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Selbsthilfe in der Coronakrise: Gemeinsam statt einsam

Viele Menschen fühlen sich zur Zeit mit ihren Problemen, Befürchtungen und Ängsten allein gelassen. Selbsthilfegruppen sind auch in der Krise für sie da

von Barbara Kandler-Schmitt, 04.05.2020
Vereine, Gemeinderäume, Räumlichkeiten von Selbsthilfegruppen: Sie alle  bleiben der zeit coronabedingt leer. Der Einsamkeit muss trotzdem niemand verfallen. Organisationen bieten Möglichkeiten zum virtuellen Austausch

Vereine, Gemeinderäume, Räumlichkeiten von Selbsthilfegruppen: Sie alle bleiben der zeit coronabedingt leer. Der Einsamkeit muss trotzdem niemand verfallen. Organisationen bieten Möglichkeiten zum virtuellen Austausch


"Corona ist der beste Freund von Adipositas." Sabine Hacker, Gründerin der Münchner  Selbsthilfegruppe "Adipositas SHG Altperlach" weiß wovon sie spricht: Zuhause sitzen, sich nicht wie gewohnt bewegen und einfach zu viel essen. "Da hat man schnell wieder einige Kilos drauf." Für Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihr Gewicht zu halten oder an krankhaftem Übergewicht leiden, ist Zuhausebleiben kontraproduktiv.

Sport per Videokonferenz 

Vor zwei Jahren gründete Sabine Hacker ihre Selbsthilfegruppe. Seither kämpft sie zusammen mit ihren Mitstreitern gegen die Fettleibigkeit. Sport hilft ihnen sehr: Montags Yoga, dienstags Schwimmen, mittwochs XXL-Zumba und Kraft-Koordination-Konditions-Training, freitags Pilates und sonntags Box-Workout – das Angebot ist groß. Kein Wunder, dass die Seele bald genauso fit ist wie der Körper. 

Und in Zeiten von Corona? Bevor ihre Gruppenmitglieder in die Isolation drifteten, lässt sich Sabine Hacker etwas einfallen: "Zusätzlich zum regelmäßigen Online-Austausch treffen wir uns jetzt dreimal in der Woche zum Sport per Videokonferenz in den heimischen Wohnzimmern, um dem Ausfall des Sports durch die Sperrung der Sportstätten entgegenzuwirken."

Chance für Sportmuffel 

Aus verschiedensten Online-Sport-Angeboten hat die Gruppenleiterin passendes ausgewählt. Und seither heißt es wieder: montags Yoga, mittwochs Zumba, freitags Pilates. Nur schwimmen geht natürlich nicht. Dafür wird online viel gechattet. "Wir treffen uns schon eine Stunde vorher zum Chat oder hängen manchmal noch Gespräche bis Mitternacht  dran", erzählt Hacker.

Die Online-Angebote werden gut angenommen: Selbst Mitglieder, die bisher ausgesprochene Sportmuffel waren, machen im Wohnzimmer begeistert mit. Die Gruppengründerin überlegt deshalb, auch nach dem Lockdown weiter Online-Angebote zu machen. Und ist glücklich über Nachrichten ihrer 30 aktiven Teilnehmer im Chat, etwa "Ich freue mich schon auf den nächsten Muskelkater!"

Bloß nicht vereinsamen 

Trotzdem vermissen viele Menschen den persönlichen Austausch in der Gruppe. So wie Edith-Maria, die Gründerin der Selbsthilfegruppe "Emotionale Gesundheit", in der sich Menschen mit psychischen Problemen, Zwängen, Ängsten oder Depressionen treffen.

"Es gehört zu meiner Routine, dass ich meine Gruppe einmal in der Woche in den Räumen des Münchner Selbsthilfezentrums sehe", sagt sie. Hier tauschen sich die Mitglieder regelmäßig über ihr seelisches Befinden aus. Mit Menschen sprechen, zuhören, angehört werden, bloß nicht vereinsamen - das ist derzeit wichtiger denn je. "Wir haben uns entschlossen, jetzt zweimal wöchentlich eine Telefonkonferenz abzuhalten", sagt Edith-Maria.

