Eichenprozessionsspinner: Vorsicht, reizend!

Die Raupen des Eichenprozessionsspinners breiten sich wieder bei uns aus. Warum so viele Menschen mit Juckreiz und anderen Beschwerden darauf reagieren
von Dr. Reinhard Door, aktualisiert am 25.07.2016

Befallen Eichen: Die Raupen des Eichenprozessionsspinners

Mauritius/Imagebroker/Kreutzer

Jeden Abend die gleiche Prozes­sion: Die Schmetterlings­raupen sammeln sich und begeben sich im Gänsemarsch auf Nahrungssuche. Mal wandern sie in kleiner Formation, mal in einer mehrreihigen und bis zu zehn Meter langen Schlange an ­Eichen empor, fallen über die Blätter her und fressen sie bis auf die "Adern" kahl. Ganze Bäume können sie so in ­kurzer Zeit entlauben. Manches derart geschwächte Gehölz geht zugrunde, wenn ihm zusätzlich Mehltau, andere Schad­insekten, Spätfrost oder Dürre zusetzen.

So neugierig das Naturphänomen macht – die Raupen sollte man weder aus der Nähe betrachten noch sie berühren. Denn der Eichenprozessions­spinner kann auch für Menschen recht unangenehm werden. Ab dem dritten von sechs Larvenstadien besitzen die Tiere Härchen mit mehreren Spitzen, die in die Haut eindringen und sogar in die Augen und in die Atemwege ge­langen können.

Allergieähnliche Symptome

Sie brechen leicht und setzen dann einen Eiweißstoff frei, der zu allergieähnlichen Symptomen führt: Die Haut reagiert mit heftigem Juckreiz, rötet sich, bildet Quaddeln, Eiterbläschen und Knötchen. Je nach Kontakt entwickelt sich mitunter auch eine heftige Bindehautentzündung samt ­ro­ten Augen und geschwollenen Li­­dern. Gerät das Gift in die Atemwege, können sich Nase, Rachen und Bronchien entzünden, in schweren Fällen kommt es zu Atemnot.

Thaumetopoea processionea, so der wissenschaftliche Name des Eichenprozessionsspinners, kommt in lichten Wäldern vor, aber auch an einzeln ­stehenden Bäumen. Lange galt er als fast ausgestorben, doch seit den 90er-Jahren breitet er sich wieder stark aus. "Ob die Klimaerwärmung der alleinige Grund dafür ist, steht nicht fest", sagt Dr. Nadine Bräsicke, Expertin beim ­Julius-Kühn-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen. Gute Witterungsbedingungen seien ­allerdings vor allem während der Ei­ablage wichtig; und die Zeiten von Blatt­austrieb und Larvenschlupf müssten gut übereinstimmen.

600.000 Gifthärchen

Je nach Wetter wird das Insekt zwischen Anfang und Ende Mai für den Menschen unangenehm. Dann hat es sein drittes Larvenstadium erreicht. Mit jeder Häutung steigt die Zahl der Gifthärchen; vor der Verpuppung sind es um die 600.000. Besonders viele davon gibt es dann in den Gespinsten.

Weil die Symptome nach einem Kontakt normalerweise erst in der Nacht oder am folgenden Tag auftreten, rätseln Betroffene oft über die Ursache. "Durch ­­genaues Befragen kommt man aber meist darauf", sagt Professor Martin Metz, Oberarzt an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Aller­go­logie der Charité. Um eine Allergie handelt es sich dabei nicht, sagt er, sondern um eine Reaktion des Körpers auf ein Gift.

Der Erstkontakt könne zwar zu einer Allergie führen, doch "das ist selten der Fall. Die Gifthaare haben hierfür kein sehr starkes Potenzial." So ist auch erst ein einziger Fall zweifelsfrei belegt, in dem ein Patient einen allergischen Schock erlitt.

Medikamente lindern Beschwerden

Nach ein bis zwei Wochen hat man die Beschwerden in der Regel überstanden. Bis dahin können eine entzündungshemmende Creme und eventuell Medikamente aus der Gruppe der Anti­histaminika Linderung verschaffen. Bei Atemnot sind Arzneimittel nötig, die die Atemwege erweitern. In jedem Fall empfiehlt Martin Metz einen Arztbesuch, um die Symptome abklären zu lassen und eine geeignete Therapie einzuleiten.

Eichenprozessionsspinner in der Nähe? Tipps:

  • Vermeiden Sie den Kontakt mit den Raupen und Gespinsten, halten Sie ­­Abstand, setzen Sie sich in der Nähe nicht auf den Boden.
  • Nach Vernichtung der Raupen können verbliebene Härchen noch jahrelang den Giftstoff freisetzen.
  • Tragen Sie Schutzkleidung, wenn Sie sich beruflich in befallenen Gebieten aufhalten müssen. Auch Schutzbrille und Staubmaske sind sinnvoll.
  • Wenn Sie unbeabsichtigt in die Nähe befallener Bäume kamen: Duschen Sie, waschen Sie gründlich Ihre Haare und auch die Kleidung.
  • Entfernen Sie Gespinste im Garten nicht selbst, sondern beauftragen Sie einen staatlich anerkannten Schädlingsbekämpfer oder entsprechend ausgerüsteten Baumpfleger.
  • Die Gespinste nicht abflammen oder abspritzen – dabei werden die Gifthaare nur noch mehr aufgewirbelt und verbreitet.
  • Sie haben einen Befall an öffent­lichen Plätzen entdeckt? Informieren Sie die Gemeindeverwaltung, das Umwelt- oder Gesundheitsamt.


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