Rätselhafter Spermienschwund

Männer in reichen Ländern haben immer weniger Spermazellen. Es ist Zeit, den langjährigen Abwärtstrend ernst zu nehmen

von Dr. Achim G. Schneider, 28.08.2019

Das Ende der Menschheit könne drohen. Männer in Industrie­nationen bilden fast 60 Prozent weniger Spermien als vor knapp vier Jahrzehnten. So kommentierte Dr. Hagai Levine von der Hebräischen Universität Jerusalem (Israel) seine Analyse von 244 Studien mit fast 43000 gesunden Teilnehmern auf allen Kontinenten. Pro Jahr sinke die Anzahl der Spermien im Ejakulat um durchschnittlich 1,6 Prozent, so die Bilanz des Forschers.

"Diese Analyse ist sehr umfassend und gut gemacht. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Daten stimmen", beurteilt Professor Andreas Meinhardt vom Institut für Anatomie und Zell­biologie an der Universität Gießen die in der Fachzeitschrift Human Reproduction Update publizierten Ergeb­nisse. "Allerdings liegt die gemessene Spermienzahl noch weit über dem kritischen Wert."

Ein ernstes Problem?

Laut Weltgesundheits­organisation gelten mindestens 39 Mil­lionen Spermien im Ejakulat noch als normal. Die in der Studie ermittelte An­zahl liegt mit 138 Millionen rund 3,5 Mal so hoch (siehe untere Grafik).

Meinhardt sieht die Menschheit daher noch weit entfernt von einer sogenann­ten Spermienkrise. Entstanden ist die­ser Begriff bereits im Jahr 1992. Damals veröffentlichten Forscher der Universi­tät Kopenhagen (Dänemark) erstmals Belege für einen globalen Spermien­schwund.

Die Analyse aus Israel zeigt nun: Der Rückgang ist real. Und man muss ihn ernst nehmen, darin sind sich Experten einig. "Setzt sich der Trend fort, könnten wir tatsächlich irgendwann in eine Spermienkrise kommen", sagt Professor Artur Mayerhofer, der die männliche Fruchtbarkeit am Biomedizinischen Zentrum der Universität München erforscht. Die Gründe für diesen Schwund könne man nicht wirklich benennen. "Unser Kenntnisstand ist zu lückenhaft."

Experten verdächtigen Chemikalien

Viele Ursachen kommen dafür infrage. Zum Beispiel stehen bestimmte Chemikalien in Kunststoffen, Kosmetika und Pflanzenschutzmitteln im Verdacht, die Spermienbildung zu beeinträchtigen. Es handelt sich dabei um Substanzen, die die Effekte von Östrogenen – also von weiblichen Hormonen – imitieren.

Dazu zählen etwa Weichmacher in Plastik, sogenannte Phthalate. "Doch der Beweis, dass sie tatsächlich den Spermienschwund mitverursachen, steht noch aus", sagt Mayerhofer. Denn fast alle Erkenntnisse dazu kommen aus Laborversuchen – und die lassen sich nicht eins zu eins auf die menschliche Situation übertragen.

Weil in der Europäischen Union das sogenannte Vorsorgeprinzip gilt, genügt solch ein begründeter Verdacht allerdings. Dann kann ein möglicherweise gesundheitsschädlicher Stoff verboten oder sein Gebrauch eingeschränkt werden. Für einige Phthalate ist das auch geschehen.

"Bei Tausenden von Umweltsubstanzen fällt es extrem schwer, die ursächlichen Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu verstehen", erläutert Mayerhofer. Denn unzählige weitere Faktoren sollen die Fruchtbarkeit beeinflussen. Tabak, Drogen und Alkohol beispielsweise, aber auch Röntgenstrahlen, Übergewicht und zu hohe Temperaturen.

Keine sicheren Belege

Deshalb hören Männer mit Kinderwunsch nicht selten den Tipp, besser auf Saunagänge und heiße Bäder zu verzichten. Oder ihnen wird geraten, keine zu engen Slips und Hosen zu tragen. Meinhardt: "Doch es gibt keine Beweise dafür, dass einer der genannten Faktoren den allgemeinen Spermienschwund verursacht."

Auch für einen Zusammenhang mit Medikamenten gibt es derzeit keine eindeutigen wissenschaftlichen Belege – aber etliche Hinweise. Mayerhofers Team erforscht die Einflüsse von Entzündungshemmern.

"Wir konnten unter anderem zeigen, dass der Wirkstoff Ibuprofen bestimmte Zellen im Hoden darin beeinträchtigt, Spermien zu transportieren", sagt der Experte. Publiziert hat er diese Ergebnisse 2018 in der Fachzeitschrift Molecular and Cellular Endocrinology.

