{{suggest}}


Hilfsmittel bei Sehbehinderung

Hilfe in Sicht: Optische und elektronische Hilfsmittel verbessern die Lebensqualität der Betroffenen erheblich. Wir stellen Spezialbrillen und Hightech-Lupen vor

von Barbara Kandler-Schmitt, 26.03.2019
Hilfsmittel bei Sehbehinderung

Elektronische Lesehilfe: Schriftgröße und Farbe lassen sich individuell einstellen


Ständig klingelt das Telefon. Margaret Reinhardt nimmt es gelassen: "Gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit haben die Leute verstärkt Probleme und merken, wie schlecht sie eigentlich sehen", erklärt die Vorsitzende des Bundes zur Förderung Sehbehinderter (BfS). Bei vielen ist die Sehfähigkeit derart eingeschränkt, dass sie Haus im Winter kaum noch verlassen können.

Seit einer Netzhautablösung vor 30 Jahren ist die Lehrerin sehbehindert: Ihr Gesichtsfeld ist stark vermindert, lesen kann sie nur mit sehr kurzem Abstand. "Ich wollte beruflich gerade durchstarten", erzählt sie. "Das war schon ein gewaltiger Einschnitt." Die heute 60-Jährige stellt sich dem Problem und gibt seitdem anderen Sehbehinderten in der Düsseldorfer Beratungsstelle Tipps und neuen Lebensmut: "Viele gute Hilfsmittel erleichtern uns den Alltag und sorgen dafür, dass wir selbstständig bleiben können."

Künftig mehr Sehbehinderte

Als sehbehindert gelten Menschen, deren Sehkraft trotz Brille oder Kontaktlinsen weniger als 30 Prozent eines Normalsichtigen beträgt. Ein Schicksal, das zunehmend mehr Menschen treffen wird: "Blindheit geht wegen der guten Therapiemöglichkeiten zurück. Aber weil die Menschen älter werden, wird es künftig mehr Sehbehinderte geben", sagt Jörg Windler, Augenoptiker aus Hoya an der Weser. Er ist der Vorsitzende des Low-Vision-Kreises, eines Zusammenschlusses von Optikern, die sich auf die Beratung von Sehbehinderten spezialisiert haben.

Häufigste Ursachen seien eine Makula­degeneration, diabetische Retino­­pathie und grüner Star, die überwiegend ältere Menschen betreffen. "Aber auch Jüngere können aufgrund von erblich bedingten Augenerkrankungen betroffen sein", sagt Windler. Bernd Peters aus Magdeburg etwa ist von Geburt an sehbehindert. Der stellvertretende Leiter der Koordinationsstelle für Hilfsmittelberater beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband fordert Betroffene auf: "Haben Sie keine Angst, sich beraten zu lassen."

Motivierende Ansprechpartner

In einem mit Hilfsmitteln und Informationsmaterialien ausgestatteten Beratungsmobil ist der gelernte Physiotherapeut oft in Sachsen-Anhalt unterwegs: "Wir ersetzen natürlich keinen Besuch beim Augenarzt, aber wir versuchen, Informationslücken zu schließen." Denn nicht jeder hat das Glück, einen spezialisierten Low-Vision-Optiker in der Nähe zu haben, der über neue technische Entwicklungen und Behandlungsmöglichkeiten informiert und mit Augenärzten und Krankenhäusern vernetzt ist.

"Die Arbeit der Selbst­hilfe­gruppen ist deshalb sehr wertvoll", betont Peter Deubner, Low-Vision-Optiker aus dem thüringischen Bad Langensalza. "Die Betroffenen brauchen Ansprechpartner mit Zeit und Einfühlungsvermögen, die sie auffangen und motivieren." Also Menschen wie Bernd Peters und Margaret Reinhardt, die Experten in eigener Sache sind: Aus Erfahrung wissen sie, was Sehbehinderten den Alltag erleichtert.

