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Kann man auch zu viel Obst essen?

Studien zufolge fördert Fruchtzucker Diabetes, schadet den Blutgefäßen und macht dick. Auf Obst muss trotzdem niemand verzichten

von Dr. Christian Heinrich, aktualisiert am 29.11.2018
Mann am Obststand

Schädliche Süße? Obst ist gesund, zu viel Fruchtzucker aber nicht


Auf den ersten Blick scheint es vollkommen abwegig: Ausgerechnet der Zucker im Obst soll ungesünder sein als andere Zuckerarten. Doch zuviel Fruchtzucker, in der Fachsprache Fruktose genannt, führt zu Übergewicht, erhöht die Cholesterinwerte – und begünstigt so Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall. Das zeigen Untersuchungen, Ärzte und Ernährungswissenschaftler schlagen Alarm. Erst bei näherer Betrachtung wird allerdings klar, wann Fruchtzucker wirklich gesundheitliche Probleme verursacht. Und dass die tägliche Portion Obst keine negativen Folgen hat.

Der tadellose Ruf ist dahin

Lange genoss Fruchtzucker ein lupenreines Image. Ob Kuchen, Konfitüre oder Schokolade: Spezielle Produkte für Diabetiker füllten ganze Supermarktregale. Sie enthielten keinen gewöhnlichen Haushaltszucker, der je zur Hälfte aus Frucht- und Traubenzucker (Glukose) besteht, sondern oft ausschließlich den vermeintlich gesunden Fruchtzucker. Von Fruktose, so die Hoffnung, könnten speziell Diabetiker profitieren. Anders als Glukose erhöht Fruchtzucker nämlich den Blutzuckerwert nicht. Er wird direkt in der Leber abgebaut. "Dort entstehen aus der Fruktose Vorstufen von Molekülen, die der Speicherung von Fett dienen", sagt Dr. Philipp Gerber. Er arbeitet als Oberarzt an der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung am Universitätsspital Zürich (Schweiz).

Vor Jahrtausenden, zur Zeit der Jäger und Sammler, entschied diese Fähigkeit in Hungerphasen über Leben oder Tod. Heute sind Fettpolster in westlichen Ländern überflüssig und für viele zu einem Problem geworden. Ein Grund dafür: Sie begünstigen Diabetes. Und Fruktose hat, weil sie die Fettspeicherung stimuliert, einen ganz wesentlichen Anteil daran. Forscher der US-amerikanischen Yale-Universität fanden noch eine weitere Erklärung für die Gewichtszunahme durch Frucht­zucker. Anhand von Magnetresonanztomografien des Gehirns konnten sie zeigen: Fruktose macht uns nicht satt. Der Wunsch nach Essen bleibt.

Hirnschnitt

Wie das Gehirn auf Fruktose reagiert

Gelbe Markierungen:
Fruchtzucker (Fruktose) beeinflusst Hirnregionen, die in der Folge womöglich den Hunger sogar steigern.

Blaue Markierungen:
Traubenzucker (Glukose) mindert die Aktivität von Gehirnregionen, die den Appetit fördern.

Viel Schaden, wenig Nutzen

Zunehmend mehr wissenschaftliche Studien belegen, wie sehr Fruktose unsere Gesundheit beeinträchtigt. Der Schweizer Experte Philipp Gerber belegte beispielsweise, dass bereits nach drei Wochen täglicher Zufuhr von 80 Gramm Fruktose die Menge der schädlichen LDL-Cholesterin-Partikel im Blut erheblich ansteigt. Außerdem re­agierten die Körperzellen seiner gesunden, normalgewichtigen Versuchspersonen weniger empfindlich auf Insulin. In diesem Fall nehmen die Zellen weniger Glukose auf – was zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels führt. Eine Entwicklung, die langfristig in Diabetes münden kann.

