{{suggest}}


X- und O-Beine: Folgeschäden vermeiden

Viele Menschen haben X- oder O-Beine. Das ist zunächst kein Problem. Doch die Fehlstellung kann Arthrose begünstigen

von Diana Engelmann, 10.12.2018
X und O Beine

X- und O-Beine können angeboren sein, aber auch durch den Lebensstil im Lauf der Zeit entstehen


Fußballer haben O-Beine. Jetzt ist es erwiesen. Münchner Mediziner haben kürzlich heraus­gefunden, dass intensives Fußballspielen in der Jugend schiefe Extremitäten zumindest begünstigt. Dazu analysierten sie mehrere Studien zum Thema und veröffentlichten ihre Ergebnisse im Deutschen Ärzteblatt. Die Autoren um Dr. Peter ­Helmut Thaller zeigten, dass Jugendliche, die sehr viel kickten – eine Studie gab als Richtwert mehr als sechs Stunden pro Woche an –, später ein erhöhtes Risiko für O-Beine hatten.

Auswirkungen vom Hobby auf die Beine

Aber nicht nur Fußballspieler kann dieses Schicksal ereilen, auch andere Sportarten scheinen die Fehlstellung zu fördern, zum Beispiel Tennis, Joggen, Volley- und Basketball sowie Tanzen. Das zeigt eine österreichisch- belgische Studie im Fachblatt International Orthopaedics mit 564 Jungen und 444 Mädchen.

Die Forscher vermuten, die hohe Belastung auf die Wachstumsfugen in der Nähe des Kniegelenks verhindere, dass die Knochen gleichmäßig in die Höhe wachsen. Das gilt vor allem bei "High-­Impact"-Sportarten, die durch hohe Stoßbelastungen sehr auf Gelenke und Muskeln gehen.

Dr. Matthias Säugling

Zudem können die unterschiedlich stark beanspruchten und ausgeprägten Muskeln Achsenfehlstellungen verursachen. Zieht man eine imaginäre Linie von der Hüfte bis zum Sprunggelenk, sollte die Mitte des Kniegelenks ebenfalls auf dieser Linie liegen. "Weicht es um mehr als drei bis vier Grad nach außen oder innen ab, sprechen wir von O- oder X-Beinen", sagt der Orthopäde und Unfallchirurg Professor Karl-Dieter Heller, Chefarzt der Orthopädischen Klinik am Herzogin-Elisabeth-Hospital in Braunschweig.

Aufwachsen mit krummen Beinen

Auf den Breitensport lassen sich die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse jedoch nicht übertragen. Wer nicht übermäßig trainiert, Sport als Hobby betreibt, muss nicht fürchten, dass sich dadurch die Knochen verformen. Allerdings gibt es noch andere Ursachen für X- und O-Beine, Verletzungen zum Beispiel.

Im Kleinkindalter hatten sogar die meisten von uns krumme Beinchen. Das ermöglicht bei den ersten Gehversuchen einen breiteren und damit sichereren Stand und wächst sich mit der Zeit wieder aus.

Individuelles Scherzempfinden

Auch im Erwachsenenalter sind O- oder X-Beine erst einmal kein Problem – es sei denn, der Betreffende stört sich stark an der Optik. Zu Beschwerden führt die Fehlstellung selbst jedenfalls nicht. Allerdings kann sie auf lange Sicht gesundheitliche Folgen haben. Sie begünstigt Arthrose in den Knien. Durch die einseitige Belastung außen oder innen nutzt sich der Knorpel im Gelenk schneller ab, im schlimmsten Fall reibt irgendwann Knochen auf Knochen.

Doch auch Arthrosen verursachen nicht zwangsläufig Schmerzen. "Es gibt durchaus stille Verläufe", sagt Karl-Dieter Heller. Auch Dr. Matthias Säugling, Orthopäde und Unfallchirurg in Köln und Mannschaftsarzt des Kölner Eishockeyvereins KEC, berichtet: "Ich kenne ein paar Fußballspieler von früher mit O-Beinen und Arthrose, bei denen ich denke, sie dürften kaum noch laufen können. Sie selbst stört die Situation aber nicht."

Maßnahmen gegen X- und O-Beine

Genauso gibt es Patienten mit vergleichsweise wenig Verschleiß, die einen hohen Leidensdruck haben.

