{{suggest}}


Phytotherapie: Heilkräuter fürs Gemüt

Schlechte Phasen haben wir alle mal. Bei leichten depressiven Verstimmungen können pflanzliche Mittel dazu beitragen, dass die Seele wieder aufatmet

von Bettina Rackow-Freitag, 12.06.2019
Studien belegen, dass Johanniskraut positiv auf die Psyche wirkt

Studien belegen, dass Johanniskraut positiv auf die Psyche wirkt


Seit den 80er-Jahren wird Johanniskrautextrakt als Medikament gegen die saisonale Winterdepression empfohlen. Auch wer sich vorübergehend seelisch etwas angeschlagen und antriebslos fühlt, profitiert von diesem pflanzlichen Mittel. Dabei hat das Kraut eine eher religiöse Geschichte. Die frühen Christen glaubten, der rote Pflanzensaft wäre das Blut von Johannes dem Täufer – eine Legende, der das Kraut seinen Namen verdankt.

"Es gibt kaum Zweifel an der prinzipiellen Wirksamkeit. Selbst die Leitlinien medizinischer Fachgesellschaften erwähnen Johanniskrautpräparate für den Einsatz bei leichten bis mittelschweren depressiven Verstimmungen", erklärt Theodor Dingermann, Professor für Pharmazeutische Biologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Johanneskraut und die Pille

Vor allem wegen der Inhaltsstoffe Hypericin und Hyperforin ist das Kraut das am häufigsten angewandte pflanzliche Anti­depressivum. Forscher nehmen an, dass vor allem das Hyperforin langsam den Transmitterstoffwechsel verändert. Generell setzen Phytopharmaka an mehreren Stellen des sehr komplexen Mechanismus in Körper, Gehirn und Psyche an.

"Neuere Überlegungen tendieren sogar dahin, dass es durch den Einsatz der Phytopharmaka zu einer Neuausrichtung der Darmflora kommt und so eine Wirkung erzielt wird", erklärt Dingermann. Einerseits hat diese Form von Naturmedizin vergleichsweise wenig Nebenwirkungen. Auf der anderen Seite braucht man viel Geduld: Es kann gut bis zu zwei Monate dauern, bis die Wirkung spürbar wird. Zudem muss die Tagesdosis entsprechend hoch sein.

Wer Verhütungsmittel wie die Pille einnimmt, muss sich unbedingt vom Apotheker oder Arzt über Wechselwirkungen mit Johanniskrautextrakten beraten lassen. Außerdem kann Johanniskraut die Wirkung von Medikamenten abschwächen, die die Abstoßung von Transplantaten verhindern oder das Blut verdünnen. In diesem Fall darf man nicht zu Johanniskraut greifen. Oft wird zudem vor Sonnenlicht gewarnt, wenn man das Mittel einnimmt. "Wer sich nicht stundenlang im Hochsommer in die Sonne legt, braucht keine Angst zu haben", relativiert Dingermann die Bedenken.

Baldrian

Wohlfühlmomente

Bei Phytopharmaka kommt es auf Qualität und Dosis an. Tabletten aus Drogerie, Reformhaus oder Supermarkt unterliegen oft als Nahrungsergänzung dem Lebensmittelgesetz. Sie enthalten nur einen Bruchteil der wirksamen ­Inhaltsstoffe einer Fertig­arznei aus der Apotheke.

Tee wirkt nicht durch das Trinken allein, weil die in Wasser gelösten Stoffe kaum in die Blutbahn ge­langen. Vielmehr regt der Duft der ätherischen Öle unter anderem die Bildung von Dopamin an, was das Belohnungssystem im Gehirn stimuliert. Dieser Wohlfühlmoment harmonisiert uns dann mental.

Beruhigung mit Baldrian

Während Katzen auf die Inhaltsstoffe von Baldrian meist wild und überdreht reagieren, beruhigen sie den Menschen eher. Die uralte Arzneipflanze erhöht nämlich die Bereitschaft zum Schlafen und gilt unter Pharmazeuten als klassische "Droge", um am Abend zur Ruhe zu kommen.

