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Vorsorge: So halten Sie Ihre Lunge fit

Wer körperlich fit ist, kräftige Atemmuskeln besitzt und Tricks kennt, um die Atemwege frei zu halten, kann Krankheiten wie Lungenentzündungen möglicherweise schneller und besser überstehen. Was Experten raten

von Ute Wild, 13.04.2020

Viele Menschen haben in diesen Tagen Angst, an der Lungenkrankheit Covid-19 ernsthaft zu erkranken und möchten aktiv etwas tun, um sich vor einem schweren Verlauf zu wappnen. Klar ist: Außer den empfohlenen Hygienemaßnahmen, Abstandhalten und möglichst zuhause bleiben gibt es keinen Schutz vor dem gefährlichen Virus.

Wissenschaftliche Beweise, dass ein Lungentraining den schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung beeinflussen kann, gibt es nicht. Doch gezielte Maßnahmen versprechen bei einer Erkrankung zumindest Hoffnung auf einen milderen Verlauf. Grundsätzlich gilt bei jeder Krankheit: Je fitter Betroffene zu Beginn sind, desto besser sind sie in der Lage, die Strapazen durchzustehen.

Weniger Klinikeinweisungen

"Wer an Covid-19 erkrankt aber eine fitte Lunge und einen gestärkten Körper hat, könnte womöglich eher an einer Klinikeinweisung und gar an einer künstlichen Beatmung vorbeikommen", sagt Dr. Sandra Gawehn. "Trainierte Patienten, die zum Beispiel wegen einer Lungenoperation an eine Beatmungsmaschine angeschlossen werden müssen, erholen sich oftmals rascher und genesen anschließend schneller." Die Fachärztin für Innere Medizin arbeitet an einer Reha-Klinik auf der Insel Usedom, wo Atemwegserkrankungen behandelt werden.

Zusammen mit weiteren Ärzten und Physiotherapeuten hat sie ein multimediales Lungentraining zusammengestellt, das Interessierte selbstständig und gratis online zuhause absolvieren können. "Jeder kann mitmachen", sagt sie, "Schwangere, Kinder, Senioren, selbst Bettlägrige können etwas für ihre Lunge tun." Dabei spielt vor allem der Aufbau der Atem- und der Atemhilfsmuskeln eine Rolle.

Die Lunge aktiv unterstützen

Die Lunge selbst verfügt über keine eigene Muskulatur. Das Organ ist abhängig von der Unterstützung der umliegenden Muskelgruppen. Wichtigster Motor dabei ist das Zwerchfell, welches "wie ein aufgespannter Regenschirm unter der Lunge liegt", erklärt Gawehn. Diese Platte aus Muskeln und Sehnen kann bis zu 80 Prozent der Arbeit übernehmen, die für das Ein- und Ausatmen nötig ist. Doch auch die kleinen Zwischenrippenmuskeln, sowie Muskulatur am Hals, im Nacken, Rücken und am Bauch helfen beim Luftholen.

Neben Dehn- und Kräftigungsübungen für den Bewegungsapparat bietet die Atemtherapie Tricks und besondere Positionen, die etwa das Abhusten von Schleim erleichtern und auch beim Durchlüften der tieferen Regionen der Lunge helfen. "Im Alltag nutzen wir nur einen Bruchteil unseres Atemvolumens", erläutert Gawehn. Der untere Teil der Lunge wird meist schlecht durchblutet, "Schleim und Flüssigkeit bilden dort eine Oase für Keime".

Studien zeigen Wirksamkeit

Die Wirksamkeit eines Lungentrainings bestätigt Dr. Anselm Reiners, Chefarzt für Frührehabilitation und Physikalische Medizin am Klinikum Bogenhausen in München. Sein Team bereitet Patienten vor einer geplanten Lungen-OP, etwa bei Tumorerkrankungen, mit einem gezielten Trainingsplan vor. Das Ziel dabei ist, Komplikationen zu vermeiden und die Zeit der Genesung zu beschleunigen. "Nach einem ein- bis zweiwöchigen Aufenthalt auf der Intensivstation", sagt Reiners, "benötigen die Patienten noch bis zu dreimal so lange bis sie wieder so fit sind wie vorher." Das Lungen-Workout kann diese Dauer verkürzen. "Unsere Erfahrung sowie wissenschaftliche Studien zeigen: Je fitter Patienten in eine Operation gehen, je besser ihre körperliche Verfassung ist, umso schneller können sie das Krankenhaus wieder verlassen."

Um sich auf eine drohende Covid-19-Erkrankung vorzubereiten, empfiehlt der Experte eine Kombination aus Ausdauertraining, wie Gehen und Joggen, sowie Atemübungen. Er rät: "Gute Anleitungen finden Sie dazu auf Lungensport- und Yoga-Portalen." Besonders Patienten, die an chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck leiden, legt er ans Herz, es mit dem Training jedoch nicht plötzlich zu übertreiben. "Gehen Sie es langsam an, achten Sie auf Signale für Infekte und vermeiden Sie Pressatmung!" Wichtiger als eine schnelle Steigerung sei es, ein gutes Gefühl für den Körper und das Fließen der Atmung zu entwickeln. "Trainieren Sie so, dass es Ihnen Spaß macht." Dr. Gawehn aus Usedom meint: "Summen Sie zum Beispiel laut unter der Dusche eine Melodie und drehen Sie unterwegs das Autoradio auf und singen Sie laut mit." Auch das habe einen kräftigenden Effekt auf die Atmung und sorgt nebenbei für gute Laune.

