sprachzentrum einen Gedanken in Wörter und Sätze formt und einen Befehl an den Sprech­apparat sendet, vergehen nur Bruchteile einer Sekunde. Bei Stotterern ist dieses komplexe Zusammenspiel gestört, und die Kontrolle über die Sprechwerkzeuge versagt. Sie stolpern über einzelne Wörter. Damit beginnt oft ein Teufelskreis. Um nicht aufzufallen, ziehen sich viele Betroffene zurück und sprechen möglichst wenig – was das Stottern häufig weiter verstärkt.

Als Therapie vertraut Neumann auf "Fluency Shaping" (ins Deutsche übertragen: "Redefluss-Formung"). Die Betroffenen üben dabei in mehrwöchigen Intensivtherapien neue Sprech­tech­niken ein. Sie gehen in realitätsnahen Rollenspielen einkaufen oder trainieren das Telefonieren. Dabei beginnen sie mal die Wörter mit einem weichen Stimm­­ansatz, mal dehnen sie die Silben oder steuern bewusst die Atmung über das Zwerchfell. Diese Technik verändert das gesamte Sprechen so, dass es eine bewusste Anstrengung bleibt, das Stottern aber kaum noch auftritt.

Die Angst nehmen

Mit der "Stottermodifikation" dagegen sollen Betroffene lernen, frühzeitig Situatio­nen zu erkennen, in denen sie typischerweise anfangen, sprachlich zu stolpern. "Ziel ist ein flüssiges Stottern, mit dem sie zwar nach wie vor hörbar, aber deutlich sanfter aus einer Sprechblockade herauskommen", sagt Professor Martin Sommer. Der Facharzt für Neurologie am Universitätsklinikum Göttingen ist Vorsitzender der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe und hat selbst von diesem "Nicht-Vermeidungs-Ansatz" profitiert. Statt unwillkürlich zu sein, werde Stottern dadurch beherrschbar und weniger mit Angst besetzt.

Eine dieser Selbsthilfegruppen besucht Christian M., seit er 16 Jahre alt ist. In diesem geschützten Raum kann er die verschiedenen Therapietechniken ausprobieren. Muss er heute vor seinen Mitstudenten einen Vortrag halten, weist er sie darauf hin, dass er stottert. Dann fällt die Anspannung von beiden Seiten ab: "Das Wichtigste ist, sich nicht von seinen Versagensängsten beherrschen zu lassen." M. muss kontinuierlich weitertrainieren, damit sich alte Sprechmuster nicht wieder einschleifen. Noch vor Kurzem hatte er Proble­me, den Namen seiner Freundin auszusprechen. Heute geht ihm "Anna" ganz leicht über die Lippen.