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Essen für die Seele

Die Menschen verbringen momentan viel Zeit zu Hause. Essen zuzubereiten und zu genießen erhalten eine ganz neue Bedeutung. Ernährungspsychologen wissen, wie man das Beste daraus macht

von Eva Tenzer, 09.04.2020
Gemüse kochen Salat Paar zusammen

Essen zelebrieren: Mahlzeiten gemeinsam zubereiten und ausprobieren bringt Abwechslung in den Alltag


Kinos und Theater sind geschlossen. Die Lieblingsbar bietet nur Getränke zum Mitnehmen an. Und auch gesellige Runden mit dem Freundeskreis müssen zurzeit ausfallen. Umso wichtiger ist es, sich den Dingen zuzuwenden, die gerade möglich sind und uns guttun – den kleinen Freuden des Alltags, die sonst im geschäftigen Trubel oft untergehen. Zum Beispiel: Kochen und Genießen. Manche erinnern sich an Rezepte, die sie immer schon einmal ausprobieren wollten, für die aber nie Zeit war. Andere kochen alte Familienrezepte oder das Lieblingsrezept von Freunden nach. Koch-Shows im Fernsehen und auf Social Media liefern Input und bringen Abwechslung.

Entspannt genießen

Essen hält Leib und Seele zusammen, heißt es – ein wichtiger Effekt, gerade in schwierigen Zeiten. Diente das Essen nämlich ursprünglich rein dem Überleben, bekam es im Laufe der Zeit eine immer stärkere kulturelle und auch emotionale Bedeutung.

Gemeinsame Mahlzeiten vermitteln Verbundenheit, regionale und nationale Gerichte Identität in größeren Gruppen. Über Raffinesse kann man sich von anderen absetzen. Vegan oder bürgerlich deftig: Was und wie wir essen, drückt Stil, Geschmack und unser Selbstverständnis aus.

"Im Moment haben wir die große Chance, aus bisherigen Routinen auszubrechen. Vor allem aus der Gewohnheit, nur auf die Schnelle nebenher zu essen, um irgendwie satt zu werden", sagt Christoph Klotter, Professor für Gesundheits- und Ernährungspsychologie an der Hochschule Fulda. "In der Entschleunigung können wir das Essen wieder als ein sehr spannendes Feld neu entdecken."

Tägliches Familientreffen

Empirische Daten zeigten bislang den Trend, immer weniger selbst zu kochen. Das könne man jetzt umdrehen, indem man sich mehr Zeit für das Zelebrieren des Essens nimmt. Sein Rat: "Mahlzeiten gemeinsam zubereiten: mit dem Partner, mit den Kindern.  Und dann in Ruhe und schöner Atmosphäre mit Tischdecke und Kerzen essen."

Und: Störfaktoren ausschalten! Das Handy sollte beim Essen nicht auf dem Tisch liegen und der Fernseher nicht nebenher laufen. Es geht darum, sich ohne Ablenkung auf den Geschmack der Dinge auf dem Teller einzulassen.

Historisch gesehen sind Mahlzeiten immer ein fester Treffpunkt für Familien gewesen, ein Akt des Zusammenfindens und des Zusammenhalts. Dorthin wieder ein Stück weit zurückzufinden, sei durchaus eine Chance, findet der Ernährungspsychologe. Auch wieder zu merken, dass es darauf ankommt, beim Essen psychologisch satt zu werden, indem man sich mit dem Nächsten austauscht oder zur Ruhe kommt. Klotter hofft: "Wir können uns gutes Essen wieder zurückerobern."

Auch Augen, Herz und Nase können hungern

Essen und Trinken beeinflussen die Gefühlslage. Wir essen nicht nur aus Hunger, sondern auch um zu feiern, uns zu belohnen, zu trösten oder zu entspannen. Um sich die Funktionen des Essens klar zu machen, helfe das Konzept der "Sieben Arten von Hunger", erklärt Monika Bischoff.

Die Oecotrophologin leitet das Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention am Krankenhaus Barmherzige Brüder in München. Neben dem "Augenhunger" etwa, der beim Betrachten von Speisen entsteht, oder dem geruchsorientierten "Nasenhunger", gibt es auch Formen, die eher psychischer Natur sind.

