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Kneipps ganzheitliches Konzept

Heilen mit der Kraft der Natur, das versprechen heute viele Verfahren. Als Ursprung der modernen Naturheilkunde gilt jedoch das ganzheitliche Konzept von Pfarrer Sebastian Kneipp

von Maria Haas / Julia Rudorf, aktualisiert am 14.10.2019
Im Storchengang: Beim Wassertreten wird ein Bein aus dem Wasser gehoben, Fußspitze nach unten

Im Storchengang: Beim Wassertreten wird ein Bein aus dem Wasser gehoben, Fußspitze nach unten


Meistens passiert es im Sommer. Wenn die Sonne die Temperaturen in die Höhe treibt, dann steht Sebastian Kneipp wieder hoch im Kurs. Oder zumindest die Kneipp-Anlage, benannt nach dem Pfarrer aus Schwaben.

Erlebnis-Denkmal - Nichts für kalte Füße

Über 650 dieser Einrichtungen gibt es hier in Deutschland. An Bächen, in Parks und Wäldern laden sie zum Wassertreten ein - eine Art begehbares Kneipp-Denkmal mit Erlebnis-Charakter. Erwachsene wie Kinder tauchen ihre nackten Beine ins erfrischende Nass.

Bisweilen übertreiben es die Besucher mit dem Bad in der Kälte. Für routinierte "Kneippianer" ein sicheres Zeichen, dass da manch einer wenig Ahnung hat von der altehrwürdigen Wassertherapie. Denn dass die Füße frieren, wäre nicht im Sinne des Erfinders gewesen.

Apothekerin Kerstin Weber

"Es ist schon ein bisschen paradox, dass viele Menschen heute zwar noch den Namen Kneipp kennen, aber kaum etwas über seine Wassertherapie wissen", sagt Kerstin Weber, Apothekerin in Wolfenbüttel und Beirat im dortigen Kneipp-Verein.

Selbstversuch in der Donau

Sebastian Kneipp war kein Mediziner, sondern Theologe. Den Ruf als "Wasserdoktor" hatte er seiner eigenen Krankengeschichte zu verdanken. Als Student erkrankte er an der Lunge, vermutlich litt er an Schwindsucht.

In einer Bibliothek stieß er auf ein Buch, das den damaligen Wissensstand zur Kaltwassertherapie zusammenfasste. Weil die Ärzte ihm nicht weiterhelfen konnten, machte sich der junge Mann an einen Selbstversuch. Er nahm regelmäßig kurze Bäder in der eiskalten Donau - und wurde gesund.

Wassertherapie mit langer Tradition

Überzeugt von der Methode, begann der Pfarrer, auch andere Kranke zu behandeln. Der Kirche wurde das Treiben suspekt. Eine Versetzung ins schwäbische Wörishofen, damals ein Bauernhof, konnte die Erfolgsgeschichte der Wassertherapie jedoch nicht stoppen.

Verschiedene Wasserkuren

Aus dem Dorf wurde schnell ein großer Kurort. Dort half Sebastian Kneipp Tausenden mit Gießkanne, Wickel und Bottich. Und er schrieb zwei Bücher über seine Verfahren: "Meine Wasserkur" erschien 1886, und drei Jahre später "So sollt ihr leben". Die Ratgeber fanden reißenden Absatz.

Auch 130 Jahre später noch im Trend

Der Autor beschrieb darin nicht nur seine Hydrotherapie, also die Behandlung durch Wasser. Sebastian Kneipp gilt generell als Begründer der Naturheilkunde in Deutschland. Sie beruht auf fünf Säulen:

Neben der Hydro- gehörten dazu auch die Bewegungstherapie sowie gesunde Ernährung, Heilkräuter und die Ordnungstherapie, bei der es um das seelische Gleichgewicht geht. "Daran kann man sehen, wie aktuell Kneipp ist. Das fällt heute praktisch alles unter den Begriff Prävention", erklärt Apothekerin Weber.

Die Kneipp-Kur von  Pfarrer Sebastian Kneipp

Manche Empfehlung freilich mutet heute eher amüsant an. Kneipps Regel für gesunde Bekleidung zum Beispiel: "Selbst gesponnen, selbst gemacht / ist die beste Landestracht!" Oder seine Warnung vor Kaffee, Wärmeflaschen oder festen Schuhen, die er als "Verkümmerungsmaschinen für den Fuß", bezeichnete.

Heilung durch Wechsel

"Sieht man Kneipp jedoch im Kontext seiner Zeit, merkt man, wie richtig er mit vielen Beobachtungen lag", sagt Dr. Heinz Leuchtgens, Allgemeinmediziner und Präsident des Kneippärztebunds in Wörishofen. Im 19. Jahrhundert zeichneten sich die gesundheitlichen Folgen der Industrialisierung bereits ab.

Schichtarbeit in dunklen Räumen, wenig Zeit, kaum Möglichkeiten für Erholung sowie beengte Wohnverhältnisse machten viele Menschen krank. Mit Wasseranwendungen, Barfußlaufen, einfacher Kost und Entspannung beim Gebet wollte Sebastian Kneipp für einen Ausgleich sorgen.

