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Wohnen im Alter: Neue Ideen

Neben dem klassischen Pflegeheim entwickeln sich viele Alternativen. Sie ermöglichen hilfsbedürftigen Senioren mehr Eigenständigkeit

von Silke Droll, 09.04.2019
Schild Senioren WG

Aus dem alten Heim raus und trotzdem in vertrauter Umgebung: Gemeinden setzen vermehrt auf Wohngruppen und Nachbarschaftshilfe


Sie lebt erst seit ein paar Wochen in ihrer neuen Pflege-Wohngemeinschaft. Aber die 97-jährige Luise W. fühlt sich längst zu Hause. "Ich bin richtig froh", sagt sie, lächelt zufrieden in ihrem Sessel. Ihre alte Wohnung ist nur ein paar Hundert Meter entfernt. Vieles ist ihr vertraut. Zum Beispiel die Kirche, auf die sie aus ihrem Fenster schaut. Ihre 28 Quadratmeter hat sie mit ihren eigenen Möbeln und Bildern eingerichtet. Die meisten ihrer elf Mitbewohner und auch einige Betreuerinnen kannte sie bereits vor dem Einzug. Friseur, Hausarzt und Apotheke sind die gleichen geblieben.

Luise W. ist für ihr Alter sehr rüstig, doch alleine ging es eben auch nicht mehr. Jetzt wird sie bekocht, rund um die Uhr betreut, bei Bedarf gepflegt und kommt mehr in Kontakt mit anderen Menschen aus dem Dorf. "Es war mir sehr wichtig, dass ich hier im Ort bleiben konnte. Ich wollte nicht irgendwohin weg in ein Pflegeheim", sagt sie.

Pflege-WG als Modellprojekt

So denken offenbar viele Menschen in Ortenberg. Bislang gab es in der 3400-Einwohner-Gemeinde, die idyllisch zwischen Weinbergen in Baden- Württemberg liegt, keine Pflegeeinrichtung für Senioren. Doch ein Verein für Nachbarschaftshilfe, in dem fast jeder zehnte Bürger Mitglied ist, engagierte sich seit Jahren für eine Wohngruppe. Mit Unterstützung der Gemeinde hat es das "Soziale Netzwerk Ortenberg" geschafft: Seit Herbst können Ortenberger in Ortenberg alt werden – bis zum letzten Atemzug.

Die zwölf Plätze der Pflege-WG "Storchennest" sind speziell für Menschen aus dem Ort gedacht. Kein Heimträger schöpft Gewinne ab, die Bewohner organisieren sich mit ihren Angehörigen und dem unterstützenden Verein selbst. "Das ist sehr begrüßenswert, dass so eine Verbindlichkeit aus bürgerschaftlichem Engagement hervorgeht", sagt Dr. Eckart Schnabel, Leiter der Forschungsstelle Pflegever­sicherung beim Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV).

Die Ortenberger Einrichtung ist eines von 53 Modellprojekten, die die Forschungsstelle in den vergangenen Jahren begleitet hat. Bei den neuen Wohnformen geht es darum, Ver­sorgungssicherheit bestmöglich mit Selbstbestimmtheit zu verbinden. "Wir wollten ausloten, was es zwischen traditionellem Zuhause und vollstationärem Pflegeheim schon gibt und was möglich ist", erläutert Schnabel.

-> Wo wohnen, wenn die Selbstständigkeit weiter nachlässt? Unser Partnerportal Senioren-Ratgeber.de bietet einen Überblick über Wohnformen für Senioren 

Anlass für die Untersuchung ist das sogenannte Pflegeneuausrichtungsgesetz von 2013. Demnächst soll der Abschlussbericht samt einer Arbeitshilfe auf der Internetseite des GKV- Spitzenverbands veröffentlicht werden. So hat jedermann die Möglichkeit, sich zu informieren, wie vielfältig man Wohnen für Pflegebedürftige heutzutage gestalten kann.

Aktive Gemeinschaft

Bei vielen dieser Projekte geht es auch darum, alten Leuten wieder mehr Selbstbewusstsein und Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln. Oft funktioniert das mit einfachen Dingen. In Ortenberg zum Beispiel rollen die Senioren einen kleinen Ball über den Tisch. Wer ihn zugespielt bekommt, soll einen Vornamen sagen. Der Nächste, der den Ball bekommt, muss mit dem letzten Buchstaben einen weiteren Vornamen sagen: Rudolf – Florian – Norbert – Theodor – Roland – Dieter.

Manche hören nicht, was der Mitbewohner gesagt hat, oder ihnen fällt kein passender Name ein. Dann helfen die anderen. Auch an Demenz Erkrankte machen mit. "Das fordert die Aufmerksamkeit und fördert das Miteinander", sagt Renate Rieder. Sie kümmert sich im Storchennest um die Aktivitäten der Bewohner, entwirft jede Woche einen neuen Plan mit Spielen, Gedächtnistraining, Basteln, Singen, Gymnastik, Entspannung.