Das sei zum Beispiel beim "Herzhunger" der Fall, wenn man einsam, gelangweilt oder verängstigt ist. Wohl jeder kennt den Effekt, dass Nudeln glücklich machen und Schokolade gegen Frust und Stress hilft. Bestimmte Inhaltsstoffe wirken aufs Gehirn. Studien zeigen, dass unsere Gemütslage vom Darm beeinflusst wird: Über verschiedene Wege wirken Signale aus dem Magen-Darm-Trakt auf Stimmungslage, Emotionen, Lernen und Gedächtnis.

Essen ist kein dauerhafter Tröster

Problematisch wird es, wenn man für die stimmungsaufhellenden Funktionen des Essens keine Alternative mehr kennt. Wenn sich alles nur noch um die nächste Mahlzeit dreht und Futtern zur einzigen Kompensation negativer Gefühle wird. "Essen ist der Emotionsmanager schlechthin", gibt Klotter zu bedenken.

Essstörungen - wenn die Gedanken nur noch ums Essen kreisen

Essen kann etwas Wunderbares sein. Drehen sich die Gedanken und Emotionen jedoch irgendwann nur noch um dieses Thema, kann eine Essstörung der Grund sein. Hierbei geht es nicht um ein gelegentliches Zuviel oder Zuwenig auf dem Teller, sondern um eine dauerhaft gestörte Aufnahme oder Verweigerung von Nahrung. Es droht eine unkontrollierte Gewichtszu- oder Abnahme, Fehl- und Mangelernährung mit ernsthaften langfristigen Gesundheitsschäden.

Essstörungen sind sehr vielfältig: Esssucht, Essanfälle (Binge Eating) Essbrechsucht (Bulimie) oder Magersucht (Anorexie). Auch der Zwang, sich maximal gesund zu ernähren (Orthorexie), kann zum Problem werden. Gemeinsam ist ihnen, dass Betroffene oft nicht mehr aus eigener Kraft zu einem normalen Essverhalten zurück finden und therapeutische Unterstützung brauchen.

Wann immer sie sich gestresst, traurig oder verängstigt fühlt, greifen viele zu fett- und zuckerhaltiger Nahrung, die erst einmal Trost spendet und beruhigt. Sich hin und wieder mit einer Chipstüte oder Pralinenschachtel auf dem Sofa zu verkriechen, sei völlig in Ordnung, so Klotter. Nur zu einem Dauerzustand sollte das auf keinen Fall werden.

Ernährungsgewohnheiten beobachten

Monika Bischoff rät zu Achtsamkeit, um die verschiedenen Arten von Hunger zu unterscheiden: "Man sollte sich immer wieder klar machen, was und wie viel man zu welchen Zeiten isst, und sich fragen, ob man vielleicht nur aus Frust und Langeweile isst."

Feste Essenszeiten, Ess-Tagebücher und der morgendliche Gang auf die Waage können helfen, die Kontrolle zu behalten. "Gerade wer jetzt viel im Home-Office sitzt, sollte das besser nicht in der bequemen Jogginghose tun, sondern in normaler Jeans. Da merkt man zusätzliches Gewicht schneller."

Zudem könne eine gute Wochenplanung helfen, nicht unkontrolliert Ungesundes zu essen, sondern viel frisches Gemüse. Die Expertin rät zum Intervallfasten und zu viel Bewegung, um ein besseres Sättigungsgefühl zu erreichen.

Welches Essen ist richtig für mich?

Klotters Tipp für achtsames Essen lautet: Tagebuch führen. Darüber, was einem bekömmlich ist und was einem guttut – während des Essens und vor allem danach. "Wie bekommen mir Zutaten und Gerichte? Was hat eine anhaltend positive Wirkung? Und welche Nahrungsmittel tun, obwohl mit großem Appetit gegessen, vielleicht am Ende doch nicht wirklich gut?"

Mit dieser Methode erfährt man nicht nur etwas über seine heiß geliebten Nahrungsmittel, sondern auch über sich selbst. Die Antworten können für die Zukunft ein Wegweiser sein bei der Frage: Welches Essen ist richtig für mich?


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