Diabetes Ratgeber

Das Schicksal trifft jährlich etwa eine halbe Million Menschen in Deutschland: Sie erkranken neu an Krebs. Unter ihnen sind überdurchschnittlich viele Menschen mit Diabetes. „Krebs ist inzwischen die Haupttodesursache für Diabetes­patienten“, sagt Professor Hans Scherübl, Chefarzt am Vivantes Klinikum in Berlin. Warum ist das so? Und wie kann man Menschen mit Diabetes besser vor Krebs schützen? Um Antworten zu finden, hat der Internist die Arbeitsgemeinschaft „Diabetes & Krebs“ der Deutschen Diabetes Gesellschaft gegründet.

Etliche Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Diabetes und Krebs. Doch: „Das Krebsrisiko ist nicht generell erhöht, sondern bezieht sich auf bestimmte Krebstypen“, sagt Scherübl. Welche das sind, lesen Sie weiter unten. Eine Frage, die Forscher besonders interessiert: Warum führt Diabetes zu einem höheren Krebsrisiko?

Das Wichtigste in Kürze

Vorsorgeprogramme etwa zu Darm- oder Brustkrebs können Leben retten. Nutzen Sie diese Angebote! Eine gute Blutzuckereinstellung schützt auch vor Krebs. Bei Typ-2-Diabetes reichen häufig Bewegung und gesundes Essen mit viel Gemüse und Vollkorn, um die Blutzuckerwerte im Zielbereich zu halten. Sind die Werte trotzdem zu hoch, sollten Betroffene mit ihrem Arzt über geeignete medikamentöse Therapien sprechen.

„Die Gründe sind vielfältig und hängen auch von der Tumorart ab“, erklärt Scherübl. Es bestehen Hinweise, dass ein dauerhaft erhöhter Insulin- und Blutzuckerspiegel das Wachstum von Krebszellen fördern kann. Auch chronische Entzündungen, wie sie bei Menschen mit Diabetes häufig auftreten, können das Risiko erhöhen. Ein Ungleichgewicht der Geschlechtshormone Östrogen und Gestagen, das häufig mit Diabetes und Übergewicht in Verbindung steht, begünstigt etwa Tumorerkrankungen wie Gebärmutterkrebs.

Bis zu einem gewissen Grad können Menschen mit Diabetes gegensteuern, um ihr Krebsrisiko zu senken. Hier erfahren Sie, was Sie selbst dafür tun können.

Augenuntersuchung

Spätschäden

Häufige Bezeichnung für die Folgeerkrankungen eines Diabetes. Doch der Begriff führt in die Irre

Darmkrebs

Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 60.000 Menschen neu an Darmkrebs. Solche mit Typ-2-Diabetes sind häufiger betroffen als Personen mit gesundem Stoffwechsel, weil für Darmkrebs und Typ-2-Diabetes ähnliche Risikofaktoren bestehen. Darunter zu wenig Bewegung, Übergewicht und eine Ernährung mit wenig Ballaststoffen.

Das können Sie tun: Gesundes Essen mit viel Vollkorn und Gemüse sowie ausreichend Bewegung sind nicht nur gut bei Diabetes, sondern senken auch das Darmkrebsrisiko. Nutzen Sie unbedingt das Darmkrebs-Screening. Dazu gehört ein jährlicher Stuhltest ab 50. Männer können ab 50 auch eine Darmspiegelung machen lassen, Frauen ab 55 Jahren. Besteht in der Familie eine erbliche Belastung, wenn etwa ein Elternteil oder Geschwister Darmkrebs hatten, ist eine Vorsorge-Darmspiegelung schon früher möglich.

Mit einer Spaltlampe kann man die Diagnose Uveitis stellen

Folgeerkrankungen

Ein Diabetes bleibt auf Dauer oft nicht allein. Erhöhte Blutzuckerwerte können eine Vielzahl von weiteren Erkrankungen zur Folge haben. Ein Überblick

Brustkrebs

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Jedes Jahr erhalten 69.900 Frauen in Deutschland diese Diagnose neu. Frauen mit Typ-2-Diabetes haben dabei ein erhöhtes Risiko dafür. „Das liegt unter anderem an einer vermehrten Produktion von Geschlechtshormonen“, erklärt Frauenärztin Dr. Jekaterina Vasiljeva. Risikofaktoren für Brustkrebs sind zudem Übergewicht, viel Alkohol oder Rauchen. Sind nahe Verwandte betroffen, kann das Risiko erhöht sein, sofern es sich um eine genetische Variante handelt.

