Nutzen und Gefahren der Familienaufstellung

Bei einer Familienaufstellung werden die Bezugspersonen eines Ratsuchenden plastisch dargestellt. Kann diese Methode eine Psychotherapie ergänzen?

von Annika Mengersen, 07.08.2018
Therapeut und Patientin bei Familienaufstellung

Kann wie ein Spiel aussehen, wühlt aber oft die Beteiligten stark auf: Eine Familienaufstellung


Maria Becker (Name geändert) klammert sich an eine ihr bis zu diesem Morgen unbekannte Frau, Tränen laufen über ihr Gesicht. "Mama, ich hab dich lieb und bin so traurig, dass du nicht mehr da bist", schluchzt sie. Die bizarr anmutende Szene wird nachvollziehbar, wenn man erfährt: Hier findet eine Familienaufstellung statt. Zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemischten Alters, eine Therapeutin – und anderthalb Tage Zeit, um unterschiedliche persönliche Probleme anzugehen.

Auswahl von Stellvertretern

"Eigentlich war es vor allem Neugier, die mich zu dem Seminar geführt hat", erinnert sich Maria Becker heute, zwölf Jahre später. Dass sie mit schwerem emotionalen Gepäck anreiste, war der damals 45-jährigen Hamburgerin nicht bewusst: "Meine Mutter war gestorben, als ich fünf Jahre alt war, aber ich hatte mich nie mit ihrem Tod auseinandergesetzt, konnte mich überhaupt nicht an sie erinnern", erzählt sie.

Becker soll aus der Seminargruppe "Stellvertreter" für sich, ihren Vater, ihre Stiefmutter und ihre leibliche Mutter auswählen. Diese führt sie intuitiv an einen Platz im Raum, nimmt ihre "Stellvertreter-Mutter" in den Arm – und wird von Emotionen übermannt: "Ich empfand gegenüber dieser Mutterfigur tiefe Zuneigung und hatte gleichzeitig das Gefühl, von ihr ganz viel Liebe zu empfangen." Becker spürt Trauer, aber auch tiefe Dankbarkeit. "Ich habe zum ersten Mal gemerkt: Meine Mutter ist gar nicht weg, sondern hat in diesem Leben noch ein Wörtchen mitzureden – ein extrem tröstliches Gefühl, das mich seitdem begleitet", sagt sie.

Nachstellen des familiären Systems, um Konflikte aufzudecken

Bei einer Familienaufstellung (auch "Familienstellen") wird das familiäre System eines Ratsuchenden durch Personen oder Symbole nachgestellt – mit dem Ziel, negative Muster und Konflikte herauszuarbeiten und zu lösen. Bei der Arbeit mit menschlichen Stellvertretern wie im Fall von Maria Becker werden diese auch nach ihren Gefühlen befragt und verändern so lange ihre Positionen zueinander, bis sich die Situation für alle Beteiligten entspannt. Rituelle Sätze und Gesten sollen den Prozess unterstützen. Die Vorgehensweise wird inzwischen auf Fragestellungen verschiedenster Art übertragen – so z. B. auch auf Arbeits- und Organisationsstrukturen.

Am Thema "Familienaufstellungen" scheiden sich die Geister: Die einen schwärmen von schnellen Erkenntnissen, stärkenden Gefühlen und klärenden Worten, die anderen sehen massive Gefahren für psychisch labile Teilnehmer oder halten Aufstellungsarbeit schlichtweg für Hokuspokus. Letzteres hat viel damit zu tun, dass die Methode durch eine überaus umstrittene Persönlichkeit populär wurde: Bert Hellinger, Jahrgang 1925. Der ehemalige katholische Priester kreierte in den 80er- und 90er-Jahren aus verschiedenen familienzentrierten Ansätzen eine eigene "Behandlungsmethode".

Identifikation mit den Ahnen

In teils öffentlichen Events mit Dutzenden von Teilnehmern stellte er die Herkunftsfamilien und Ahnenreihen seiner Klienten auf – getragen von einer durch und durch reaktionären und esoterischen Weltanschauung: Der Mann ist Hellinger zufolge das Oberhaupt der Familie, Erstgeborene stehen im Rang über ihren Geschwistern. Außerdem identifizieren sich Menschen Hellingers Ansicht nach unbewusst mit ihren (längst verstorbenen) Ahnen. "Aufgeklärt" werden kann dies, indem sich die Stellvertreter während einer Aufstellung mit einem "wissenden Feld" verbinden – einer Art Gedankenreich der Toten.