Doch dafür sollte man mehrmals täglich über einige Wochen Baldrian in bestimmter Dosis einnehmen, damit das Gehirn und der Organismus auch auf Entspannung umschalten können. "Die Wirksamkeit von bestimmten Trockenextrakten aus Bal­drian wird von der Europäischen Zulassungsbehörde bestätigt", erklärt Professor Theodor Dingermann. "Außerdem sind Melisse, Hopfen und Passionsblume wichtige Kombinationspartner in vielen Baldrianpräparaten", so der Wissenschaftler. "Diese sogenannten Kombi-Phytopharmaka können die Wirkung auf mehrere biologische Zielstrukturen verstärken."

Lavendelfeld

Wer bei Hopfen jedoch an die klassische Bierzutat denkt, liegt falsch: Es handelt sich um sogenannten Medizinalhopfen, der extra dafür kontrolliert angebaut wird und nicht mit Pestiziden behandelt werden darf. "Die Phytotherapie und der Anbau der Pflanzen sind eine große Kunst. Das hat wenig mit den Heilkräutern zu tun, die in unserem Garten wachsen", klärt der Experte auf.

Mit Lavendel gegen Angst und innere Unruhe

Obwohl der wohlriechende Lavendelstrauch im Mittelmeerraum beheimatet ist, erwähnen antike Quellen kaum die Pflanze als Heilmittel. Erst seit Hildegard von Bingen hat er in der Naturmedizin einen festen Platz. Lavendel wird oft eingesetzt, wenn Ängste und innere Unruhe im Vordergrund stehen.

Von den rund 250 Inhaltsstoffen in Blüten und Blättern sollen besonders das im ätherischen Öl enthaltene Linalylacetat und Linalool auf die mensch­liche Psyche beruhigend wirken. Auch wenn die Studienlage nicht eindeutig ist, wird Lavendel seit jeher genutzt – ob als Medikament oder in der Aromatherapie.

"Auch hier ist es wichtig, zu qualitativ hochwertigen Pflanzenpräparaten aus der Apotheke zu greifen, wenn man wirklich einen Effekt erzielen will", rät Birgit Neuhaus. Sie arbeitet in einer Apotheke in Michelbach (Aarbergen) und hat sich auf Phytopharmaka spezialisiert. Als Apothekerin ist sie häufig erste Anlaufstation für Menschen, die über ihre Ängste reden wollen.

Expertin Heilkräuter

"Wir versuchen sehr sensibel nachzufragen, um die Stimmungs­lage besser einschätzen zu können. Je nachdem, welches Symptom im Vordergrund steht, suchen wir das entsprechende Mittel heraus." Wenn sich das Gedankenkarussell dreht, kann ein Lavendelpräparat gut helfen.

Chemie oder Natur?

Bei Flug- oder Prüfungsangst empfiehlt die Pharmazeutin auch gern einen Extrakt aus Passionsblumen. Sie sieht in den Phytopharmaka Vorteile zu den chemischen Antidepressiva, Schlaftabletten oder angstlösenden Fertigarzneimitteln. Es gibt selten Nebenwirkungen, sie machen nicht müde oder abhängig, und man ist tagsüber klarer im Kopf. Für Birgit Neuhaus ist die richtige Beratung gerade in solchen Fällen eine Frage des Vertrauens: "Wir begleiten unsere Kunden durch diese schwierige Phase."

Doch Phytopharmaka haben ihre Grenzen. Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit und Schlafstörungen sind auch Symptome einer Depression. Deshalb sollte man sich selbst sehr ­genau beobachten, ob Symptome wie starke Hoffnungslosigkeit dazukommen. Hebt sich die Stimmung trotz pflanzlicher Unterstützung nach einigen Wochen nicht, sondern wird sogar schlechter, dann sollte man zügig zum Arzt gehen. Je früher eine Therapie beginnt, umso besser sind die Aussichten auf eine Heilung.