Hilfen bei Sehbehinderung

Hightech-Brillen

Auf ihre Lupenbrille etwa würde die Lehrerin niemals verzichten: "Damit habe ich die Hände frei, wenn ich die Zeitung oder ein Buch lese." Unterwegs hat sie immer eine kleine Handlupe dabei – etwa um schnell mal ein Preisschild lesen zu können. Auch Low-Vision-Optiker Windler empfiehlt zunächst eine Lupenbrille und zusätzlich eine optische Lupe: "Erst wenn optische Hilfsmittel nicht mehr ausreichen, kommen elektronische Handlupen und Lesegeräte ins Spiel." Bei Letzteren lassen sich Farbe und Schriftgröße individuell einstellen, sie sind aber auch deutlich teurer.

Mindestens ebenso wichtig sind Hilfsmittel für die Ferne. "Mit meinem Monokular kann ich mich orientieren und Straßenschilder oder weiter entfernte Personen erkennen", erklärt Margaret Reinhardt. Weil sie wie viele Sehbehinderte stark lichtempfindlich ist, braucht sie zudem eine Kantenfilterbrille: Diese verstärkt die Kontraste und reduziert die Blendung, indem sie die Blauanteile aus dem Licht herausfiltert. "Da Lampen ebenfalls stark blenden können, muss ich die Brille bei ungünstiger Beleuch­tung auch drinnen tragen."

Schutz und Lebensqualität

Low-Vision-Optiker beraten ihre Kunden zudem zum optimalen Schutz vor Sonnenlicht und UV-Strahlung. "Das erhöht unter anderem die Sicherheit im Straßenverkehr", betont Windler. Zunächst testen die Spezialisten, welcher Filter sich im Einzelfall am besten eignet. Bei Bedarf besuchen sie ihre Kunden auch zu Hause und passen die Sehhilfen dort anhand der Lichtverhältnisse und Entfernungen individuell an.

Hilfsmittel bei Sehbehinderung

"Wir wollen die Lebensqualität der Betroffenen verbessern", sagt Deubner. Dabei helfen häufig schon kleine Veränderungen, etwa der optimale Abstand zum Fernseher. Da der Sehverlust oft schleichend verläuft, bemerken viele Betroffene zunächst nicht, wie schlecht sie bereits sehen: "Deshalb sollte man sich mindestens alle zwei Jahre beim Augenarzt untersuchen lassen", rät Bernd ­­Peters.

Im Anfangsstadium kommen Betroffene oft noch ohne optische Hilfsmittel aus. Auch das Smartphone kann zunächst eine Hilfe sein. "Um Details zu erkennen, lassen sich damit Fotos machen und vergrößern", weiß Peters.

Fehlender Durchblick

Die Krankenkassen dürfte so viel Eigeninitiative freuen: Zwar haben Sehbehinderte Anspruch auf Hilfsmittel. "Aber die Leistungen unterscheiden sich je nach Kasse so extrem, dass selbst wir da oft nicht durchblicken", bedauert Deubner. Manche Kassen haben zudem Verträge mit Online-Händlern abgeschlossen: "In diesem Fall können wir unsere Kunden nicht angemessen versorgen." Zudem bleiben die Geräte in der Regel Eigentum der Kasse. Margaret Reinhardt rät deshalb allen Betroffenen: "Erkundigen Sie sich vorab bei Ihrer Kassenkasse, welche Hilfsmittel sie bezahlt."

Hilfe für Betroffene

Low-Vision-Kreis
www.low-vision-kreis.de
Mail: info@low-vision-kreis.de

Bund zur Förderung Sehbehinderter
Telefon: 02 11/69 50 97 38
www.bfs-ev.de
Mail: beratungsstelle@bfs-ev.de

Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband
Telefon: 0 30/2 85 38 70
www.dbsv.org
Mail: info@dbsv.org

Blickpunkt Auge – Rat und Hilfe bei Sehverlust
www.blickpunkt-auge.de