Auch vor der "Behandlung" von Missbrauchsfällen und schwere Krankheiten schreckte Bert Hellinger nicht zurück. In einem Interview mit der Zeitschrift "Psychologie Heute"erzählt er 1995 von der Aufstellung einer Klientin, die von ihrem Vater sexuell missbraucht worden war: "[...] die Frau [stand] dem Vater gegenüber und ich habe sie sagen lassen: 'Papa, ich habe es gerne für dich gemacht.' Und sie hat über das ganze Gesicht gestrahlt. Da war eine solche Liebe, das war unglaublich."

Dr. med. Ernst Robert Langlotz

Therapeuten distanzieren sich von Bert Hellinger

Noch heute eifern manche Therapeuten Bert Hellinger nach. Die Mehrzahl hat sich allerdings von ihm distanziert – und eigene Ansätze entwickelt. Zum Beispiel der Psychiater, Neurologe und niedergelassene Psychotherapeut Dr. Ernst Robert Langlotz aus München, der bereits seit 1994 Aufstellungen durchführt. "Bei aller berechtigten Kritik an Bert Hellinger kann das Aufstellen einer Familie mit menschlichen Stellvertretern wichtige Informationen über unbewusste Zusammenhänge geben", ist Langlotz überzeugt.

Da er bei seiner Arbeit immer wieder auf "Symbiosemuster" stieß, die zutage treten, wenn Menschen sich zu stark an andere anpassen oder nicht mehr sicher zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen unterscheiden können, richtete er seine Gruppenaufstellungen darauf aus und entwickelte das Verfahren der "Systemischen Selbst-Integration". "Mit dem Modell lassen sich viele Phänomene klären – von belasteten Eltern-Kind-Beziehungen bis hin zu Burnouts", sagt er.

Im Rahmen seiner psychotherapeutischen Einzelarbeit bietet Langlotz eine Variante der Familienaufstellung an, die als weniger emotional belastend gilt – mithilfe von Spielfiguren. "Es klingt bizarr, aber indem der Klient den Zeigefinger auf eine Figur legt, kann er besser spüren, wie es ihm selbst in dieser Position ergehen würde", so der Mediziner.

Bettina Lindner

In Krisen kann eine Familienaufstellung kontraproduktiv sein

Für akut suizidale oder psychotische Menschen ist allerdings jede Art der Aufstellungsarbeit problematisch: "In einer schweren psychischen Krise muss der Patient in erster Linie stabilisiert werden, wofür eine Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte weder notwendig noch sinnvoll ist", warnt die Diplom-Psychologin und Familientherapeutin Bettina Lindner, die eine Systemische Praxis in Berlin betreibt und am Ausbildungsinstitut der "Gesellschaft für Systemische Therapie und Beratung" (GST) als Lehrtherapeutin, -coach und -supervisorin tätig ist. Oberste Priorität habe in solchen Fällen die Bewältigung des Alltags, also z. B. das Erstellen eines Tages- und Krisenplans sowie der Aufbau eines "Unterstützer-Netzwerkes".

Familienaufstellung als Methode der Systemischen Therapie

Moderne Familienaufstellungen werden der psychotherapeutischen Fachrichtung "Systemische Therapie" zugeordnet, die auf den sozialen Kontext psychischer Störungen ausgerichtet ist: Jede Familie stellt ein eigenes System dar, in dem alle voneinander abhängig sind bzw. sich gegenseitig beeinflussen. Viele gemeinnützige Stellen für Paar-, Erziehungs- und Familienberatung arbeiten systemisch. Der "Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie" hat die Fachrichtung Ende 2008 offiziell anerkannt – allerdings, ohne dass die Familienaufstellung als einer ihrer Bestandteile auf ihre Wirksamkeit hin überprüft worden wäre. Seit einigen Jahren bieten einzelne Institute eine Systemische Psychotherapieausbildung mit Approbation an.

Während zwei weitere große psychotherapeutische Fachrichtungen, die "Analytische Psychotherapie" bzw. "Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie" und die "Verhaltenstherapie", mit den gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet werden können, muss eine Systemische Therapie in der Regel privat bezahlt werden.

