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Corona - Risikofaktor Herz

Patienten mit Herzkreislauf-Erkrankungen zählen zu den Risikogruppen für schwere Verläufe einer COVID-19-Erkrankung. Warum das so ist, wer zu dieser Gruppe gehört und was man tun kann, um die Risiken zu minimieren

von Eva Tenzer, 22.04.2020

Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen haben zwar kein erhöhtes Risiko, sich mit SARS-CoV-2 anzustecken. Wenn es aber passiert, ist die Gefahr für einen schweren Verlauf größer. Zu diesen gefährdeten Gruppen zählen auch Patienten mit kardiovaskulären Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das sind zum Beispiel Bluthochdruck, die koronare Herzkrankheit (Verengte Herz-Arterien) und die sogenannte Schaufensterkrankheit (Verengte Bein-Arterien). Auch Menschen mit Herzschwäche, sowie Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern sind betroffen, genauso Patienten, die bereits einen Schlaganfall hatten.

Virus schädigt das Herz

Ist das Herz geschwächt, kann eine Infektion das angeschlagene Organ schnell überfordern. Denn Viren und Bakterien belasten das Herz-Kreislauf-System zusätzlich. Herzpatienten sollten deshalb im Auge behalten, dass COVID-19 nicht nur eine Atemwegserkrankung ist, sondern auch das Herz in Mitleidenschaft ziehen kann, warnt das Deutsche Zentrum für Herzkreislauf-Forschung.

"Bei COVID-19 kann es zu einer direkten Schädigung des Herzens kommen, indem die SARS-CoV-2-Viren die Herzkranzgefäße befallen", erklärt Thomas Meinertz von der Deutschen Herzstiftung. "Das sind  Blutgefäße, die um das Herz verlaufen und den Herzmuskel mit sauerstoffreichem Blut versorgen." Zudem könne eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus auch ohne einen direkten Befall des Herzens zu einer enormen Belastung des Herz-Kreislauf-Systems führen, so der langjährige Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie und Angiologie des Universitären Herzzentrums Hamburg. Verhindert zum Beispiel eine ausgeprägte Lungenentzündung die ausreichende Sauerstoffsättigung des Blutes, muss das Herz schneller schlagen, um alle Organe mit sauerstoffreichem Blut zu versorgen – eine immense Mehrarbeit. Und die kann das Organ auf Dauer überlasten, insbesondere wenn es bereits vorgeschädigt ist.

Möglicher Grund für die Schäden an Herz und Blutgefäßen

SARS-COV-2 kann wohl auch Epithelzellen verschiedener Organe befallen und dort eine Entzündung auslösen. Das haben Obduktionen an verstorbenen Patienten ergeben. Epithelzellen sind Zellschichten, die als Deckgewebe die äußeren und inneren Oberflächen von Organen auskleiden. Hierzu zählen die Wände von Blutgefäßen. Sind diese Wände bereits vorgeschädigt, zum Beispiel durch Bluthochdruck, Diabetes oder bei einer Erkrankung der Herzkranzgefäße, kann das vermutlich zu besonders ausgeprägten Problemen führen. Dazu gehören Durchblutungsstörungen und Infarkte.

Hohe Sterblichkeit bei Herzpatienten

"Das Risiko ist besonders bei Patienten mit Herzschwäche erhöht und bei Herzpatienten, die an Diabetes oder Bluthochdruck leiden", erklärt Alexander Leber, Chefarzt des Isar Herzzentrums am Isarklinikum München. Erste Daten aus China zeigten, dass 40 Prozent aller Patienten, die wegen COVID-19 in ein Krankenhaus eingeliefert werden müssen, an einer Herzkreislauf-Erkrankung leiden. "Und ihre Sterblichkeitsrate liegt mit rund zehn Prozent sehr hoch. Die  Sterbewahrscheinlichkeit ist sogar höher als bei Menschen mit einer Vorerkrankung der Lunge", berichtet der Kardiologe. Vergleichbare Daten aus Deutschland lägen im Moment zwar noch nicht vor, doch könne er mit Blick auf die bisherigen klinischen Erfahrungen hierzulande den Trend durchaus bestätigen.

