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Ich oder wir? Zusammenhalt in der Krise

Den Konflikt zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und persönlichem Wohlbefinden kennen wir alle. Warum es gerade jetzt wichtig ist, zusammenzuhalten

von Barbara Kandler-Schmitt, 20.05.2020
Ich oder Wir Coronavirus Solidarität Helfen

Lerneffekt aus der Krise: Solidarität kann auch bedeuten, auf Abstand zu bleiben


"Jetzt reicht es aber!" Hin und wieder ertappen wir uns sicher alle bei diesem Gedanken. Nach rund zwei Monaten massiver Einschränkungen sehnen wir uns nach Freiheit und Lebensfreude! Ein gemütlicher Plausch mit Freunden im Biergarten, endlich mal wieder ins Konzert oder Kino, voller Vorfreude die nächste Reise planen – schließlich mussten wir lange genug auf all das verzichten! Doch vieles davon ist auf absehbare Zeit noch nicht möglich. Und gerade jetzt, mit den ersten Lockerungen, wächst offenbar bei vielen die Ungeduld, die Sehnsucht nach mehr.

Dabei steht für uns alle viel auf dem Spiel – nach wie vor! Für die einen mag es die Familienfeier sein, das kulturelle Highlight oder der nächste Urlaub. Für andere geht es um den Job oder womöglich die wirtschaftliche Existenz. Und für wieder andere geht es um ihre Gesundheit, vielleicht sogar um ihr Leben. Nein, die Krise ist noch längst nicht überwunden: nicht  medizinisch, nicht wirtschaftlich - und erst recht nicht aus ethischer und gesellschaftlicher Sicht.

Verantwortung übernehmen

Wir alle müssen uns derzeit fragen: Sind mir mein persönliches Wohlbefinden und die sofortige Befriedigung meiner Bedürfnisse womöglich wichtiger als das Wohl der Allgemeinheit? Der Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, hat dazu aufgefordert, "Solidarität zu üben als deutliches Zeichen der Entschlossenheit, sich für das Gemeinwohl und für soziale Gerechtigkeit einzusetzen." Die deutschen Bischöfe hatten zur Corona-Pandemie erklärt, dass die Einschränkungen vernünftig und verantwortungsvoll gewesen seien und zugleich betont, man müsse die Beschränkungen mit Verantwortung und Augenmaß wieder lockern. "Jetzt muss jeder Einzelne Verantwortung übernehmen und sich seinen Mitmenschen gegenüber rücksichtsvoll verhalten", bestätigt der Münchner Jesuitenpater Bernd Hagenkord. "Freiheit ohne Verantwortung ist kontraproduktiv, weil sie andere Menschen schädigen kann." Er plädiert dafür, nie aus den Augen zu verlieren, welche Auswirkungen das eigene Handeln für andere haben könne. "Das ist anstrengend, aber ohne das geht es nicht."

Großes Maß an Solidarität

Wie der Seelsorger aus zahlreichen Gesprächen weiß, nehmen viele Menschen ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst, achten auf die Konsequenzen ihres Verhaltens und stellen ihre eigenen Interessen hintenan. "Wir erleben momentan ein großes Maß an Solidarität", sagt Hagenkord. "Ich hoffe, dass das auch nach der Krise so bleibt und nicht das "Endlich dürfen wir wieder" die Oberhand gewinnt." Nach Monaten der Kontaktbeschränkungen eine durchaus reale Gefahr. Zumal die Gefährdung durch das Virus für die meisten Menschen noch immer sehr abstrakt ist und in der Regel gern verdrängt wird. Genau wie der Gedanke an den Tod. "Zwar wird derzeit mehr über den Tod geredet", sagt Hagenkord. "Gleichzeitig trennt uns Corona aber vom Sterben, solange wir nicht in Altenheime und auf Beerdigungen gehen dürfen." Dadurch finde gewissermaßen eine Entfremdung statt.

"Wir-Denken" als Erfolgsrezept

Dass wir nicht nur in Krisen zusammenhalten müssen, bestätigt Professor Immo Fritsche, Sozialpsychologe  an der Universität Leipzig: "Unser evolutionärer Erfolg geht im Wesentlichen darauf zurück, dass wir in Gruppen zusammenarbeiten und -leben. Schließlich gehört das "Wir-Denken" zu unserer artgeschichtlichen Grundausstattung und ist unser evolutionäres Erfolgsrezept." Dass wir in Bezug auf Corona tatsächlich erfolgreich waren, zeigt der Blick auf die sinkenden Infektionszahlen. "Die Einschränkung wirken, weil die meisten sehr diszipliniert mitgemacht haben", sagt Hagenkord. Durch das verantwortungsbewusste Handeln vieler habe man die Situation in den Griff bekommen. "Bis jetzt jedenfalls ist Deutschland mit einem blauen Auge davongekommen."

Erfolge nicht aufs Spiel setzen

Doch nun gilt es, die gemeinsam errungenen Erfolge nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Eine große Herausforderung angesichts der Ungewissheit, wie lange noch mit Einschränkungen zu rechnen ist. Und leider dienen ausgerechnet die derzeitigen Erfolge Kritikern als Argument dafür, dass die Maßnahmen übertrieben und in dem Maße nicht notwendig gewesen seien. Hagenkord räumt ein: "Das große Problem ist, dass derzeit viele Existenzen auf dem Spiel stehen." Er habe Verständnis für jeden, der mit deiner Geduld am Ende sei. Trotzdem hält er die vorsichtigen Lockerungen für zielführend.

Aus der Krise lernen

Bei allen Herausforderungen, vor die das Virus die Gesellschaft derzeit stellt, sieht Sozialpsychologe Fritsche auch Chancen für das Sozialleben: "Vielleicht wird unser Leben – wenn wir uns als solidarische und gemeinsam tatkräftige Gesellschaft bewähren – stärker durch das Gefühl geprägt sein, persönlich Verantwortung für das Ganze zu tragen." Dieses "kollektive Wirksamkeitserleben" könnte sich dann möglicherweise auf unsere Motivation übertragen, gemeinsam noch größere kollektive Krisen anzugehen. Zu tun gebe es genug: "Klimawandel und das Aussterben der Arten machen schließlich keine Corona-Pause."

Wachgerüttelt durch Corona?

Die Corona-Krise als Trainingslager für das, was uns womöglich noch bevorsteht? Hagenkord ist skeptisch: "Ob wir in noch größeren Krisen auch solidarisch sein werden, wird sich erst noch zeigen – etwa wenn wir wegen des Klimawandels unseren Lebensstil umstellen müssen." Immer mehr Menschen leugnen zum Beispiel die Erkenntnisse der Klimaforscher. "An unserem Umgang mit der Wissenschaft wird sich zeigen, ob wir tatsächlich aus der Krise gelernt haben", sagt Hagenkord. "Inwieweit sind wir bereit, dazuzulernen und neue Erkenntnisse zum Maßstab für das eigene Handeln zu machen? Ich hoffe, dass Corona uns wachrüttelt und wir – als Einzelne und als Gesellschaft – erkennen, dass wir nicht mehr einfach so vor uns hin leben können."