Waschzwang durch Hygienevorschriften

Das Bedürfnis nach Austausch sei sehr groß: über Corona, die Angst davor, die Folgen für jeden Einzelnen und über die Maßnahmen, die in das persönliche Leben eingreifen. Denn für viele Gruppenmitglieder bedeutet die jetzige Situation eine Rückkehr zu längst überwundenen Angewohnheiten und Zwängen.

Eine Teilnehmerin etwa habe gerade erfolgreich ihren Waschzwang bekämpft, und nun lassen die Hygienevorschriften das Problem wieder aufflammen. "Wir versuchen wie immer, gemeinsam die Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, und das gelingt uns auch per Telefon ganz gut", sagt Edith-Maria. Sie selbst musste wegen dem Shutdown ihre Therapie in der Klinik unterbrechen und jetzt allein zurechtkommen."

Ich habe mir einen Zettel an den Computer geklebt, der mich davor warnt, meiner Kaufsucht nachzugeben," sagt die Gruppengründerin.

Aber sie weiß auch: "Wer schon mehrmals persönliche Krisen durchgestanden hat, kommt mit der Corona-Krise gelassener zurecht". Am meisten fehle ihr, dass die Gruppe nach der Sitzung nicht mehr gemeinsam zum Griechen gehen könne: "Nichts geht über ein gemeinsames Essen und Lachen."

Lebendiger Beitrag zur Demokratie

Klaus Grothe-Bortlik, Geschäftsführer des Selbsthilfezentrums München (SHZ), bestätigt: "Es ist schön zu sehen, wieviel Energie in den Gruppen steckt, wie die Menschen sich gegenseitig unterstützen und untereinander solidarisch sind." Selbsthilfegruppen seien ein lebendiger Beitrag zur Demokratie. Und so bietet das SHZ all denen eine Plattform, die sich für die vielfältigen Themen engagieren, mit denen Menschen sich auseinandersetzen - nicht nur in Krisenzeiten.

Ein Angebot, das in und um München rege genutzt wird: Ob Anonyme Alkoholiker, Münchner Angstselbsthilfe, No Mobbing oder Russischsprachige Diabetiker – aus den Bereichen Gesundheit, Psyche, Soziales und Migration gibt es kaum ein Thema, das nicht in einer Selbsthilfegruppe aufgegriffen wird. Die Teilnehmer machen sich gegenseitig Mut, finden Gleichgesinnte, gewinnen Selbstvertrauen und Zuversicht.

Kein einsamer Weg durch die Krise

Auch wenn die Gruppen-Räume des Selbsthilfezentrums derzeit leer bleiben und keine Gesprächsrunden, Selbsthilfestammtische, Fortbildungen und persönliche Beratungen stattfinden dürfen: Die rund 1300 Selbsthilfegruppen in und um München sind auch während der Corona-Pandemie aktiv, und die Beratung und Vermittlung durch das Selbsthilfezentrum geht weiter.

Diese Aufgabe ist wichtiger denn je: Menschen mit chronischen Erkrankungen gehören zur Hochrisiko-Gruppe und haben vermehrt Fragen zum Schutz ihrer Gesundheit. Zudem können sich psychische und körperliche Erkrankungen durch die Ausgangsbeschränkungen verschlechtern – etwa weil die Erkrankten weniger Bewegung haben oder ihnen die Isolation psychisch zusetzt.

Doch die Selbsthilfe ist darin geübt, das Besondere als Normalität zu erkennen. Und der Weg durch die Krise muss trotz Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen nicht einsam sein. Grothe-Bortlik: "Die Selbsthilfe macht unsere Gesellschaft insgesamt etwas menschlicher."