{{suggest}}


Dank Spenden: Plasmatherapie gegen COVID-19

Wer sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert, bildet Antikörper aus. Gespendetes Blutplasma von Genesenen könnte helfen, an COVID-19 erkrankte Patienten zu heilen. Erste Studien machen Hoffnung

von Eva Tenzer, 06.05.2020
Coronavirus Plasmaspende Medikament Hoffnung Heilung Verbesserung Medizin Forschung

Mit Plasma gegen Corona: Plasmatherapien erwiesen sich bereits bei Diphterie oder früheren SARS-Ausbrüchen als hilfreich


Tom Hanks hat es getan und Friedrich Merz ebenfalls. Der Schauspieler und der Politiker gehören zu den ersten prominenten COVID-19-Patienten, die nach ihrer Genesung angeboten haben, Blut zu spenden.

Für die Medizin ist dieses Blut zur Zeit ganz besonders wertvoll, denn es enthält Antikörper, die das Immunsystem gegen das Virus produziert hat. Diese Antikörper binden an bestimmte Proteine (Eiweißstoffe) auf der Außenhülle des Virus und helfen so dabei, es unschädlich zu machen. Das Blut von jüngst Genesenen enthält besonders viele dieser Antikörper.

Plasmatherapie gegen COVID-19

Das Blut von Genesenen kann auf zwei unterschiedliche Arten verwendet werden: Zum einen können Ärzte es Patienten, die an COVID-19 erkrankt sind, als Transfusion in die Vene verabreichen. Dafür muss aus dem Blut mit einem speziellen Verfahren das Blutplasma gewonnen werden.

Plasma nennt man den flüssigen Anteil des Blutes, aus dem alle Blutzellen, etwa die roten Blutkörperchen, entfernt wurden. Die Antikörper des Spenders helfen dem Patienten, die Krankheit zu bekämpfen. Diese Art der Plasmatherapie wurde schon gegen die Spanische Grippe, gegen Diphtherie, Polio (Kinderlähmung) und auch bei früheren Coronavirus-Ausbrüchen (SARS und MERS) erfolgreich eingesetzt.

Zum anderen kann man aus dem Plasma der genesenen COVID-19-Erkrankten die Antikörper gewinnen und diese anschließend als Impfstoff verabreichen. Beide Methoden bezeichnet man als passive Immunisierung.

Erste Studien wecken Hoffnung

Zur Plasmatransfusion verlief in China bereits eine erste kleine Studie erfolgversprechend: Alle zehn an COVID-19 erkrankten Studienteilnehmer überlebten, die Viruszahl verringerte sich bei ihnen rasch, und die Symptome besserten sich schneller als in der Vergleichsgruppe, die keine Plasmatransfusion erhielt und in der drei Patienten starben.

Das weckte Hoffnungen bei vielen Forschern. Die schweizerische Arzneimittelbehörde Swissmedic hat die erste COVID-19-Therapiestudie mit dem sogenannten Rekonvaleszentenplasma (Plasma von genesenen Patienten) erlaubt. Und auch in Deutschland hat das Paul-Ehrlich-Institut, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, eine erste Studie genehmigt.

Deshalb haben mehrere Universitätskliniken in Deutschland von COVID-19 genesene Patienten zu Blutspenden aufgerufen: die Medizinische Hochschule in Hannover (MHH), die Universitätskliniken Erlangen, Regensburg und Münster.

Auf die Antikörper kommt es an

Rainer Blasczyk leitet das Institut für Transfusionsmedizin und Transplantat Engineering der Medizinischen Hochschule Hannover. Sein Team erstellt zur Zeit ein Register aller Spendenwilligen und er freut sich über deren hohe Zahl: "Über 4000 Menschen haben sich in den vergangenen Wochen bei uns gemeldet. Jetzt müssen wir auswählen, wer infrage kommt", berichtet der Mediziner.

Wichtig sei nämlich nicht nur, dass ein Spender von COVID-19 genesen ist. "Damit die Antikörper in ausreichender Menge vorhanden sind, muss er die Krankheit in einer bestimmten Intensität durchgemacht haben, wie zum Beispiel eine deutliche Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit, Bettlägerigkeit oder Atemnot."

Das Plasma braucht eine optimale Konzentration von Antikörpern. Sind zu wenige oder die falschen Antikörper im Blut enthalten, könnte eine Transfusion die Vermehrung des Virus fördern und die Infektion sogar verschlimmern. Diese sogenannten infektionsfördernden Antikörper können das Eindringen des Virus in die Zellen des Patienten begünstigen.

Was die Chancen und Grenzen so einer Therapie sind, erklärt auch Professor André Gessner von der Uniklinik Regensburg im Podcast.

Infektionen ausbremsen

"Nur zehn bis 15 Prozent der Spender kommen nach der aktuellen Datenlage für eine Plasmaspende infrage", sagt der Experte. Zudem müssen die Spender seit mindestens vier Wochen symptomfrei sein, damit sie auf keinen Fall mehr ansteckend sind. "Wir wollen Mitarbeiter und Patienten schützen und auf Nummer Sicher gehen", betont Blasczyk.

Sobald die Studie genehmigt ist und genügend Plasmapräparate hergestellt sind, sollen an der MHH erste Patienten behandelt werden. Ziel ist es, die Infektion in einem noch recht frühen Stadium aufzuhalten.