Manchmal werden die Bewohner aber auch von selbst aktiv. Luise W. und ihr Mitbewohner Paul G. etwa merkten schnell, dass sie beide gern spazieren gehen – und tun das jetzt gemeinsam. Beginnen die Betreuer mit den Vorbereitungen fürs Mittagessen, nimmt mancher WG-Bewohner ein Messer zur Hand, hilft beim Karottenschneiden und Kartoffelnschälen. "Wir faulenzen hier nicht", sagt Luise W.

Verantwortung teilen

Künftig soll es noch mehr nach draußen gehen. Geplant sind Hochbeete mit Gemüse und Kräutern sowie ein intensiverer Kontakt mit Kinder­garten und Schule. Viele Angehörige und Ehrenamtliche engagieren sich. Sie bringen Kuchen, machen Musik, ­lesen vor oder übernehmen eine Fahrt zum Arzt. "Man kann die Oma hier nicht einfach abgeben. Es geht um geteilte Verantwortung", erklärt Wilhelm von Ascheraden, der Vorsitzende des Vereins, der die Pflege-WG unterstützt.

Ähnlich funktioniert die sogenannte ambulantisierte Hausgemeinschaft im Haus Rheinaue in Wyhl am Kaiserstuhl, ebenfalls ein Modellprojekt und bereits seit 2016 in Betrieb. Hier leben jeweils 14 alte Menschen in vier Wohngemeinschaften zusammen und  sind stark in die täglichen Aufgaben  mit eingebunden. "Wenn die 90-jährige Bewohnerin einen Kuchen backt, der nachmittags auf den Tisch kommt und allen schmeckt, können Sie zu­sehen, wie ihr Selbstbewusstsein ­zurückkommt", berichtet Betreiber Kaspar Pfister. Dass den Leuten trotz ihrer Einschränkungen wieder etwas zugetraut werde, lasse sie aufblühen. Manche hätten sich sogar in ihrem Pflegegrad verbessert.

Geringere Kosten

Während sich die Ortenberger für einen gemeinsamen Pflegedienst entschieden haben, besteht für die Bewohner in Wyhl die Möglichkeit, sich jeweils selbst einen auszusuchen. ­Angehörige können auch weiterhin beim Duschen helfen, das Zimmer putzen oder die Wäsche machen – und erhalten so mitunter Pflegegeld. "Mit dem Unterschied, dass sie jederzeit ohne Probleme in Urlaub fahren können. Dann kompensieren wir das einfach", sagt Pfister.

Das Projekt funktioniert zwar wie  eine rein ambulante Einrichtung, wird jedoch wie ein Pflegeheim von der Heimaufsicht kontrolliert und unterliegt deren strengeren Vorgaben. Die Kosten aber sind in Ortenberg wie auch in Wyhl geringer als in einem Heim. "Im ambulanten Leistungssetting übernehmen Pflege- und Krankenkassen höhere Leistungen", erklärt Pfister. So wird der niedrige Eigenanteil von monatlich rund 1800 Euro für die Grundleistungen erreicht. In Ortenberg liegt der Gesamtpreis bei 2200 Euro – wobei die Bewohner nach Jahresabschluss überschüssige Gelder zurückbekommen.

Sicherheit in den eigenen vier Wänden

Es gibt auch Projekte in dem Modellprogramm, die hilfsbedürftigen Senioren dabei helfen, weiterhin in ihren angestammten Wohnungen leben zu können. Ein Beispiel dafür liegt im Märkischen Viertel in Berlin-Reinickendorf. Die großen Wohnblöcke hier wurden in den 60er- und 70er-Jahren gebaut. Viele Menschen, die in jungen Jahren dorthin gezogen sind, brauchen jetzt Unterstützung.

Die Wohnungsbaugesellschaft und die AOK Nordost entwickelten deshalb im Austausch mit den Mietern eine Musterwohnung mit bezahlbarer und einfach zu bedienender intelligenter Technik sowie weiteren Lösungen, die Älteren mehr Sicherheit geben sollen. Den Anwohnern will man auf diese Weise erleichtern, ihr Zuhause umzurüsten.

Bis zum Tod in den eigenen vier Wänden können Senioren aber häufig nur dann bleiben, wenn sie von Angehörigen betreut und gepflegt werden. Damit diese ihre fordernde Aufgabe langfristig schaffen, brauchen auch sie Unterstützung von außen. In Bamberg wurde dafür in einem Stadtteil eine "Case Managerin" eingesetzt. Sie koordiniert die Einbindung von Ehrenamtlichen, stellt Kontakt zu Hilfsangeboten her. Dank der besseren Steuerung gelang eine deutliche Entlastung der Familien.

Auch der Förderverein der Pflege-WG in Ortenberg unterstützt pflegende Familien – mit Alltagsbetreuerinnen, einem Fahrdienst und einem beliebten regelmäßigen Seniorentreff. Letzterer ist auch der wöchentliche Höhepunkt von Storchennest-Bewohnerin Luise W. Früher war sie begeisterte Turnerin, heute macht sie dort gerne bei der Sitzgymnastik mit.