Schmerzen heilen und vorbeugen

Schmerzen entstehen bei einer Knie-Arthrose vor allem, wenn sich die Schleimhaut entzündet, die das Gelenk von innen auskleidet. Betroffene können aber einiges tun, um dem entgegenzuwirken. Eine Operation ist dabei stets die letzte Option. "Viele Patienten kommen mittelfristig sehr gut mit konventionellen Behandlungsmethoden klar", betont Säugling.

Bestes Mittel: die Muskulatur aufbauen und erhalten – nicht nur rund ums Knie, sondern auch an Hüfte und Oberschenkel. "Das funktioniert gut mit Physiotherapie und Fahrradfahren, wobei zyklische, runde Bewegungen im Vordergrund stehen", sagt Säugling. Es gehe ge­nerell darum, Stabilität in den Beinen zu schaffen. Dabei helfen zum Beispiel auch Übungen mit Gummibändern, bei denen man mit dem eigenen Körpergewicht arbeitet.

Abhilfe durch Medikamente, Einlagen und Schienen

Hindern Schmerzen den Patienten daran, sich zu bewegen, können Medikamente helfen. Facharzt Heller rät zu Antirheumatika. Die Schmerzmittel, die auch Entzündungen lindern, gibt es rezeptfrei in der Apotheke. Für den Dauereinsatz sind sie ­allerdings nicht gedacht. Patienten sollten sie – ohne ärztlichen Rat – nicht länger einnehmen, als in der Packungsbeilage empfohlen wird.

Einen Versuch ist es zudem wert, krumme Beine mit Einlagen, angepasstem Schuhwerk oder einer Schiene auszugleichen. Doch manches Hilfsmittel hat Nachteile. So verschlimmern sich die Beschwerden durch Einlagen häufig erst einmal. "Ein akuter Übergang stellt zunächst immer eine Belastung für den ­­Patienten dar", sagt Heller. Schließlich müssen sich Gelenke, Bänder, Sehnen und Muskeln an die ungewohnte Stellung anpassen.

Kasse übernimmt nicht jede Therapie

Bessere Erfahrungen machen viele Ärzte mit Schienen (Orthesen), die schiefe Beine ein wenig begradigen. Orthopäde Säugling zum Beispiel verwendet das Hilfsmittel bei manchen Betroffenen als Vorbereitung auf eine Operation – um zu testen, ob der Eingriff wirklich helfen wird. Manche seiner Patienten kämen dann mit der Schiene sogar so gut klar, dass sie wieder ohne Beschwerden Tennis spielen könnten.

Einige Orthopäden und Sportmediziner haben zudem Spritzen mit Hyaluronsäure im Angebot oder die Eigenbluttherapie. Dabei werden für Heilungsprozesse hilfreiche Bestandteile aus dem Blut gewonnen und injiziert. Wer das ausprobieren will, muss wissen: Die Kassen übernehmen die Kosten dafür nicht. Auch wenn kleinere Studien darauf hinweisen, dass vor allem eigene Blutbestandteile zu spritzen Schmerzen verringern kann.

Starkes Gewicht vermeiden, Training anpassen

Und was können Menschen tun, die X- oder O-Beine haben – aber bisher keine Knieprobleme? Vor allem sollten sie versuchen, nicht zu viel auf die Waage zu bringen. Bereits bei Normalgewichtigen sind die Kräfte enorm, die aufs Kniegelenk wirken. "Da kommt ein Mehrfaches des Körpergewichts an", sagt Heller. Sind die Gelenke durch die Beinfehlstellung ohnehin bereits vorbelastet, kann Übergewicht den Verschleiß zusätzlich fördern.

Was jungen Profi-Fußballern in spe helfen soll, um O-Beinen von vornherein entgegenzuwirken, diskutieren Experten derzeit. Ein Ansatz: Die Kinder und Jugendlichen könnten die äußeren Oberschenkelmuskeln mehr trainieren und die inneren mehr dehnen. Letztere sind bei Fußballspielern besonders stark ausgeprägt. Das führt zu einem Ungleichgewicht in den Beinen.

Die Autoren im Deutschen Ärzteblatt empfehlen angepasstes Schuhwerk und eine angepasste Trainingsintensität. Sprich: weniger kicken als sechs Stunden pro Woche. Für kleine Fußballfans vielleicht unerfreulich, aber für ihre Beine wohl gesünder. Vor allem für ihre Knie.