Die Infektion kann also sowohl Herzerkrankungen direkt verursachen als auch bereits bestehende verschlimmern, etwa eine Herzschwäche. Und sie kann sogar Herzinfarkte auslösen: "Das ist darauf zurückzuführen, dass ähnlich wie bei einer Infektion mit dem Grippevirus bei Patienten mit vorgeschädigten Herzgefäßen das Risiko für plötzliche Verschlüsse deutlich steigt", erklärt Leber.

Schutz ist besonders wichtig

Für Herzpatienten ist es darum besonders wichtig, sich vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 zu schützen. Sie sollten unbedingt die nötigen Hygiene- und Verhaltensregeln einhalten: die Hände regelmäßig gründlich mit Seife waschen und die Abstandsregeln strikt einhalten. Wenn möglich, sollten sie andere für sich einkaufen lassen und öffentliche Verkehrsmittel meiden. Für Routinegespräche mit dem Arzt sollten Herzpatienten telemedizinische Sprechstundenangebote nutzen. Alexander Leber hat gemeinsam mit Kollegen des digitalen Herzzentrums iATROS die "Corona-Herz-Hilfe" gegründet, eine Nachrichtenplattform, die Informationen zur Verfügung stellt und eine Beratung per Videoanruf oder Telefon ermöglicht.

Symptome von COVID-19 können denen einer Herzerkrankung durchaus ähneln und sind daher manchmal schwer zu unterscheiden. Atemnot, etwa beim Treppensteigen oder – in schweren Fällen – sogar im Ruhezustand. Als Herzpatient sollte man daher sofort den Arzt verständigen, wenn sich Symptome wie Atemnot plötzlich verschlechtern oder neu auftreten, bei stärkeren Beschwerden den Notarzt holen (112).

Medikamente weiter einnehmen

Kardiologen warnen davor, geplante Herz-Operationen aus Angst vor einer Infektion in der Klinik von sich aus abzusagen. Außerdem müssen Vorerkrankte die verordneten Herz-Kreislauf-Medikamente konsequent weiter einnehmen. "Die Wirkstoffe schützen den Herzmuskel und sorgen mit der Zeit auch für einen effizienteren Herzschlag", erläutert Thomas Meinertz. Außerdem entlastend blutdrucksenkende Medikamente das Herz, weil es bei niedrigerem Blutdruck weniger Kraft aufwenden muss, um das Blut durch die Gefäße zu pumpen."

Auch Alexander Leber betont: "Alle Herzpatienten sollten während der Corona-Pandemie dringend ihre verschriebenen Medikament einnehmen. Und er rät zu Impfungen gegen Pneumokokken und Grippe (Influenza), damit es nicht im Falle einer Corona-bedingten Lungenerkrankung zu weiteren Komplikationen durch diese Erreger kommt.

Gesund essen und viel bewegen

Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und ausreichend Bewegung zählt zu den wichtigsten Grundpfeilern, um das Herz fit zu halten. In der aktuellen Situation sei es besonders wichtig, ein möglichst widerstandsfähiges und leistungsfähiges Herz zu haben, erinnert Meinertz: "Auch wenn in der momentanen Situation Herzsportgruppen und andere Bewegungsangebote nicht zur Verfügung stehen, sollte man nicht auf sein tägliches Bewegungsprogramm verzichten." Spaziergänge oder Joggingrunden sind problemlos möglich. Und auf einer Gymnastikmatte lässt sich mit Trainingsvideos aus dem Internet auch zu Hause ein gutes Bewegungsprogramm absolvieren. Ein gesunder Lebensstil kann viel dazu beitragen, um mit einem gestärkten Herzen durch die Krise zu kommen.