Das können Sie tun: Nutzen Sie alle Früherkennungen: regelmäßiges Selbstabtasten der Brust, die jährliche Tastuntersuchung bei der Frauenärztin ab 30 Jahren und das Mammographie-Screening zwischen 50 und 69 Jahren.

Blasenkrebs

Jährlich gibt es etwa 18.270 neue Fälle. Die Tumore können an verschiedenen Stellen der Blase auftreten. Je früher erkannt, desto besser lässt sich Blasenkrebs heilen.

Das können Sie tun: Es gibt keine spezifischen Maßnahmen zur Früherkennung. Der Hauptrisikofaktor ist Rauchen. Deshalb am besten ganz sein lassen! Weitere Faktoren sind chronische Blasenentzündungen, die Belastung mit bestimmten Chemikalien und Arzneimitteln.

Zum Thema:

Rauchen ist ein Risikofaktor bei der Darmkrebsentstehung

Rauchen

Nikotinkonsum zählt zu den gesundheitsschädlichsten Lastern überhaupt. Bei Diabetes ist Rauchen doppelt tückisch, weil es die Gefahr von Folgeerkrankungen erhöht

Leberkrebs

Leberkrebs ist selten und trifft mehr Männer als Frauen. Diabetes-Typ-2 gilt als Risikofaktor. Liegt zudem eine chronische Hepatitis-C-Virusinfektion vor, ist das Erkrankungsrisiko um das 100-Fache erhöht. Bei hohem Alkoholkonsum und Diabetes steigt das Risiko um das Zehnfache. Auch eine Leberzirrhose erhöht es.

Das können Sie tun: Bei den Vorsorge-Untersuchungen ab 35 Jahren ist auch ein Check auf Hepatitis-Bund-C-Infektionen enthalten. Für Patienten mit Leberzirrhose und Diabetes soll alle sechs Monate ein Ultraschall der Leber erfolgen. Vorbeugend ist Abnehmen wirksam. Übergewicht steigert das Risiko.

Bauchspeicheldrüsenkrebs

Bei diesem Krebs sind leider die Prognosen oft ungünstig. Der Tumor verursacht meist über lange Zeit keine Beschwerden und wird spät erkannt. Menschen mit Typ-2-Diabetes haben ein erhöhtes Risiko.

Das können Sie tun: Bislang gibt es keine standardisierte Früherkennung. Bei Bauchschmerzen, Gewichtsverlust oder andauernder Übelkeit gehen Sie bitte zum Arzt. „Übergewicht ist ein Hauptrisikofaktor für Bauchspeicheldrüsenkrebs“, sagt Dr. Susanne Weg-Remers. Ein gesundes Gewicht und Rauchverzicht können davor schützen.

Gebärmutterkrebs

„Frauen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für einige gynäkologische Krebsarten aufgrund des erhöhten Sexualhormonspiegels“, sagt Frauenärztin Dr. Jekaterina Vasiljeva. Gebärmutterkrebs ist die fünfhäufigste Krebserkrankung bei Frauen mit jährlich 10.860 Neuerkrankungen. Dieser Krebs geht meist mit guten Prognosen einher. Im frühen Stadium sind die Heilungschancen sehr gut. Allerdings ist bei Frauen mit Diabetes sowohl die Früherkennung als auch die Therapie schwieriger, was die Prognose im Durchschnitt etwas negativ beeinflusst.

Das können Sie tun: Bislang gibt es keine standardisierte Früherkennung. Ungewöhnliche (Schmier-)Blutungen aus der Scheide sollten Sie unbedingt sofort untersuchen lassen, auch nach den Wechseljahren. Ein Gewicht im Normalbereich und viel Bewegung tragen dazu bei, das Risiko für Gebärmutterkrebs zu senken.