Gibt man das Rekonvaleszentenplasma in einer frühen Phase, wenn die Infizierten noch keine oder nur wenige eigene Antikörper bilden, könnte das die Ausbreitung des Virus im Körper sehr früh bremsen, hofft der Mediziner. So könnte man den Erkrankten eine intensivmedizinische Behandlung und Beatmung möglicherweise ersparen.

Gesundheitssystem entlasten

Natürlich würden nur solche Patienten mit einer Plasmatransfusion behandelt werden, bei denen die Schwere des Krankheitsverlaufs eine Indikation zur stationären Aufnahme begründet (WHO Grad 3 und 4) und die Gefahr besteht, dass eine intensivmedizinische Behandlung bevorsteht.

"Dieses Vorgehen könnte die Intensivstationen entlasten", erklärt Blasczyk. Für Hochrisikopatienten, etwa mit einer vorgeschädigten Lunge wäre das eine große Chance. Die entscheidenden Vorteile der Methode sieht Blasczyk darin, dass sie nebenwirkungsarm ist und relativ rasch verfügbar sein kann – bis Impfstoffe in großen Mengen hergestellt werden können.

Auch Deutschland führt Plasmastudien durch

Forscher am Deutschen Zentrum Immuntherapie (DZI) des Universitätsklinikums Erlangen forschen ebenfalls an Immunplasma-Therapien, also Behandlungen mit antikörperreichem Blutplasma. Transfusionsmediziner um Holger Hackstein haben den ersten sechs Patienten bereits Plasma übertragen. Teilweise könne man bereits eine deutliche Verbesserung einzelner Entzündungszeichen wie des Blutmarkers CRP feststellen.

Und bei einem Teil der Patienten nehme die Viruszahl ab, berichtet Hackstein. Das ist bei unkomplizierten Verläufen zwar häufig der Fall, nicht jedoch bei Patienten auf der Intensivstation, wie bei diesen Fällen.

Trotz der anfänglichen Erfolge ist man mit einer endgültigen Bewertung  aber noch zurückhaltend – solange bis eine größere klinische Studie vorliegt. Die wird aktuell vorbereitet, ist an mehr als 30 weiteren Patienten geplant, und soll frühestens Ende des Jahres Ergebnisse liefern.

Es braucht Zeit und Spender

Der Antrag für die Studie ist gestellt, muss aber erst noch durch das Paul Ehrlich Institut genehmigt werden. Dann muss das Plasma hergestellt und übertragen werden. Und der erste Endpunkt der Studie wird nach weiteren 28 Tagen sein. Diese einzelnen Schritte brauchen also viel Zeit. Und die Erlanger Forscher brauchen für die Studie auch noch mehr Spender.

Außerdem arbeiten die Forscher des DZI an einer Impfung durch die Gabe von Antikörpern (sog. passive Impfung) speziell gegen SARS-CoV2 Coronaviren (sogenannte monoklonale Antikörper), berichtet ihr Sprecher Markus Neurath.

"Damit wollen wir medizinisches Personal, Betreuer in Alten- und Pflegeheimen sowie Hochrisikopatienten für zwei bis drei Monate schützen, bis es einen aktiven, lang wirkenden Impfstoff gibt", erläutert DZI-Virologe Klaus Überla.

Noch bleibt es bei Laborversuchen

Im Gegensatz zur passiven Impfung, bei der die fertigen Antikörper gegeben werden, wird bei der aktiven Impfung das Immunsystem mit Bestandteilen des Virus in Kontakt gebracht, um die Antikörperbildung im Körper des Patienten anzuregen. Die Forschergruppe hat aus dem Blut genesener COVID-19-Patienten 25 verschiedene Antikörper identifiziert.

"Je mehr, desto besser, da dies die Chance erhöht, einen geeigneten Antikörper zu finden", erläutert Überla. Diese werden nun auf ihre Fähigkeit getestet, die Virusinfektion zu stoppen. Momentan nur in Laborversuchen, später an Tieren und dann in Studien am Menschen. "Wenn alles weiter so gut läuft, könnten die ersten Patienten schon Ende des Jahres geimpft werden", hoffen die Erlanger Virologen.

Die Hoffnung bleibt

Auch am Universitätsklinikum Regensburg erhielten seit Anfang April 26 vor allem schwerstkranke und intensivpflichtige Patienten Plasmaspenden. Als erster Zwischenstand zeige sich allerdings noch keine durchgreifende Verbesserung des Krankheitsverlaufs, teilte das Klinikum mit.

Sollten die Therapieansätze funktionieren und aus seinen Antikörpern tatsächlich ein Impfstoff entwickelt werden, werde er jedenfalls kein Patent darauf beanspruchen, scherzte Oscar-Preisträger Tom Hanks.

Freiwillige, die bereits eine bestätigte COVID-19-Erkrankung durchgemacht haben und Blut spenden wollen, können sich melden unter: 

Medizinische Hochschule Hannover: RKP-Spende@mh-hannover.de

Universitätsklinikum Münster: hepar@ukmuenster.de

Universitätsklinikum Erlangen: tr-covid19@uk-erlangen.de

Universitätsklinikum Regensburg: Tel.: 0941 944-5000