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Endlos TV: Was bewirkt Binge-Watching?

Das Streamen von Serien und stundenlanges Fernsehen gehen auf die Gehirnleistung. Experten erklären, warum es eine gesunde Balance braucht, und wann die Grenzen zur Sucht überschritten werden

von Bettina Rackow-Freitag, 14.08.2020
96 Prozent der über 50-jährigen Deutschen schauen sich Medieninhalte auf dem Fernsehgerät an. 95 Prozent der unter 29-jährigen bevorzugen für den Medienkonsum ihr Handy

96 Prozent der über 50-jährigen Deutschen schauen sich Medieninhalte auf dem Fernsehgerät an. 95 Prozent der unter 29-jährigen bevorzugen für den Medienkonsum ihr Handy


Ausgerechnet an der spannendsten Stelle kommt der Abspann. Wie es in der nächsten Folge weitergeht? Seit es Streaming-Plattformen gibt, muss man auf die Fortsetzung nicht mehr warten. Ein Klick – und die Handlung geht weiter.

Binge-Watching wird der Dauer-Konsum von Serien über Stunden hinweg genannt. Ein Grund, warum das Abschalten so schwerfällt, ist die Identifikation mit den Protagonisten. Man will unbedingt wissen, was die Figuren noch erleben werden.

Serien-Marathon und Gedächtnisschwund

Anfällig für diese Sogwirkung sind nicht nur junge Zuschauer. Gerade in der Gruppe der über 50-Jährigen steigt die Zahl der Streamingdienste- Abonnenten rasant – laut dem Marktforschungsunternehmen GfK allein im Jahr 2019 um 30 Prozent. In anderen ­Altersgruppen fiel die Steigerung ­­wesentlich niedriger aus.

Doch die Serien-Marathons gehen nicht spurlos an unserem Gedächtnis vorbei, glauben Wissenschaftler. So zeigt eine Studie der Universität von Mel­­bourne (Australien), dass sich diese Nutzer schon nach drei Monaten schlechter an den Inhalt der Serien ­erinnern konnten als jene, die sich jede Woche nur eine Folge ansahen. Grund: Die Details verschwammen im visuellen Schnelldurchlauf, an das bisher Geschehene muss sich schließlich niemand mehr aktiv erinnern.

Generell tut zu viel Fernsehen der Hirnleistung nicht gut. Eine Langzeitstudie britischer Forscher hat ergeben: TV-Konsum von mehr als 3,5 Stunden täglich führt zu signifikanten Defiziten beim Erinnern an gesprochene Informationen. Die MRT-Bilder des Gehirns von 50-jährigen Studienteilnehmern, die über Jahrzehnte im Schnitt mehr als vier Stunden pro Tag vor der Glotze saßen, zeigten, dass das Volumen des Frontalhirns und der grauen Substanz geschrumpft war.

Erwachsene verlieren Vorbildfunktion

Doch eine kollektive Fernsehdemenz droht nicht, beruhigt Professor Peter Berlit von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. "Nur das isolierte Wortgedächtnis ist betroffen." Auch einen Zusammenhang zwischen Alzheimer und Flimmerkiste gebe es nicht. Einzig: "Wer früher geistig besonders aktiv war und plötzlich durch hohen TV-Konsum in eine passive Rolle verfällt, nutzt sein kognitives Potenzial nicht mehr richtig."

Dr. Detlef Scholz ist sogar überzeugt, dass die Kommunikationsfähigkeit nachlässt: "Wir trainieren im sozialen Miteinander, Mimik und Gestik unseres Gegenübers zu interpretieren und darauf zu reagieren." Doch wer oft passiv vor dem Bildschirm sitzt, läuft Gefahr, dass die empathischen Fähigkeiten leiden. "Das Gehirn passt sich an neue Gewohnheiten an."

Scholz arbeitet im Kompetenzzentrum der Beratungsstelle für exzessive Mediennutzung und Medienabhängigkeit der Evangelischen Suchtkrankenhilfe in Schwerin und hat festgestellt, dass seine erwachsenen Klienten oft ihre Vorbildfunktion nicht erkennen. "Kinder orientieren sich daran, wie ihre Eltern die Freizeit oder das soziale Leben ­­gestalten."

Sinn jenseits des Fernsehbildschirms

Ab wann TV-Konsum als Sucht ­bezeichnet werden kann, ist unklar. Es gibt keine Richtlinien. Nur Online-Spielsucht wurde 2018 von der Weltgesundheitsorganisation als Krankheit anerkannt. Einiges lasse sich im Verhalten aber ableiten, glaubt Jürgen Eberle. Der Therapeut hat sich auf Computer- und Mediensucht spezialisiert und betreut in seiner Münchener Praxis oft Fami­lien.

Er warnt: Wenn für die Flimmerkiste der Beruf, Freundschaften, Hobbys und alltägliche Aufgaben vernachlässigt werden, dann sind die Grenzen zur Sucht überschritten. "Fernsehen an sich macht nicht krank, doch es braucht eine gesunde Balance."

In der Therapie zeigt Eberle Mediensüchtigen, wie sie Schritt für Schritt im Alltag wieder Fuß fassen und Freude an anderen Freizeitaktivitäten finden. "Das reale Leben muss als sinnstiftend empfunden werden."

Es kommt darauf an, was man schaut

Fernsehen pauschal verteufeln will niemand. "Es geht ja nicht nur um die Quantität, sondern auch um das, was man schaut", sagt Neurologe Berlit. Dokumentationen, Talkshows oder manche Magazine vermittelten Wissen. Und wer ab und zu einen Film in Originalsprache schaut, tut seinem Kopf noch mehr Gutes:

"Studien belegen, dass gerade bei Menschen ab dem 60. Lebensjahr das Lernen einer fremden Sprache hilft, die Gedächtnisleistung zu erhalten." Oder man macht es so wie Berlit und verbindet Fernsehschauen mit Fitness. Der Mediziner schaut seine Lieblingsserie auf dem Hometrainer: "So halte ich beim Sport auch länger durch."

Der Fachverband für Medienabhängigkeit führt eine Liste für Beratungsstellen, an die man sich wenden kann: www.fv-medienabhaengigkeit.de