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Was passiert, wenn der Impfstoff da ist?

Noch forschen viele Pharmaunternehmen an einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Sollte er endlich verfügbar sein, stellen sich viele Fragen zu seiner Verteilung. Dr. Hedwig Roggendorf, Impfexpertin, gibt Antworten

von Kathrin Schwarze-Reiter , 25.06.2020

Noch gibt es ihn nicht. Es ist noch nicht einmal klar, welches Pharmaunternehmen einen wirksamen Impfstoff bis zur Marktreife bringt. Doch aus der Erfahrung mit anderen Epidemien und Pandemien lässt sich viel darüber lernen, wie ein Impfstoff in solchen Situationen verteilt wird: Welche Ärzte erhalten ihn zuerst? Wie viele Deutsche würden sich impfen lassen und werden Risikogruppen bevorzugt?

Ein Interview mit Dr. Hedwig Roggendorf, Leiterin der Reise-Impfsprechstunde am Münchner Universitätsklinikum Rechts der Isar. Sie befasst sich seit mehr als 20 Jahren mit der Vorbeugung von Erkrankungen durch Impfungen

Frau Dr. Roggendorf, es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Derzeit sind etwa 140 Pharmaunternehmen mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das neuartige Coronavirus beschäftigt – von deutschen Unternehmen wie BioNtech aus Mainz, CureVac in Tübingen bis hin zu Sanofi aus Frankreich und GlaxoSmithKline aus Großbritannien. Wer wird das Rennen machen?

Das ist noch vollkommen offen. Natürlich sind einige vielversprechende Entwicklungen dabei, die sich bereits in fortgeschrittenen Studienabschnitten befinden. Wann jedoch tatsächlich ein Impfstoff in Deutschland ausgeliefert wird und von welchem Unternehmen er dann stammt, ist noch nicht absehbar.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich Anfang Juni für Deutschland und andere europäische Länder 300 Millionen Impfdosen des Impfstoffherstellers AstraZeneca gesichert.

Ich habe diese Nachricht mit Erstaunen gelesen. Denn ob genau dieses Unternehmen eines der ersten sein wird, das den Impfstoff in großen Mengen produzieren wird und ob es überhaupt einen wirksamen Impfstoff herstellen kann, steht ja noch in den Sternen.

Spahn hat die Bestellung des Impfstoffes zur Chefsache gemacht. In der Regel ist dafür aber nicht der Bund, sondern sind die Länder zuständig.

Normalerweise bestellen die Behörden der Länder den Impfstoff bei den Pharmaunternehmen. Der Impfstoff wird sukzessive produziert und abgeholt. Manchmal kommt es dabei zu Engpässen – auch weil nicht genügend Impfstoff bestellt wurde. 

Sollte der Corona-Impfstoff verfügbar sein: Welche Ärzte werden dann vermutlich zuerst beliefert?

Wir können uns da bisher nur an vergangenen Virus-Epidemien orientieren: Bei der Schweinegrippe haben sich zuerst die Kommunen mit dem Impfstoff eingedeckt. Die Gesundheitsämter wählten dann bestimmte Ärzte aus, die den Impfstoff ausgeliefert bekamen. Ärzte konnten sich aber auch selbst melden und den Impfstoff bestellen. Allerdings war die Nachfrage nach dem Impfstoff damals nicht so groß, wie sie möglicherweise beim Corona-Impfstoff sein wird. 

Welche Ärzte werden den Corona-Impfstoff verabreichen?

Wahrscheinlich vor allem Kinderärzte, Hausärzte und Internisten. Natürlich werden auch Kliniken, Reise-Impfsprechstunden und die Gesundheitsämter den Impfstoff vorrätig haben. Vom Gesundheitsamt des Landes und vom Bundesgesundheitsministerium wird es bestimmt Listen geben, in denen die impfenden Ärzte verzeichnet sind. 

Anfangs wird es bestimmt beinahe unmöglich sein, einen Termin beim Arzt zu vereinbaren, weil die Praxen so überlastet sind.

Ja, vermutlich wird es zu Beginn einen großen Ansturm geben und man wird länger auf einen Termin warten müssen. Wir in der Reise-Impfsprechstunde könnten im Fünf-Minuten-Takt impfen. Für die Corona-Impfung würden wir jedoch mehr Zeit einplanen, da es eine ausführliche Aufklärung über die Impfung geben und der Patient eine Einverständniserklärung unterschreiben muss. Dennoch können wir an einem Tag viele Patienten impfen. 

Wer wird zuerst geimpft werden? Risikogruppen und systemrelevante Berufe – oder wird es keine Priorisierung geben?

Bei der Schweinegrippe wurden zuerst systemrelevante Gruppen berücksichtigt, also das Personal der Kommunen, Polizisten, Feuerwehr und medizinisches Personal. Ob bei der Impfung gegen das neuartige Coronavirus auch Risikogruppen – Ältere und chronisch Kranke – bevorzugt werden, ist jetzt noch nicht absehbar. Die Ständige Impfkommission beim Robert-Koch-Institut wurde jedoch bereits von der Bundesregierung beauftragt, dafür Pläne auszuarbeiten.  

Aber ganz klar: Man wird die deutsche Bevölkerung nicht zeitgleich impfen können.

Nein, natürlich nicht. Es wird daher sicherlich zumindest einen Appell der Regierung geben, dass zuerst die Risikogruppen zum Arzt gehen sollten.  

Wie ist Ihre Einschätzung: Werden sich viele Menschen impfen lassen?

Wir rechnen stark damit, dass bis zur Verfügbarkeit des Impfstoffs bereits eine gewisse Impfmüdigkeit eingetreten ist. Wir haben das bei der Schweinegrippe beobachtet: Als der Impfstoff in den Praxen lag, war die Gefahr einer Infektion bereits nicht mehr so präsent. Es haben sich viel weniger Menschen impfen lassen, als prognostiziert. Auch beim Coronavirus erwarten wir eine gewisse Zurückhaltung.  

Könnten dabei auch Vorbehalte gegenüber dem neuartigen Impfstoff eine Rolle spielen?

Die Macht des Internets ist groß. Gerüchte über eine mögliche Unsicherheit des Impfstoffs und Nebenwirkungen könnten ausreichen, um viele Menschen von der Impfung abzuhalten. Wir sehen diese Vorbehalte gerade bei den Protesten der Impfskeptiker und Impfgegner in vielen deutschen Städten. Wir hoffen aber dennoch, dass viele Menschen in die Praxen kommen – auch um andere Impfungen auffrischen zu lassen.

Warum das?

Durch die Corona-Pandemie sind viele Menschen nicht zum Arzt gegangen und haben es versäumt, sich wichtige Impfungen oder Auffrischungsimpfungen geben lassen. Die sollten sie jetzt unbedingt nachholen.