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Letzte-Hilfe-Kurs: Für ein gutes Ende

Kurse bereiten darauf vor, wie man schwerkranke Angehörige bis zu deren Tod einfühlsam und fachkundig begleiten kann. Die Teilnehmer lernen so, wie sie den Sterbenden am besten beistehen

von Silke Droll, 23.04.2019
alte und junge Hand

Da sein für den anderen: Viele Menschen haben davor Angst, beim Sterben ganz alleine zu sein


Kurz vor dem Tod, wenn Sterbende schläfrig wirken und verwirrt, sprechen viele von Reise und Aufbruch. Wo ist mein Koffer? Ich will zum Zug. Ich muss nach Hause. Ich werde abgeholt. All das sind typische Sätze. "Ich glaube, diese Vorstellung ist eine große emotionale Ressource, man sollte nicht dagegen reden", empfiehlt die Kursleiterin ­Katarina Theißing. Eine Frau hatte nachgefragt, wie man mit so etwas umgehen soll. An diesem Abend im Münchner Bildungswerk erfahren Menschen in dreieinhalb Stunden das Wichtigste über den Tod und wie sie Sterbenden beistehen können. Es ist ein Letzte-Hilfe-Kurs.

Das Konzept dazu hat der Palliativmediziner Georg Bollig gemeinsam mit Kollegen entwickelt – nach dem Vorbild der Erste-Hilfe-Kurse. "Die Leute haben bei Sterbenden wie bei einem Notfall Angst davor, etwas falsch zu machen. Aber das ist unbegründet." Die Unsicherheit sei dennoch groß. Viele haben Hemmungen, sich konkret damit zu beschäftigen.

Sterben in vertrauter Umgebung

Mit dem Basiswissen aus den Kursen sollen mehr Menschen den Mut haben, ihre Angehörigen zu Hause zu betreuen. Immer noch sterben viele im Krankenhaus – obwohl sie ihre letzten Tage lieber im gewohnten Umfeld verbringen würden. Die Tendenz ist rückläufig. Im Jahr 1980 erreichte der Anteil der Todesfälle in Kliniken in der alten Bundesrepublik den Höchstwert von 55 Prozent, 2016 waren es 46 Prozent. Auf diesem Niveau bewegt sich der Anteil seit Jahren.

"Sterben an sich ist keine Krankheit. Man kann durchaus ohne Arzt sterben", sagt Professor Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Diese hat das Konzept der Letzte-Hilfe-Kurse mit einem Preis ausgezeichnet. "Es ist genial", sagt Radbruch.

Seit Anfang 2015 in Schleswig der erste Kurs angeboten wurde, haben rund 8000 Kurse im deutschsprachigen Raum stattgefunden. Sie werden nach einem festen Schema  von Ärzten, Sozialarbeitern, Krankenschwestern, Altenpflegern und Ehrenamtlichen aus der Hospiz- Bewegung gehalten.

Letzte-Hilfe-Kurs: Was Teilnehmer sagen

Vorboten

Kursleiterin Theißing arbeitet als Altenpflegerin in einem Hospiz. Sie hat gemerkt, dass Teilnehmer durch das vermittelte Wissen oft auch einen bereits zurückliegenden Todesfall besser verstehen konnten. Betroffene würden beispielsweise denken, dass die Ehefrau schrecklich gelitten habe, weil sie beim Sterben einen offenen Mund hatte. "Für mich klingen die  Beschreibungen aber meistens wie normale Sterbeprozesse", berichtet sie.

Tatsächlich könne es in den letzten Momenten zu einer Schnappatmung kommen, bei der manchmal auch die Zunge hervortrete. Das habe aber nichts mit Ersticken zu tun. Schon in den letzten ein bis zwei Tagen atmen viele Sterbende laut rasselnd durch einen weit ­geöffneten Mund.

Frühere Zeichen für einen nahen Tod sind etwa: weniger Interesse an der Umwelt, extreme Schwäche, Bettlägerigkeit, kaum Reaktion auf Ansprache, nachlassender Durst und Appetit. "In den letzten Tagen essen und trinken die meisten nicht. Das ist völlig normal", betont Theißing. Würden sie dazu gezwungen, sei das eine zusätzliche Belastung für den schwachen Körper. Ein trockener Mund könne aber befeuchtet werden – mit kleinen Schlucken, gefrorenen Früchten im Mund oder zwei Löffeln Eiscreme.

Bei Berührungen rät Theißing zu Behutsamkeit, denn Sterbende können sehr sensibel sein. "Vorsicht mit einer Massage, vielleicht nur leicht die Gliedmaßen ausstreichen." Statt am Fußende zu stehen, sich auf Brusthöhe nähern. "Sonst nimmt die Person Sie nicht mehr wahr." Besonders angenehm würden oft bestimmte Düfte im Zimmer empfunden. Eine Art warmes Nest mit dicken Decken würden die meisten dagegen eher nicht wollen. Hinter allem steht die Frage: "Was tut jetzt im Moment gut?" Eventuelle negative Langzeitfolgen spielen keine Rolle mehr.

Stille Begleitung

Der Rückzug in sich selbst sei keine Abwehr von Nähe. Wenn Gespräche nicht mehr möglich seien, würden sich Sterbende über ein stilles Beisammensein freuen. Es ist ohnehin eine der wichtigsten Botschaften des Kurses, dass das Umsorgen eines Sterbenden vor allem "da sein, bleiben und aushalten" bedeutet. Genau das sei für Angehörige aber häufig schwierig, weiß Theißing.

Bei der Begleitung eines Sterbeprozesses geht es aber nicht nur um die Linderung körperlicher Beschwerden, sondern eben auch um Seelsorge. Sinnfragen tauchen auf, nicht selten auch Verzweiflung und Verbitterung. "Dafür muss man nicht Theologe oder Psychologe sein, dafür kann jeder ein Ohr haben", sagt Theißing. Dann sei es wichtig, auch unangenehme Gefühle zu ertragen, nichts schönzu­reden oder mit Floskeln beiseitezu­wischen.

Abschied braucht Zeit

Sterbende haben meist viel Angst vor  Schmerzen und anderen Beschwerden wie Atemnot und Übelkeit. "Aber all diese Dinge lassen sich gut mit Medikamenten behandeln", beruhigt Theißing. Dabei kann der Hausarzt oder ein Palliativteam Angehörige unterstützen. Ambulante und stationäre Angebote zu Palliativ- und Hospizversorgung in der Nähe finden sich etwa auf der Internetseite www.wegweiser- hospiz-palliativmedizin.de.

Wenn es so weit ist, bleiben Herz und Atmung stehen. Wenig später zeigen sich Leichenflecken, die Totenstarre tritt ein. Dann eilt nichts. Keineswegs sei es nötig, sofort ein Bestattungsinstitut zu kontaktieren. Hausarzt oder Bereitschaftsdienst könnten auch zwei oder drei Stunden später geholt werden, um den Tod festzustellen. Theißing: "Angehörige können sich die Zeit nehmen, die sie brauchen, um sich endgültig zu verabschieden."

Selbst teilnehmen

Letzte-Hilfe-Kurse werden in ganz Deutschland angeboten. Termine und Infos finden sich auf www.letztehilfe.info. Die Inhalte sind in vier Themenblöcke à 45 Minuten aufgeteilt, werden aber immer am Stück vermittelt. Die Kurse sind oft kostenfrei oder auf Spendenbasis, manche kosten nur 20 Euro.