Tipps für einen gesunden Lebensstil

Krebs kann jeden treffen. Wir können nicht alle Risiken ausschalten. Doch diese 5 Faktoren bieten die bestmögliche Vorsorge

1. Gesundes Körpergewicht

Übergewicht ist ein wichtiger Faktor für viele Krebserkrankungen, unter anderem vermutlich, weil das Fettgewebe verschiedene Hormone produziert, die das Wachstum von Krebszellen fördern könnten. „Je länger ein Mensch zu viele Pfunde mit sich herumträgt und je höher das Übergewicht ist, umso höher ist auch das Krebsrisiko“, erklärt Scherübl. „Jedes Kilo weniger wirkt sich positiv aus“, ergänzt Vasiljeva: „Selbst wenn es Ihnen nur gelingt, fünf Kilo abzunehmen, statt den gewünschten 30, profitiert der Körper und das Krebsrisiko sinkt.“

2. Aktiv im Alltag

Regelmäßige Bewegung wirkt sich positiv auf Gewicht und Blutzuckerspiegel aus und reduziert die Gefahr, an Krebs zu erkranken. Bewegung regt die körpereigenen Stoffwechselprozesse an, entzündliche Prozesse im Körper werden gemindert und weniger Sexualhormone produziert. „Wichtig ist, dass man regelmäßig aktiv ist“, rät Weg-Remers: „Auch Alltagsaktivitäten wie Treppensteigen, kleine Wege zu Fuß erledigen oder ein Spaziergang in der Mittagspause bringen viel Bewegung.“ Je aktiver Sie Ihren Alltag gestalten, desto besser.

Waage

Übergewicht

Übergewicht kann Krankheiten wie Typ-2-Diabetes oder Bluthochdruck begünstigen. Ob jemand übergewichtig ist, wird in der Regel mit Hilfe des Body-Mass-Index berechnet

3. Blutzucker in Balance

Ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel schädigt die Gefäße und führt zu Übergewicht. Hinzu kommt: „Chronisch erhöhte oder stark schwankende Zuckerwerte fördern das Wachstum von Tumorzellen und steigern so das Krebsrisiko“, sagt Scherübl. Leider lassen sich Blutzuckerschwankungen nicht immer vermeiden. Auch bestimmte Medikamente, Infekte oder Stress können den Blutzucker beeinflussen. Gesundes Essen mit Vollkornprodukten und viel Gemüse hilft dabei, den Blutzucker zu stabilisieren. Falls Ihre Werte trotz einer guten Ernährung häufig zu hoch sind, sprechen Sie mit Ihrem Arzt.

4. Tabakrauch meiden

Rauchen schädigt die Gefäße und erhöht das Krebsrisiko. Tabakrauch enthält viele gefährliche Substanzen, die das Erbgut verändern und Krebs auslösen können. „Am besten verzichtet man komplett auf das Rauchen. Entwöhnungsprogramme können dabei helfen“, rät Expertin Weg-Remers. Viele Krankenkassen übernehmen die Kosten für einen Kurs zur Rauchentwöhnung.

5. Weniger Alkohol trinken

Alkohol kann das Krebsrisiko deutlich erhöhen. Epidemiologische Studien zeigen, dass sieben Prozent aller Krebsfälle in Verbindung mit Alkoholkonsum stehen. Der Grund: Alkohol wird im Körper in Stoffe umgewandelt, die das Erbgut schädigen können. Ganz auf Alkohol zu verzichten, wäre natürlich das Beste, aber auch weniger trinken ist ein guter Anfang. Als Richtwert gilt: Männer sollten täglich maximal 20 Gramm reinen Alkohol trinken. Das entspricht einem viertel Liter Wein oder einem halben Liter Bier. Für Frauen gilt: maximal zehn Gramm, also ein achtel Liter Wein oder ein viertel Liter Bier.

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Warum Diabetes den Nieren schaden kann

Auch wenn Nierenschäden meist keine Schmerzen verursachen, die Folgen können schwerwiegend sein, wie Prof. Werner Riegel warnt. Er ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Nierenstiftung und erklärt, warum Menschen mit Diabetes ihre Nieren besonders im Blick behalten sollten

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