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„Konflikte werden in allen Familien hochkochen“

Experten befürchten, dass häusliche Gewalt während der Coronakrise zunimmt. Jens Luedtke, Professor für Soziologie an der Universität Augsburg, erklärt die Gründe und hat Tipps für Familien und Nachbarn

von Sina Horsthemke, 09.04.2020
Coronavirus Häusliche Gewalt

Überwiegend sind Frauen und Kinder Opfer von häuslicher Gewalt


Professor Dr. Jens Luedtke führt an der Universität Augsburg den Lehrstuhl für Soziologie und empirische Sozialforschung. Seine Forschungsfelder sind unter anderem Gewalt in der Partnerschaft und in der Erziehung.

Herr Prof. Dr. Luedtke, in wie vielen Familien in Deutschland kommt es zu häuslicher Gewalt?

Das wissen wir leider nicht. Es gibt zu wenige regelmäßige Überblickszahlen dazu. Einer Umfrage zufolge hat jede vierte Frau ab 16 hat schon einmal Gewalt in einer Partnerschaft erfahren und etwa sechs Prozent der Frauen leiden aktuell darunter. In Deutschland kommt es laut polizeilicher Kriminalstatistik zu mehr als 140.000 Fällen pro Jahr, 115.000 dieser Fälle betreffen Frauen. Allerdings ist die Dunkelziffer hoch.

Erfahren nur Frauen Gewalt oder sollte man auch die Männer befragen?

Kommt es zu körperlicher Gewalt, sind die Täter zu etwa 85 Prozent Männer. Je schwerer die Verletzung des Opfers, desto wahrscheinlicher ist der Täter ein Mann. Leichtere Schläge, das Werfen mit Gegenständen oder Schubsen geht von beiden Geschlechtern aus, da gibt es kaum Unterschiede. Schlagende Frauen scheinen gar nicht so selten, vor allem nicht in den jüngeren Altersgruppen.

Statistik von 2018

Laut der "Kriminalstatistischen Auswertung zur Partnerschaftsgewalt" des Bundeskriminalamts gab es 2018 in Deutschland 140.755 Opfer von Gewalt in der Partnerschaft, 81 Prozent davon waren Frauen.

  • vorsätzliche, einfache Körperverletzung: 68.500 Fälle
  • gefährliche Körperverletzung: 12.100 Fälle
  • Bedrohung, Stalking, Nötigung: 28.700 Fälle
  • Freiheitsberaubung: 1.612 Fälle
  • Mord und Totschlag: 324 Fälle

Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Was wissen Sie über die Charakterzüge von Tätern?

Oft haben die Täter das Verhalten schon früh gelernt – weil etwa ihr Vater bereits die Mutter schlug. Die meisten haben die Vorstellung eines hierarchischen Geschlechterverhältnisses: Der Mann ist dominant, die Frau hat sich unterzuordnen. Eine Frau, die widerspricht, passt nicht in dieses Bild. Diese Mischung aus gelernter Gewalt und Dominanz führt zu hoher Gewaltbereitschaft.

Die meisten Täter haben ein starkes Kontrollbedürfnis und sind nicht selten auch sehr eifersüchtig. Sie versuchen, das Leben ihres Opfers zu überwachen, überprüfen dessen Handy oder schreiben bestimmte Kontakte vor. Hält sich das Opfer nicht an ihre Regeln, bestrafen sie es. Schlagende Männer sehen ihre Frau oft als Person, die man erst noch erziehen muss. Sie haben eine merkwürdige Vorstellung von Harmonie – die nur besteht, wenn alles so läuft, wie sie es sich vorstellen. Konflikte unterdrücken sie mit körperlicher Gewalt, statt sie auszutragen.

Und die Opfer lassen das alles geschehen?

Die Persönlichkeitsmerkmale der Opfer bezeichnen wir als gegenteilig zum Täter – Opfer sind alles andere als dominant. Die Täter halten sie klein, oft zuerst mit psychischer Gewalt wie Beleidigungen und Demütigungen. Dann kommt die Kontrolle hinzu und die Schlinge zieht sich weiter zu. Ist ein Täter einmal handgreiflich geworden, reicht meist schon die Androhung von Gewalt, um das Gefüge stabil zu halten.