Hinzu kommt: Wenn große Fruktosemengen abgebaut werden müssen, fallen Substanzen wie Harnsäure an, die indirekt den Blutdruck erhöhen und eine leichte Entzündung im Gefäßsys­tem hervorrufen können – Risikofaktoren für Herz­infarkte und Schlaganfälle. Und zudem veröffentlichten Forscher von der Eid­genössischen Technischen Hochschule Zürich diesen bedenklichen Befund: Offenbar kann bei Menschen, die ­bereits unter Bluthochdruck leiden, Fruktose im Herzen über mehrere ­Zwischenschritte das Wachstum des Herzmuskels über ein gesundes Maß hinaus stimulieren.

All diesen negativen Meldungen zur Fruktose stehen – bis auf die heute unnötige Anregung der Fettspeicherung – keine positiven Wirkungen gegenüber. "Fruchtzucker hat sonst keinen direk­ten Nutzen für den Organismus", sagt Experte Gerber. Traubenzucker dagegen liefert all unseren Zellen – von den Muskeln bis hin zum Gehirn – wichtige Energie.

Prof. Norbert Stefan

Keine Angst vor Obst

Trotzdem will Professor Andreas Pfeiffer, Direktor der Abteilung für Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin an der Charité Berlin, Fruktose nicht grundsätzlich verdammen. "Die schädlichen Effekte treten erst bei einer größeren Zufuhr über eine längere Zeit auf", sagt der Experte. Das bestätigt auch Professor Norbert Stefan, Diabetologe am Uniklinikum Tübingen. Er rät eindringlich davon ab, wegen der Schattenseiten von Fruktose den Obstkonsum zu reduzieren: "Damit eine Menge zusammenkommt, die deutliche negative Effekte hervorrufen kann, müsste man schon ein ganzes Kilogramm Äpfel verdrücken. Und das regelmäßig." Im Alltag sei häufig eher das Gegenteil der Fall: "Die meisten Menschen essen viel zu wenig Obst."

Die Mengen, in denen Fruktose zu ei­nem Problem wird, schafft erst die Lebensmittelindustrie. Vor allem gesüßte Getränke wie Limonaden und Softdrinks enthalten viel zu viel Fruchtzucker. Eine große Flasche Orangenlimonade am Tag, ein Honigbrot zum Frühstück und eine Fertigpizza am Feierabend – und schon liegt man bei deutlich über 100 Gramm. "Das sind dann Mengen, die bei längerfristiger Einnahme tatsächlich negative Effekte haben können", erklärt Ernährungsmediziner Pfeiffer.

Warum in vielen Lebensmittel Fructose enthalten ist

Zwei einfache Gründe machen Fruchtzucker bei Lebensmittelfirmen weltweit so beliebt: Er ist doppelt so süß wie Glukose, und er lässt sich besonders billig herstellen. In den USA wird vielen Speisen und Getränken Maissirup zugesetzt – der ebenfalls preiswert ist und über einen extrem hohen Fruktoseanteil verfügt (bis zu 90 Gramm pro 100 Gramm!). Die Folge: Der durchschnitt­liche Amerikaner nimmt täglich 100 Gramm Fruktose zu sich – doppelt so viel wie ein Europäer. Und Maissirup kommt nun zunehmend auch zu uns. "Das kann vor allem für diejenigen zu ­einem Problem werden, die schon übergewichtig sind", sagt Experte Pfeiffer.

Sollte man nun den eigenen Fruktoseverzehr strenger kontrollieren? Bei einer normalen Ernährung ist das wohl nicht nötig. Aber eine gewisse Wachsamkeit sei durchaus angeraten, sagt Forscher Stefan. "Man wird zwar niemals sagen können: Da erlitt jemand ausgerechnet deshalb einen Infarkt, weil er zu viele ­süße Getränke getrunken hat." Gefäßerkrankungen, Diabetes, Übergewicht – alle diese Volksleiden seien durch zahlreiche Faktoren beeinflusst. Und erst durch die Kombination aus mehreren von ihnen entstehen die Krankheiten. ­­Einer dieser Faktoren könnte allerdings die Fruktose sein.