Systemische Beratung darf jeder anbieten

Anders als die Bezeichnung "Psychotherapeut" ist der Begriff "systemisch" nicht geschützt: Theoretisch kann jeder eine "Systemische Praxis" eröffnen oder "Systemische Beratung" offerieren. Selbsternannte "Heiler" und andere Scharlatane haben so leichtes Spiel und können im schlimmsten Fall psychisch schwer kranke und dringend therapiebedürftige Menschen davon abhalten, sich seriöse Hilfe zu holen. Abgesehen davon sind viele Anbieter keine Ärzte oder Psychologen mit psychotherapeutischer Qualifikation, sondern z. B. "Heilpraktiker für Psychotherapie" (mit staatlicher Zulassung, aber sehr unterschiedlichen Ausbildungswegen) oder fachfremde Quereinsteiger mit einer beliebigen systemischen Zusatzqualifikation.

Die beiden großen Dachverbände Systemischer Therapeuten, die "Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie" (DGSF e. V.) und die "Systemische Gesellschaft" (SG), fordern seit Jahren stärkere Reglementierungen – doch der Markt ist groß und unübersichtlich: Allein die Zahl der Familienaufsteller in Deutschland wird auf etwa 2000 geschätzt; wie viele Systemische Praxen es in Deutschland aktuell gibt, weiß niemand. Die Kosten für eine Aufstellung variieren je nach Anbieter, Region und Seminar- bzw. Behandlungslänge. Viele Therapeuten geben auf ihrer Webseite Auskunft über ihre Stundensätze (ab ca. 80 Euro) und Seminarpreise.

Systemischen Fachgesellschaften formulieren Qualitätsrichtlinien

Um Hilfesuchenden Orientierung zu bieten, haben die Fachgesellschaften Qualitätsrichtlinien aufgestellt und listen von ihnen anerkannte Therapeuten auf, die Psychologie, Medizin oder zumindest ein humanwissenschaftliches Studium wie z. B. Soziologie oder Pädagogik mit einem Diplom, Master oder dem Staatsexamen abgeschlossen und anschließend drei Jahre lang vorgegebene methodische Ausbildungsmodule im Bereich des systemischen, familientherapeutischen Arbeitens absolviert haben. Bestandteile sind hier u. a. Supervision und Selbsterfahrung, damit persönliche "Baustellen" der Therapeuten nicht mit den Klienten ausgetragen werden.

"Es ist ratsam, als Erstes auf die Qualifikation eines Systemischen Therapeuten zu schauen", bestätigt Bettina Lindner, die im Rahmen ihrer familientherapeutischen Tätigkeit bewusst keine einzelnen Aufstellungen anbietet. "Im Laufe einer Langzeittherapie kann es aber durchaus mal sinnvoll sein, die Familienstrukturen eines Klienten in Augenschein zu nehmen", so die Diplom-Psychologin. Sie selbst arbeite in solchen Fällen allerdings ausschließlich nach dem Prinzip der "Familienskulptur".

Das von der US-Psychotherapeutin Virginia Satir (1916-1988) begründete Verfahren stellt die Beziehungen und das Verhalten von Familienmitgliedern untereinander symbolisch dar und unterscheidet sich insofern wesentlich von der "Klassischen Familienaufstellung", als dass Lösungen bei ihr immer gemeinsam mit dem Patienten entwickelt werden und dieser die Expertise für seine Lebensgeschichte nicht aus der Hand geben muss. "Steife Vorgaben und Strukturen à la Hellinger sind absolut kontraproduktiv", betont Lindner. Für einen psychisch labilen Menschen könne eine fragwürdig durchgeführte Familienaufstellung eine emotionale Belastung sein, also z. B. massive Schuldgefühle hervorrufen.

Im Rahmen ihrer Lehrtätigkeit verweist die Diplom-Psychologin gern auf die Qualitätsrichtlinien der DGSF, in denen u. a. steht, dass der Therapeut "nicht die ‚wahre‘ Sicht kennen kann." Hellingers Auftritte hätten entscheidend zu der (falschen) Erwartungshaltung beigetragen, "dass Familienaufstellungen als ‚Ultra-Kurz-Event‘ große Veränderungen herbeiführen können", schreibt die DGSF auf ihrer Webseite.