Gewaltpartnerschaften sind oft erstaunlich dauerhaft. Selbst wenn die Opfer Anzeige erstatten, ziehen sie sie immer wieder zurück. Dazu betreiben sie häufig eine sogenannte Neutralisierungsstrategie. Sie nehmen den Täter in Schutz, sagen Dinge wie: "Der ist ja nicht immer so, nur wenn er getrunken hat – nüchtern ist er ein ganz lieber Kerl." Um da herauszukommen, brauchen Opfer Hilfe.

Geschieht häusliche Gewalt in allen Schichten?

Wir wissen, dass Gewalt in allen Statusgruppen vorkommt. In sogenannten Arbeitervierteln führt sie nur öfter zur Anzeige, weil die Wände dünner sind und die Nachbarn eher etwas mitbekommen. Doch auch in einer Villa in Hamburg-Blankenese schlägt ein Mann seine Frau. Sie geht dann am nächsten Tag mit großer Sonnenbrille in den Garten, um das blaue Auge zu verbergen.

Wo Täter und Opfer Hilfe finden

  • Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" ist unter 08000 116 016 kostenlos 24 Stunden erreichbar. Online stehen Mitarbeiter zum Sofort-Chat in 17 Sprachen unter www.hilfetelefon.de zur Verfügung.
  • Hilfe in Ihrer Nähe finden Sie auf der Seite des Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe: www.frauen-gegen-gewalt.de/de/hilfe-vor-ort.html
  • Das Bundesforum Männer bietet anlässlich der Coronakrise online ein "Survival-Kit für Männer unter Druck" zum Download an.
  • Die Männerberatung "man-o-mann" berät Männer, die Gewalt ausüben und sich helfen lassen wollen, aber auch jene, die selbst Gewalt in der Familie erfahren: https://man-o-mann.de

Wie verändert die Coronakrise die Situation häuslicher Gewalt?

Vorstellbar sind zwei Szenarien. Erstens: In manchen Familien könnte es eine Zeit lang merkwürdig friedlich werden. Der Täter hat nämlich gerade eigentlich genau das, was er möchte: räumlich und zeitlich die volle Kontrolle über sein Opfer.

Und das zweite Szenario?

Das halte ich leider für wahrscheinlicher: Es kochen öfter als sonst Konflikte hoch, aus denen es für die Opfer kein Entrinnen gibt. Für sie erzeugen die Ausgangsbeschränkungen gerade eine üble Konstellation, weil sie sich dem Täter kaum entziehen können. Mal kurz mit den Kindern auf den Spielplatz gehen, um Abstand zu gewinnen – das ist nun nicht mehr möglich.

Deshalb wird häusliche Gewalt in der Coronakrise zunehmen. Nur wissen wir es jetzt noch nicht, weil alles hinter verschlossenen Türen stattfindet und wir die Opfer derzeit nicht befragen können. Immerhin könnte es sein, dass Nachbarn es mitbekommen und die Polizei rufen – sie sind ja schließlich auch zu Hause.

Gehen schon mehr Notrufe als vor Corona ein?

Die bisher bekannten Zahlen sprechen derzeit nicht für ein Ansteigen der Fälle. Aber wir wissen, dass die Telefonnotrufe in den Keller gegangen sind und sich die Internetanfragen vervierfacht haben.

Warum?

Weil die Opfer gerade kaum Gelegenheit haben zu telefonieren, ohne dass die Täter es mitbekommen – beide sind ja zu Hause. Ein Notruf per E-Mail oder Chat ist unauffälliger.

