Ketogene Ernährung: Das sollten Sie wissen

Viele Patienten möchten über eine Ernährungsumstellung ihre Gesundheit positiv beeinflussen. Die ketogene Diät soll zum Beispiel bei Krebs helfen. Was ist davon zu halten?

von Dagmar Fritz, 23.05.2018

Praktisch keine Kohlenhydrate, dafür viel Fett: die ketogene Ernährungsweise


Was ist ketogene Ernährung?

Unter einer ketogenen Ernährung versteht man eine sehr kohlenhydratarme, dafür aber fettreiche Kost, die eine Umstellung des Energiestoffwechsels im Körper zur Folge hat. In der klassischen ketogenen Diät sind maximal vier Prozent Kohlenhydrate oder etwa 20 Gramm pro Tag erlaubt. Zum Vergleich: Normalerweise wird für Erwachsene empfohlen, über Kohlenhydrate circa 50 Prozent des täglichen Gesamtenergiebedarfs zu decken. Des Weiteren erlaubt die ketogene Diät etwa sechs bis acht Prozent Eiweiß und knapp 90 Prozent Fett.

Nudeln, Brot, Reis, Kartoffeln und Zucker sind tabu. Dafür kommen fetter Fisch, Fleisch, Wurst, Eier und kohlenhydratarmes Gemüse wie Zucchini, Gurke und Brokkoli auf den Teller. Wegen des hohen Fruchtzuckergehalts steht Obst nur sehr selten und in geringen Mengen auf dem Speiseplan.

Wie reagiert der Körper, wenn er keine Kohlenhydrate bekommt?

Aus Kohlenhydraten kann unser Stoffwechsel am schnellsten Energie für die Zellen gewinnen. "Zucker ist der Treibstoff für unseren Körper", sagt Professor Johannes Wechsler, Präsident des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner. Besonders das Gehirn ist auf Zucker angewiesen: Etwa 140 Gramm Traubenzucker verbrauchen Gehirnzellen jeden Tag.

Bei der ketogenen Ernährung sind die Kohlenhydrate auf ein Minimum reduziert. Das führt dazu, dass normalerweise nach wenigen Tagen die körpereigenen Glykogenspeicher in der Muskulatur und in der Leber aufgebraucht sind. Um weiterhin Energie an die Zellen liefern zu können, muss sich der Stoffwechsel umstellen: Die Leber beginnt verstärkt Fette in Ketonkörper aufzuspalten. Diese werden als Energiequelle an das Gehirn, die Muskeln und andere Organe weitergeleitet. Ketose nennen Fachleute diesen Stoffwechselzustand.

Woran erkennt man, dass der Körper in Ketose ist?

Ob der Körper in Ketose ist, lässt sich im Blut und über den Urin messen. In der Apotheke gibt es Ketonteststreifen, mit denen man die Ketonkörperkonzentration im Urin kontrollieren kann. Bemerkbar macht sich der Mangel an Kohlenhydraten durch Konzentrationsschwierigkeiten, Müdigkeit, Mundgeruch und Verstopfung. "Die einseitige Ernährung bringt den Körper in einen Hungerstoffwechsel und damit in einen Notstand", erklärt Ernährungsmediziner Wechsler.

"Das führt dazu, dass der Körper übersäuert und sich Giftstoffe anreichern." Und das riecht man: Befindet sich der Körper in Ketose, riecht der Atem nach Aceton, weil die Giftstoffe auch abgeatmet werden. Auch die Nieren werden durch die Kost stark belastet. "Nierenschäden, Nierensteine und ein hoher Cholesterinspiegel können die Folgen sein", warnt der Mediziner.

Warum empfehlen manche Fachleute eine Nahrungsumstellung bei Krebs?

Über Krebszellen weiß man, dass sie mehr Zucker verbrauchen als gesunde Zellen. "Demnach klingt es einleuchtend, wenn man versucht, Zucker in der Nahrung zu vermeiden – doch so einfach ist es nicht", erklärt Ernährungswissenschaftler Dr. Tilmann Kühn vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. "Es gibt keine wissenschaftlichen Studien, die den Zusammenhang von zuckerarmer Ernährung und Tumorwachstum belegen", so der Leiter der Arbeitsgruppe Ernährungsepidemiologie.

Kann eine Diät Krebs bekämpfen?

Nein, sagen die Fachleute. "Es gibt bislang keine Studien, die eine positive Wirkung von Krebsdiäten belegen", sagt Experte Kühn. "Extremvarianten wie ketogene Ernährung sind bisher unzureichend untersucht."

Ernährungswissenschaftlerin und Diätassistentin Nicole Erickson arbeitet am Krebszentrum der Universitätsklinik München. Sie leitet das onkologische Ernährungsteam und hat die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Patienten nach zuckerfreier Ernährung fragen. "Die meisten Patienten wollen selbst etwas zu ihrer Genesung beitragen. Doch eine zuckerfreie Ernährung ist sehr schwer umsetzbar und nach Studienlage auch nicht der richtige Weg", sagt die Expertin.

In der Ernährungsberatung geht die Diätassistentin individuell auf die Situation des Patienten ein. "Die Patienten müssen jedoch wissen, dass sie mit ihrer Ernährung das Tumorwachstum nicht beeinflussen können," so die Ernährungswissenschaftlerin. Ziel einer guten Ernährung während der oft kräftezehrenden Therapie ist es, dass der Patient sich körperlich gut fühlt und das Gewicht stabil bleibt. "Patienten mit einem guten Ernährungszustand haben eine bessere Prognose", erklärt auch Kühn.

Was kann eine ketogene Ernährung bewirken – und was nicht? 

Sie wird unter Aufsicht von Ärzten und Diätassistenten bei einigen wenigen Krankheiten angewandt. "Es gibt seltene, angeborene Stoffwechselerkrankungen, bei denen diese extreme Diät notwendig ist, um zu überleben", erklärt Erickson. Auch bei kindlicher Epilepsie kann die Stoffwechselumstellung im Körper die Häufigkeit der Anfälle mindern.

"Die Diät ist jedoch nur angezeigt, wenn Medikamente bei Kindern nicht anschlagen", sagt Erickson. Im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit hat sich die Ernährungsexpertin mit der ketogenen Diät in Bezug auf Krebs intensiv beschäftigt und ist zu dem Schluss gekommen: "Bei Krebs rate ich dringend von einer kohlenhydratarmen oder gar ketogenen Ernährung ab. Viele Patienten denken, dass damit dem Tumor die Grundlage entzogen wird, doch das stimmt nicht. Tumorzellen sind sehr anpassungsfähig. Sie können sich auch von Eiweiß und Fett ernähren."