Fast zeitgleich zeigte ein dänisch-französischer Forscherverbund: Die vierwöchige Gabe von Ibuprofen stört bei jungen, gesunden Männern die Bildung von Testosteron. "Andere Wissenschaftler haben Hinweise gefunden, dass antientzündliche Medikamente mit Risiken für Ungeborene behaftet sind", so Mayerhofer. Dazu gehören sehr häufig verwendete Wirkstoffe wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure und Paracetamol.

Alter Schuld am Spermienschwund

Mayerhofer hält es für möglich, dass der Massengebrauch dieser Arzneien über längere Zeit zum allgemeinen Spermienschwund beigetragen haben könnte. Auch aus diesem Grund ist eine Beratung bei der Einnahme dieser oft freiverkäuflichen Präparate in der Apotheke sinnvoll.

Näher erforscht werden müsste auch der Einfluss des Alters. Zwar wurde Charlie Chaplin mit 73 nochmal Vater, Anthony Quinn sogar mit 81 Jahren. Doch generell verschlechtert sich die männliche Fruchtbarkeit mit den Jahren. Eine Studie von 2003 ergab: Junge Frauen brauchten mit einem 25-jährigen Partner im Schnitt vier Monate, um schwanger zu werden – mit einem 45-Jährigen hingegen dauerte es zwei Jahre. Auch die Chancen, mit künstlicher Befruchtung Erfolg zu haben, sinken mit dem Alter des Mannes – nicht nur mit dem der Frau.

Offenbar steigen mit dem väterlichen Alter zudem die Risiken für Mutter und Kind. Forscher publizierten dazu vor wenigen Monaten Belege im British Medical Journal. So kamen Babys von Vätern über 45 ein wenig öfter zu früh oder mit einem niedrigen Gewicht zur Welt. Und sie benötigten häufiger Atemunterstützung als von 25-Jährigen gezeugte Neugeborene.

Mayerhofer erklärt sich die Unterschiede damit, dass mit den Jahren Erbgutveränderungen in den spermienbildenden Zellen zunehmen können. Ein weiteres Studienergebnis findet jedoch selbst der Fruchtbarkeitsexperte rätselhaft: Frauen erleiden öfter Schwangerschaftsdiabetes, wenn ihr Partner älter ist als 45 Jahre.

Jeder Sechste ungewollt kinderlos

Die biologische Uhr tickt auch bei Männern. Für ihre Fruchtbarkeit spielt jedoch nicht nur die Anzahl ihrer Spermien eine Rolle. Zudem sollten mindestens 59 Prozent von diesen lebendig sein, mindestens 32 Prozent sich vorwärtsbewegen und wenigstens vier Prozent normal geformt sein.

All das hat die israelische Studienanalyse aber nicht berücksichtigt. Daher bleibt folgende wichtige Frage ungeklärt: Hat mit der Spermienzahl auch die Fruchtbarkeit abgenommen?

Fest steht jedenfalls: Rund sechs Millionen Männer und Frauen zwischen 25 und 59 Jahren sind allein in Deutschland ungewollt kinderlos, das ist rund jeder Sechste dieser Altersgruppe. Und wenn kein Nachwuchs kommt, liegt das ebenso häufig am Mann wie an der Frau. So hat eine große europäische Studie gezeigt: Je ungesünder ein Mann ist und lebt, desto schlechter der Zustand seiner Spermien.

Alarmierende Befunde

Dass es bei so vielen Paaren nicht klappt, hat unterschiedliche Ursachen. Eine ist sicherlich, dass sich der Kinderwunsch zeitlich immer weiter nach hinten verschoben hat. Statistisch gesehen werden Männer in Deutschland mit 34 Jahren erstmals Vater, Frauen sind bei der Geburt ihres ersten Kindes 30 Jahre alt. Zum Vergleich: Im Jahr 1980 brachten Frauen bei uns ihr erstes Baby im Schnitt mit 25 Jahren zur Welt.

Allerdings findet der globale Spermienschwund unabhängig vom Alter der untersuchten Männer statt. Umso wichtiger wäre es, die Einflüsse auf die Fruchtbarkeit stärker in den Blick zu nehmen.

"Wir halten das für ein vernachlässigtes Forschungsgebiet angesichts einer alarmierenden Situation überall auf der Welt", schrieben 22 internationale Experten im Oktober 2018. Ihre Besorgnis begründeten sie zudem damit, dass die Zahl der Spermien ab-, während die der Hodentumore und Missbildungen der Geschlechtsorgane zunehme.