Was tun als Opfer? Tipps von der Polizei

  • Wählen Sie bei akuter Bedrohung den Notruf 110.
  • Häusliche Gewalt ist eine Straftat. Zeigen Sie sie bei der Polizei an.
  • Suchen Sie einen Arzt auf und lassen Sie Ihre Verletzungen untersuchen und fotografieren, um sie beweissicher zu dokumentieren.
  • Notieren Sie sich Einzelheiten zu den Vorfällen, etwa Datum, Uhrzeit und was genau geschehen ist.
  • Vertrauen Sie sich jemandem an und bitten Sie um Hilfe bei der Anzeigenerstattung.
  • Kontaktieren Sie eine Beratungsstelle.

Werden während der Ausgangsbeschränkungen auch jene Familien Probleme bekommen, in denen häusliche Gewalt bisher nie ein Thema war?

Die Konfliktdichte steigt gerade bei allen an. Es ist wie sonst an Ostern und Weihnachten: Wenn man sich drei Tage hintereinander sieht, kochen Konflikte hoch. Alle Familienmitglieder werden sich jetzt öfter streiten, anschreien oder beleidigen. Aber wer schon vor der Coronakrise gut miteinander umging, Respekt voreinander hatte und mit Blick auf den anderen zu streiten wusste, der kriegt das geregelt und wird nun zurechtkommen.

Es wird jetzt nicht im großen Stil zu einem Anstieg körperlicher Gewalt kommen, erst recht nicht in Familien, in denen das nie ein Thema war. Allerdings ist es ein Unterschied, ob man zu viert in einer Dreizimmerwohnung aufeinander hockt oder ein Haus mit 180 Quadratmetern und Garten zur Verfügung hat.

Weil es auf wenig Raum schwieriger ist, sich aus dem Weg zu gehen?

Ja. Familien sollten deshalb jetzt auch in einer kleinen Wohnung möglichst für jeden einen Rückzugsort schaffen. Kocht ein Konflikt hoch, kann man sich in seine Ecke zurückziehen, bevor man richtig wütend wird. Schöner wäre natürlich, nach Möglichkeiten zu suchen, die Zeit mit der Familie produktiv zu nutzen und gemeinsam sinnstiftend zu verbringen.

Können Familien Gewaltausbrüchen also selbst vorbeugen?

Ja, das können sie schaffen. Aber alle Familienmitglieder müssen es wollen und können. Wenn einer die Einstellung hat, dass die anderen fügsam zu sein haben und ansonsten bestraft werden dürfen, dann wird es schwierig. Und wer einmal zugeschlagen hat, der wird es wieder tun. Unglücklicherweise sind die Täter oft uneinsichtig. Nur ein kleiner Teil bereut, was er getan hat. Die meisten sehen sich völlig im Recht. Deshalb ist es leider an den Opfern, für sich etwas an der Situation zu ändern.

Wie sollen sie das tun?

Wer unter häuslicher Gewalt leidet, sollte – auch jetzt in Zeiten der Krise – rausgehen und sich jemandem anvertrauen. Sonst kann die Situation gesundheits- oder sogar lebensbedrohlich werden.

Und wie sollte man vorgehen, wenn man glaubt, eine Nachbarfamilie sei betroffen?

Wer das Gefühl hat, dass häusliche Gewalt im Umfeld geschieht, sollte nicht nichts tun. Am besten spricht man die Opfer an: "Es ist oft so laut bei Ihnen – ist alles in Ordnung, können wir etwas tun?" Wichtig ist, sich selbst dabei nicht in Gefahr zu bringen und nur die Hilfe anzubieten, die man auch leisten kann. Bieten sie der geschlagenen Nachbarin an, in Ihre Wohnung zu kommen, falls es wieder eskaliert. Aber konfrontieren Sie nicht den Täter – das könnte für Sie gefährlich werden.

Steht es einem zu, sich so in das Leben der Nachbarn einzumischen?

Diese Sorge haben viele, die Gewalt mitbekommen – und tun dann nichts. Aber das ist falsch. Wer verunsichert ist, könnte sich zuerst selbst an eine Beratungsstelle wenden und fragen, wie am besten vorzugehen ist. Und im Zweifelsfall sollte man die 110 wählen. Die Coronakrise erschwert die Situation für Opfer gerade sehr und ich hoffe, dass wir sie bald überstanden haben.