Tricks für mehr Gelassenheit

Ein positives Bewusstsein hilft auch, aufkommende Panikattacken in den Griff zu bekommen – sei es aus Angst vor einer Infektion oder wenn wegen einer Erkrankung tatsächlich die Puste ausbleibt. Dr. Sebastian Hellmann erlebt in letzter Zeit öfters, dass Patienten in seiner Münchner Praxis über Angstzustände und Atemnot klagen, deren Lunge "eigentlich ganz gesund ist". Der Facharzt für Innere Medizin war lange im Lungenzentrum Augsburg tätig und hat sich auf Pneumologie (Lungenheilkunde) spezialisiert.

"Wer die passende Atemtechnik kennt, kann solche Situationen in der Regel gut meistern", sagt er. Von allen autonom gesteuerten Funktionen unseres Körpers – dazu zählen Atmung, Herzschlag, Verdauung, Stoffwechsel und Blutdruck – lässt sich allein die Atmung durch den Willen beeinflussen. Die Tricks dazu sind so effektiv wie simpel: Zum Beispiel doppelt so lange aus- wie einatmen. Dazu am besten durch die Nase ein- und den nur leicht geöffneten Mund ausatmen, innerlich mitzählen.

Begleiterkrankungen erkennen und abklären

Ob eine gestärkte Atemmuskulatur und erlernte Atemtechniken bei einer Infektion mit dem neuen Sars-CoV-2 tatsächlich vor einem schweren Krankheitsverlauf schützen, bezweifelt Dr. Hellmann allerdings. "Dabei spielen einfach zu viele Faktoren eine Rolle", meint er. Für eine gute Vorsorge erachtet er es als wichtiger, Vorerkrankungen abklären zu lassen. "Viele wissen nicht, dass ihre Lunge angegriffen ist", sagt er. Doch kleinste Entzündungen, die auf niedriger Flamme vor sich hin köcheln, würden das Lungengewebe porös machen und Viren und Bakterien den Eintritt erleichtern. Hellmann zufolge können auch junge, fitte Menschen betroffen sein, die selbst beim Sport keine Leistungseinschränkungen bemerken. Von solch versteckten bronchialen Entzündungen sind häufig Raucher betroffen. Der Lungenarzt hofft, dass die Corona-Pandemie den einen oder anderen dazu motivieren mag, mit Zigaretten Schluss zu machen.

Jeder, der Lungenprobleme hat, sollte jetzt intensiv darauf achten, diese optimal zu behandeln. Für Asthmapatienten bedeutet das: Überprüfen Sie, ob Sie trotz Medikamenten immer noch zu Symptomen wie Husten und Atemnot neigen, und besprechen Sie ihre Beschwerden unbedingt mit dem Arzt. Patienten mit schwerem Asthma oder COPD (Chronische obstruktive Lungenerkrankung; englisch chronic obstructive pulmonary disease) sollten unbedingt sämtliche Therapiemaßnahmen, die ihnen verschrieben wurden, beachten. Dazu zählen meist neben Inhalationen und Physiotherapie eben auch gezielte Atemübungen. Keinesfalls sollten Betroffene rauchen.

Auch alle, die an einer Vorerkrankung wie Diabetes oder Bluthochdruck leiden, betont Hellmann, müssen nun "besonders penibel" auf gut eingestellte Werte achten. Fälle in Italien zeigten, dass Patienten mit Begleiterkrankungen besonders schwer von Covid-19 betroffen sind. "Nehmen Sie verordnete Blutdrucksenker und Diabetes-Medikamente jetzt ordnungsgemäß ein", rät der Mediziner, "und achten Sie ansonsten auf einen gesunden Lebensstil."

Zuhause trainieren

Übungen zur Kräftigung der Lunge und zur Entspannung bei Stress, die Sie zuhause einfach nachmachen können, finden Sie hier in den Videos unten. Trainieren Sie anfangs 3 bis 5 Minuten täglich. Machen Sie nur Übungen, die Ihnen gut tun und hören Sie auf, wenn Sie Schmerzen spüren. Steigern Sie nach einigen Tagen zunächst die Frequenz auf bis zu 3 x täglich 5 Minuten und erst dann die Trainingsdauer auf bis zu 10 Minuten. Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung, erholsamen Schlaf, trinken Sie ausreichend und bewegen Sie sich regelmäßig – am besten an der frischen Luft.

Übung 1: Bauchatmung

Übung 2: Schultern kreisen

Übung 3: Seitliches Armschwingen

Übung 4: Äpfel pflücken

Übung 5: Brustkorb öffnen