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Epidemiologe: Müssen uns auf Menschen mit höherem Risiko fokussieren

Das Maßnahmenpaket gegen die Corona-Pandemie nennt der Braunschweiger Epidemiologe Gérard Krause weitestgehend vernünftig. Das Fehlen eines für ihn zentralen Aspekts macht dem Wissenschaftler aber Sorgen

von Christian Brahmann, dpa, 29.10.2020

Bei den Maßnahmen gegen eine unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus fehlt dem Epidemiologen Gérard Krause ein Bekenntnis zum Schutz von Menschen mit höherem Risiko. Warum ein klares Statement aus seiner Sicht so wichtig wäre, erklärt der Wissenschaftler vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Wie bewerten Sie die beschlossenen Maßnahmen?

Es gibt einige Punkte, die sicherlich vernünftig und positiv sind. Es gibt allerdings auch einen Punkt, der mir fehlt und der mir Sorgen macht. Was ich grundsätzlich richtig finde, ist, dass die Einschränkung auf die Bereiche fokussiert sind, in denen der Mundschutz nicht getragen wird. Ich finde auch gut, dass man versucht, die Schulen und die Kinderbetreuung weiter aufrechtzuerhalten. Das halte ich auch für sehr wichtig.

Was macht Ihnen Sorgen?

Was mir fehlt, ist ein klares Statement, ein klares Bekenntnis mit klaren Maßnahmen unterfüttert, wie wir die Menschen schützen werden, von denen wir jetzt schon wissen, dass sie ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf oder einen tödlichen Verlauf haben.

Das ist keine leichte Aufgabe. Das ist durchaus eine Herausforderung. Gerade weil wir eigentlich schon seit dem Frühjahr wissen, dass hier so ein stark erhöhtes Risiko besteht, wäre es unsere Aufgabe als Gesellschaft, uns dieser Herausforderung von Anfang an zu stellen.

Wie sollte das aussehen?

Man kann sich überlegen, dass das Personal zunächst im Pflegebereich gestärkt wird. Man kann sich überlegen, dass das Personal ausreichend mit FFP2-Masken ausgestattet und gezielt im Umgang mit Covid-19 geschult wird. Man kann sich überlegen, die Besuchsregelung so auszugestalten, dass Personen im hohen Alter trotzdem noch Besuch bekommen können.

Dabei passiert Ihnen mit den neuen Maßnahmen zu wenig?

Wenn ich das richtig überblicke, werden sie noch nicht einmal richtig erwähnt. Das zieht sich durch wie ein roter Faden. Alle zwei Wochen haben wir entsprechende Maßnahmen. Darin findet die Erwähnung dieser Strategie oder dieses wichtigen Aspekts immer weniger Bedeutung.

Ich bedauere auch, dass das öffentlich kaum diskutiert wird, weil ich es für sehr wichtig halte. Wir müssen in der Tat die Infektionszahlen insgesamt senken. Aber viel wichtiger ist, dass wir die Erkrankungszahlen senken. Und noch viel wichtiger ist, dass wir die Zahl der schweren Erkrankungen senken.

Wie kann das funktionieren?

Indem wir uns auf die Menschen fokussieren, von denen wir jetzt schon wissen, dass sie ein 30-fach höheres Risiko für einen tödlichen Verlauf haben.

ZUR PERSON: Gérard Krause ist leitender Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig.


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