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Corona-Krise: So entstehen Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien haben den Sprung vom Internet auf die Straße geschafft. Das ist ein Grund zur Sorge, aber wenig überraschend

von Nina Himmer, 18.05.2020
Krisen sind der ideale Nährboden für Verschwörungstheoretiker: Sie äußern ihr Misstrauen gegenüber Politikern, Medizinern und Virologen auf Demonstrationen

Krisen sind der ideale Nährboden für Verschwörungstheoretiker: Sie äußern ihr Misstrauen gegenüber Politikern, Medizinern und Virologen auf Demonstrationen


Auf den Plakaten stehen Sätze wie "Gib Gates keine Chance", "Corona, die Jahrhundertlüge", "Viren bringen keine Krankheit" oder "Gegen die Corona-Diktatur". Das dritte Wochenende in Folge haben Tausende Menschen in Deutschland gegen die Corona-Beschränkungen protestiert.

Sie wettern gegen eine Impfpflicht, dabei gibt es noch nicht mal einen Impfstoff. Sie bezweifeln die Existenz von SARS-CoV-2, obwohl hierzulande bereits knapp 8000 Menschen daran gestorben sind. Und sie fürchten um ihre Meinungsfreiheit, obwohl sie auf der Straße stehen und ungehindert krude Ideen in die Welt brüllen. Es ist offensichtlich: Verschwörungstheorien sind auf der Straße angekommen.

Misstrauen gegenüber Politikern, Virologen und Medizinern

Das ist eine besorgniserregende Entwicklung, zumal rechts- und linksradikale Gruppen versuchen, die Bewegung zu kapern. Für Experten aber kommen die Proteste wenig überraschend. Eine globale Krise wie die Corona-Pandemie bringt enorme Unsicherheiten mit sich, die den Glauben an Verschwörungstheorien und Falschmeldungen befeuern.

"Verschwörungstheorien verfügen typischerweise über zwei Merkmale: Misstrauen gegen Eliten und eine erkennbare Ursache", sagt Professor Michael Butter von der Universität Tübingen, der das Phänomen seit Langem aus kulturhistorischer Perspektive erforscht.

Beide Merkmale erfüllt die Corona-Krise lehrbuchmäßig: Das Misstrauen richtet sich gegen Mediziner, Virologen, Politiker, Pharmakonzerne, das Robert Koch-Institut und die WHO. Die Ursache liefern die Einschränkungen zur Eindämmung von Covid-19.

Kampf gegen Verunsicherung

Hinzu kommt, dass Menschen dazu neigen, große Ursachen für große Wirkungen zu vermuten. Ein kleines Wildtier oder gar der Zufall sollen dafür verantwortlich sein, dass unser aller Leben gerade Kopf steht? Das reicht vielen nicht als Erklärung aus.

"Verschwörungstheorien sind ein Mittel gegen Verunsicherung für Menschen, die Zufälle nicht als Erklärung akzeptieren können und für die es einfacher ist, einen Schuldigen zu suchen", erklärt Butter. Deshalb hätten sie so gut wie immer ein klares Feindbild.

Bei Corona erfüllen diese Rolle gerade wahlweise Bill Gates, Angela Merkel, die chinesische Regierung, die WHO oder die Pharmaindustrie. Vermeintlich Schuldige bieten einfache Antworten, die entlasten und dem Gefühl von Kontrollverlust etwas entgegensetzen. Genau danach lechzen vielen Menschen in einer Krise.

"Verschwörungstheorien sortieren die Welt in Gut und Böse. So bieten sie eine Möglichkeit, die Komplexität einer Situation zu reduzieren, Orientierung zu schaffen und simple Erklärungen zu liefern", erklärt Butter.

50 Prozent der Bevölkerung hat eine Verschwörungsmentalität

Warum manche dafür anfälliger sind als andere, erforscht die Psychologin Pia Lamberty von der Universität Mainz. Sie ist überzeugt, dass es eine Art Verschwörungsmentalität gibt, die sich durch ein generalisiertes Misstrauen gegen Macht äußert – und dass Menschen mit diesem Persönlichkeitsmerkmal eher Verschwörungstheorien verfallen.

"Wir reden dabei nicht über vereinzelte Spinner", betont sie, "sondern über eine Tendenz, die auf fast die Hälfte der Bevölkerung zutrifft."

Tatsächlich zeigt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, dass schon vor Corona rund 46 Prozent der Deutschen glaubten, dass geheime Organisationen großen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen.

Aus Großbritannien gibt es ähnliche Zahlen. Ein beachtlicher Anteil der Menschen vertraut im Zweifel also mehr auf das eigene Gefühl als auf Experten. "Das ist allerdings erstmal nur eine Tendenz ohne konkrete Ausprägung. Nicht alle dieser Menschen sind Verschwörungstheoretiker", sagt Lamberty.

Angst und fehlendes Verständis - eine explosive Mischung

In einer Extremsituation wie der Corona-Krise kann die Tendenz allerdings leicht in Überzeugung umschlagen. Insbesondere in Kombination mit mangelnder Medienkompetenz, fehlendem Wissenschaftsverständnis und starken Emotionen.

"Angst verändert unsere Wahrnehmung und sorgt dafür, dass wie eher auf Meldungen hereinfallen, die unsere Sorgen bestätigen", sagt Professor Falkai von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität München. Dann könne es passieren, dass wir Hirngespinsten auf einmal mehr Glauben schenken als Menschen, die sich die Bezeichnung Experte durch jahrelange Ausbildung und Forschung verdient haben.