Grüne Kraft à la Sebastian Kneipp

  • Heilpflanzen Für Kneipp war die Apotheke Natur eine der Säulen seines Gesundheitskonzepts. Damit knüpfte er an die lange Tradition der Klostermedizin an. In der Phytotherapie werden viele Pflanzen bis heute eingesetzt. Welche davon sich zu einer verantwortungsbewussten Selbstbehandlung eignen, erfahren Sie in Ihrer Arpotheke.
  • Pflanzliche Zusätze Kräuter oder ätherische Öle können den Effekt von Kneippschen Güssen oder Bädern verstärken. Beliebte Pflanzen sind etwa Lavendel, Rosmarin oder Salbei.
  • Teekräuter In den Schriften Kneipps werden viele Kräuter von Brennessel bis Zinnkraut erwähnt, die bei unterschiedlichen Krankheitsbildern helfen. Für einen Tee sollten Kräuter höchstens ein Jahr aufbewahrt werden. Danach kann man sie etwa in ein Baumwollsäckchen füllen und dem Badewasser zusetzen.
  • Auflagen und Wickel Die Heublume gilt als "Schmerzmittel" des Kneippianers. Baumwoll- oder Leinensäcke, mit Heublumen gefüllt, können beispielsweise Muskelbeschwerden lindern.

"Kneipps geniale Entdeckung dabei war ja, dass ein Heileffekt durch das Prinzip des Wechsels entsteht", sagt Leuchtgens. Dass der Wechsel zwischen Kälte und Wärme oder Stress und Entspannung therapeutisch wirkt, wurde mittlerweile gut untersucht.

Wärme weitet die Gefäße, Kälte setzt den Reiz, dass sie sich zusammenziehen. "Eine Kneipp-Anwendung, etwa ein Knieguss, bedeutet also eigentlich Training für die Gefäße - das ist physikalisch gut nachvollziehbar", sagt Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel-Krankenhaus und Professor für Naturheilkunde an der Charité. Dieses Reiz-Reations-Prinzip, Hormesis genannt, nutzen auch andere Temperaturverfahren, etwa das Saunieren.

Therapieren, nicht traktieren

Das Anwendungsgebiet der Kneipp-Medizin ist weit gefächert: von Herz-Kreislauf-Problemen über Atemwegserkrankungen, Schlaf- oder Stoffwechselstörungen bis hin zu Rheuma oder Rückenschmerzen. Sie dient dabei nicht als alleinige Therapie, sondern als Unterstützung und zur Linderung der Symptome.

"Ich empfehle Kneipp eigentlich allen unseren Patienten", sagt Michalsen. Zumal sich viele der kleineren Anwendungen leicht lernen und zu Hause durchführen lassen.

Kurarzt Leuchtgens weiß jedoch auch um die Schwierigkeiten der Eigentherapie. "Es kommt - wie bei Medikamenten - auf die Dosis an. Und da denken viele: Je mehr, desto besser!"

So kneippen Sie richtig

  • Kalte Wasseranwendungen dürfen Sie nicht machen, wenn Sie frieren. Im Sommer deshalb Zugluft vermeiden!
  • Nach kalten Güssen sollten Sie nicht frösteln: rasch wieder erwärmen – beispielsweise durch Bewegung.
  • Auch für kleine Anwendungen gilt: bei Vorerkrankungen erst den Arzt fragen! Nicht kneippen bei offenen Wunden oder arterieller Verschlusskrankheit. Den Arzt aufsuchen, falls Ihre Füße nach einem Guss nicht wieder warm werden (Verdacht auf Verschlusskrankheit).
  • Empfehlenswert: Zwischen den einzelnen Anwendungen sollten Sie einen Zeitabstand von etwa zwei Stunden einhalten.

Doch schon Sebastian Kneipp hatte ausdrücklich vor sogenannten Rosskuren gewarnt, bei denen Patientenmit kaltem Wasser eher traktiert als therapiert wurden. "Dreimal, ich gestehe es offen, sah ich mich veranlaßt, mein Wasserverfahren zu ändern, von der Strenge zu noch größerer Milde herabzusteigen."

Lieber sanfte als zu starke Reize setzen - das ist auch der Rat, den die Apothekerin Kerstin Weber ihren Kunden gibt. Etwa wenn diese vor der Erkältungssaison mit Abhärtungsmaßnahmen ihr Immunsystem stärken wollen.

Sich für die eigene Gesundheit Zeit nehmen

"Patienten mit Bluthochdruck oder Durchblutungsstörungen müssen die Temperaturempfehlungen genau beachten - sonst können Wasseranwendungen auch nach hinten losgehen", sagt Weber. Bei Vorerkrankungen also unbedingt einen Arzt befragen.

Wer den ganzheitlichen Ansatz der Kneipp-Medizin unter ärztlicher Aufsicht kennenlernen möchte, sollte eine Kneipp-Kur machen, rät Leuchtgens. Angebote und qualifizierte Ärzte gibt es in ganz Deutschland.

Dafür sollte man allerdings mindestens drei Wochen Zeit einplanen. So lange dauert es, bis das individuell abgestimmte Kur-Programm seine Wirkung zeigt - und bis kalte Güsse, Wechselduschen, Tautreten oder Teilbäder zur alltäglichen Gewohnheit werden.

"Die Ideen von Kneipp sind eigentlich einfach umzusetzen - aber man muss sie leben", sagt Expertin Kerstin Werber. Pfarrer Sebastian Kneipp formulierte die unbequeme Wahrheit so: "Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für seine Krankheit opfern."