"Es kommt darauf an, wer eine Aufstellung wie und in welcher Situation für wen anbietet"

Dass Familienaufstellungen nach Hellinger kritisch betrachtet werden sollten, darüber sind sich qualifizierte Fachleute einig. Pauschale Kritik an der Methode hingegen übt kaum (noch) jemand: "Es kommt darauf an, wer eine Aufstellung wie und in welcher Situation für wen anbietet", bringt es Lindner auf den Punkt. Selbst von einer Therapie abgekoppelte Aufstellungsseminare halte sie für "undramatisch", wenn diese gut vor- und nachbereitet würden und sich kein Teilnehmer in einer psychisch-emotionalen Notlage befinde.

Wissenschaftlich fundierte Untersuchungen zum Thema Familienaufstellung sind rar. Anbietern reicht es oft aus, positive Rückmeldungen von ihren Klienten zu bekommen. Zwischen 2009 und 2013 wurde die Wirksamkeit von Familienaufstellungen erstmals im Rahmen einer randomisiert-kontrollierten Studie des Universitätsklinikums Heidelberg untersucht*: 208 Erwachsene nahmen – eingeteilt in eine Interventions- und eine Kontrollgruppe – im Abstand von vier Monaten an einer Aufstellungsreihe bei zwei erfahrenen Psychotherapeuten teil. Durch regelmäßige Befragungen konnten die Forscher feststellen, dass "Systemaufstellungsseminare [...] mittel- und langfristig die psychische Gesundheit, das Erleben innerhalb privater Systeme und die Erreichung selbst gesetzter Ziele positiv zu beeinflussen [scheinen]". Die dokumentierten Effekte waren jedoch kleiner als die in langfristigen Einzeltherapien.

Da im Rahmen der Heidelberger Studie keine klinische Diagnostik durchgeführt wurde, konnte das psychotherapeutische Potenzial von Familienaufstellungen nicht geklärt werden. Die Autoren gehen davon aus, dass Familienaufstellungen "im klinischen Setting vermutlich eher als ergänzender Teil einer umfassenderen psychotherapeutischen Behandlung […] stehen als ‚für sich allein‘ psychische Erkrankungen zu therapieren."

Problematisch an der Studie: Die Versuchspersonen wurden nicht nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, sondern bewarben sich selbst aktiv um eine Teilnahme in der beschriebenen Studienreihe. "Deshalb gelten unsere Ergebnisse zunächst einmal nur für einen überwiegend weiblichen, akademisch vorgebildeten, in Systemaufstellungen vorerfahrenen Teilnehmerkreis, der bei zwei sehr erfahrenen, approbierten […] Pychotherapeuten an Aufstellungsseminaren in deren Stil teilnahm", geben die Forscher selbst zu bedenken. Insgesamt ergibt sich also durch die Untersuchung keine allgemeingültige Aussage zur Wirkungsweise von Familienaufstellungen.

"Beziehungen bereinigen, obwohl der betreffende Mensch gar nicht dabei ist"

Maria Becker war weder psychisch labil, noch auf der Suche nach einem Psychotherapie-Ersatz, als sie an ihrem ersten Aufstellungsseminar teilnahm. Ihr Kindheitstrauma hat die 57-Jährige nach eigenen Angaben mit verschiedenen Körpertherapien und weiteren Familienaufstellungen verarbeitet. Ihr Selbstwertgefühl sei gewachsen, erzählt sie: "Früher habe ich mich unbewusst mit starken, mütterlichen Freundinnen umgeben – heute brauche ich das nicht mehr."

An der Aufstellungsarbeit fasziniert die Hamburgerin vor allem, dass man durch sie "Beziehungen erleben und bereinigen kann, obwohl der betreffende Mensch gar nicht dabei ist." Becker konnte die Liebe ihrer verstorbenen Mutter spüren, fühlte sich nach dem Seminar gestärkt und geborgen. Dass längst nicht jede Familienaufstellung so versöhnlich endet, ist ihr bewusst: "Bei gravierenden psychischen Konflikten würde ich davon abraten, ein Aufstellungsseminar zu besuchen und anschließend allein nach Hause zu fahren", sagt sie. Und noch etwas sollte sich Beckers Erfahrungen nach jeder klar machen, der in Erwägung zieht, seine Familie aufzustellen: "Da schwingt niemand einen Zauberstab." Um ein Problem anzugehen, müsse man selbst aktiv werden, Veränderung wollen – und, ganz wichtig: der Methode positiv gegenüberstehen.