Das erklärt, warum neben Verschwörungstheorien auch Falschmeldungen zu Corona gerade Hochkonjunktur haben. Das Internet quillt davon förmlich über: Da gibt es Atemtests, die binnen Sekunden Gewissheit bringen sollen, ob man infiziert ist oder nicht. Dazu kommen zahllose Heil- und Schutzversprechen, die jedem Mediziner die Haare zu Berge stehen lassen.

Etwa, dass aufgeschnitten Zwiebeln oder Knoblauch das Virus wie ein Magnet aus der Luft ziehen oder das Gurgeln mit Kokosöl, Alkohol oder heißem Wasser vor einer Ansteckung schützt.

Fake News können Pandemien verschlimmern

"Ob aus Spaß oder böser Absicht, falschen Überzeugungen oder um ein Geschäft anzukurbeln – die Produzenten von Fake News nutzen die Sorgen der Menschen gnadenlos aus und spielen mit ihrem Bedürfnis nach Kontrolle und einfachen Erklärungen", sagt Falkai.

Wie gefährlich das ist, weiß niemand besser als Paul Hunter von der britischen East Anglia Universität. Der Mediziner erforscht seit Jahren die Auswirkungen von irreführenden Informationen auf die Verbreitung von Infektionskrankheiten wie Grippe, Ebola, Masern oder Windpocken.

Viele seiner Ergebnisse lassen sich auf Corona übertragen: "Falsche Informationen können den Verlauf von Krankheiten und Pandemien verschlimmern und sind sehr gefährlich", sagt er. Schlimmstenfalls würden Menschen wegen solcher Fehlinformationen ihr Verhalten ändern und damit sich und andere gefährden.

Falschinformationen kosten Menschenleben

Bezüglich der Corona-Pandemie sieht er vor allem das Risiko, dass fehlinformierte Menschen zu wenig Abstand halten, nicht genug auf Händehygiene achten und Regeln wie die Mundschutz-Pflicht boykottieren – also genau das, was auf den Protesten gerade passiert. "Sowas kann Menschenleben kosten", sagt Hunter.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist überzeugt, dass Fake News gefährlich sind und geht mittlerweile auf allen Kanälen gezielt gegen die "Infodemie" vor. Eine sinnvolle Maßnahme, findet Paul Hunter. "Es ist wichtig, Fake News in der Öffentlichkeit klar zu korrigieren und ihre Verbreitung so gut wie möglich einzuschränken", sagt er. Gleichzeitig sei es wichtig, die Medienkompetenz und Bildung der Menschen zu stärken.

Meldungen überprüfen

Was aber kann man sonst gegen die Verbreitung von Lügen tun? Jeder Einzelne kann zum Beispiel darauf achten, ob Nachrichten einen Sachverhalt auffallen stark verharmlosen oder überdramatisieren. Auch andere Fragen helfen: Löst ein Bericht starke Emotionen aus? Bieten er simple Erklärungen? Beanspruchen er Exklusivwissen?

Bevor man etwas glaubt oder gar weiterverbreitet, sollte man die Quellen prüfen. Dafür muss man keine Detektivarbeit leisten: Es gibt seriöse Faktencheck-Webseiten wie Hoaxmap.org, fullfact.org oder Mimikama.at. Oft reicht es aber auch schon, bestimmte Begriffe plus das Stichwort "Faktencheck" in eine Suchmaschine eingeben. Handelt es sich tatsächlich um Falschmeldungen, haben seriösen Quellen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit schon entkräftet.

Facebooks Kampfansage

Paul Hunter sieht die Verantwortung aber nicht nur bei einzelnen Nutzern, sondern auch bei den Tech-Konzernen. Sie sollen helfen, die Verbreitung von Fake News zu begrenzen. Einige tun das bereits: Facebook und Co. entfernen oder verbergen zum Beispiel gerade viele Falschmeldungen zu Covid-19. Außerdem arbeiten sie mit Behörden zusammen, um seriösen Quellen mehr Platz und prominente Stellen einzuräumen oder auf sachlich geprüfte Informationen zu verlinken.

Auch Suchmaschinen wie Bing oder Google haben auf die Krise reagiert, indem sie Informationen von Behörden unter den ersten Suchergebnissen anzeigen. YouTube wiederum versucht, alle Inhalte zu löschen die Menschen davon anhalten, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Allerdings werden besonders viele falsche Informationen in privaten Messanger-Diensten geteilt – und diese entziehen sich jeder Kontrolle.

Mundschutz statt Aluhut

Wenn Fakten Falschmeldungen entzaubern können, helfen sie dann auch gegen Verschwörungstheorien? Leider nein, sind sich Psychologin Pia Lamberty und Kulturwissenschaftler Michael Butter einig: Eingefleischte Verschwörungstheoretiker lassen sich mit Fakten kaum überzeugen. Und mit Humor schon gar nicht.

Stattdessen diffamieren sie Kritiker entweder als Teil der Verschwörung oder als naive Schlafschafe, die die Wahrheit bloß nicht erkennen. Wer sich trotzdem auf eine Diskussion einlassen will, sollte sich nicht auf der Faktenebene verheddern sondern möglichst differenziert nachfragen: Warum glaubst du das? Warum ist diese Quelle für dich aussagekräftiger als eine andere? Wer sind diese ominösen Strippenzieher? Warum machen die das?

Vielleicht gelingt es so, jenen fairen kritischen Diskurs zu fördern, von dem jede Demokratie lebt. Und auf den unlängst auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiner pochte, von dem auch folgender Satz stammt: "Ich traue mich zu behaupten, dass unter den Gesichtspunktes des Virusschutzes der vielleicht manchmal unbequeme und lästige Mundschutz empfehlenswerter ist als der Aluhut."


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