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Hämodialyse oder Bauchfelldialyse?

Nierenversagen: Fallen die Entgiftungsorgane des Körpers aus, rettet Dialyse das Leben. Doch wann sollten Patienten damit starten?

von Dr. Reinhard Door, 23.01.2019
Bauchfelldialyse

Julian P. leidet an einer genetisch bedingten Nierenschwäche. Er hat sich für die Bauchfelldialyse entschieden, die er zu Hause durchführen kann. Dabei muss er lediglich die dafür verwendeten Flüssigkeitsbeutel regelmäßig wechseln, anstatt mehrmals die Woche an eine Maschine angeschlossen zu werden. So kann er seinen Alltag flexibler gestalten


Sie regeln den Mineralstoffhaushalt, helfen, den Blutdruck einzustellen, produzieren ein Hormon, das die Bildung roter Blutkörperchen ankurbelt. Vor allem aber sind die Nieren eine Art Klärwerk des Körpers. Sie holen zurück, was er braucht, und scheiden das Unnütze aus.

"All diese Funktionen lassen im Verlauf einer chronischen Nierenerkrankung nach", sagt Professor Andreas Kribben, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie. Entsprechend vielfältig sind die Krankheitssymptome. Sie reichen von Blutarmut über Herzrhythmusstörungen bis hin zu Vergiftungserscheinungen.

Meist sterben die Patienten an Herz-Kreislauf-Erkankungen, gefolgt von Infektionen, denn auch das Immunsystem leidet infolge schwacher Nieren.

Maschine als Lebensretter

Zumindest den Reinigungsjob der Organe kann seit den 1950er-Jahren eine Maschine übernehmen. Das Dialysegerät wird mitunter überlebenswichtig, solange keine Spenderniere zur Verfügung steht. Doch noch immer herrscht keine Klarheit darüber, wann Patienten mit der Dialyse am besten beginnen sollten. Dabei lässt sich die Leistungsfähigkeit der Nieren eigentlich gut feststellen.

Das Maß dafür ist die glomeruläre Filtrationsrate (GFR). Glomeruli sind Knäuel kleinster Gefäße, in denen das Blut gefiltert und der Harn gebildet wird. Jede Niere besitzt etwa eine Million davon.

Früher Beginn ist sinnlos

Gesunde Nieren junger Menschen filtern mindestens 90 Milliliter Blut pro Minute. Als Endstadium chronischer Nierenkrankheiten gilt eine GFR von weniger als 15. Gemessen wird das unter anderem anhand des Kreatinin-Gehalts des Bluts. Dieses Abbauprodukt eines Muskelproteins hat im Körper eigentlich nichts zu suchen, eine gesunde Niere scheidet es in den Harn ab.

Ist die GFR vermindert, schafft sie das nicht mehr gut. Umgekehrt verhält es sich mit dem Protein Albumin. Es sollte im Körper bleiben. Findet es sich vermehrt im Urin, deutet das ebenfalls auf einen Nierenschaden hin – und auf das Risiko für ein schnelleres Fortschreiten.

Rund 1500 Liter Blut fließen täglich durch die Nieren. 0,5 bis zwei Liter Flüssigkeit geben sie an die Blase weiter

Notwendigkeit der Dialyse

Doch an keinem der Werte lässt sich die Notwendigkeit der Dialyse sicher ablesen. Das zeigte im Jahr 2012 eine Studie, in der zwei GFR-Bereiche verglichen wurden. Eine Hälfte der Teilnehmer sollte die Blutwäsche bei einem Wert von 10 bis 14 beginnen, die andere Hälfte erst bei einem Wert von 5 bis 7. Ergebnis: Ein früher Start steigerte weder die Lebenszeit, noch senkte er die Häufigkeit von Komplikationen.

Allerdings startete die Mehrzahl der Studienteilnehmer nicht nach dem vorgegebenen Plan – sondern wenn die Symptome ihnen das nahelegten. An dieser Strategie orientiert sich auch Dr. Matthias Schaier, Oberarzt am Nierenzentrum Heidelberg: "Wesentliches Kriterium ist die Harnvergiftung mit Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Abneigung gegen Essen. Sehr oft gibt ein quälendes Hautjucken letztlich den Ausschlag."

Müdigkeit und Leistungstief

Die GFR ist dann häufig schon auf 6 oder 7 abgesunken, die Patienten sind zunehmend müde, die geistige Leistung lässt nach, der Blutdruck lässt sich nicht mehr gut einstellen. Es gebe aber auch Fälle, bei denen schon früher begonnen wird: vor allem bei schwerer Wassereinlagerung in Gewebe und Lunge sowie wennmsich der Kaliumspiegel nicht mehr beherrschen lässt.

Der GFR-Wert hat für Schaier dennoch eine wichtige Funktion: Sinkt er auf unter 30, ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Patienten intensiv von einem Nephrologen beraten werden sollten.

Diabetes und Bluthochdruck als Hauptursachen

Der Facharzt für Nierenerkrankungen kann über die verschiedenen Verfahren der Dialyse sowie über die Organtransplantation aufklären. Manche Patienten haben das Glück, sogar noch vor der Dialyse eine Spenderniere zu erhalten. Noch besser wäre es, wenn der Verlauf sich schon vorher bremsen ließe.

Die Hauptursachen für Nierenschwäche in den Industrieländern sind Diabetes und Bluthochdruck. Beide Leiden zerstören die feinen Blutgefäße des Organs. Blutzucker und Blutdruck sollten gut eingestellt sein, das Rauchen sollte aufgegeben werden. Je nach Symptomen empfehlen sich weitere Behandlungen.

Gut belegt ist der Nutzen von Medikamenten aus der Gruppe der ACE-Hemmer. Umgekehrt sollte man nierenschädliche Arzneien meiden. Dazu zählen etwa Schmerzmittel wie Ibuprofen und Diclofenac sowie manche Antibiotika.

Dr. Matthias Schaier

Welches Verfahren wählen?

Allerdings lässt sich selbst bei bester Therapie der Zeitpunkt bis zum Nierenversagen häufig nur hinauszögern. "Wer sich dann zur Dialyse entschließt, sollte das nicht als Niederlage betrachten", betont Nephrologe Andreas Kribben. "Viele Patienten berichten uns, dass sie durch die Behandlung wieder leistungsfähig sind und sich besser fühlen."

Doch welches Dialyseverfahren sollte man wählen? Zur Wahl steht zum einen die Hämodialyse, bei der das Blut in einer Maschine gereinigt wird. Dafür kommen die Patienten im allgemeinen dreimal pro Woche für vier bis fünf Stunden in ein Zentrum. Eine Alternative ist die Peritonealdialyse, bei der das körpereigene Bauchfell als Filter dient. Die Flüssigkeitsbeutel müssen mehrmals täglich gewechselt werden und ermöglichen eine Blutwäsche rund um die Uhr.

Wechsel zum eigenen Vorteil

Medizinisch gesehen ist die Peritonealdialyse in den ersten Jahren effektiver. Doch nach etwa fünf Jahren wird sie von der Hämodialyse überholt. Dann vernarbt das Bauchfell zunehmend und kann seine Filterfunktion immer schlechter wahrnehmen. Wer also stets das jeweils beste Verfahren will, muss bereit sein, nach einer gewissen Zeit zu wechseln.

Allerdings wählen nur etwa fünf Prozent der aktuell schätzungsweise 85 000 Dialyse-Patienten in Deutschland überhaupt die Peritonealdialyse. Dabei bietet sie viele Vorteile: Sie lässt sich besser in den Alltag integrieren, auch muss nicht so streng auf die Ernährung geachtet werden.

Dialyseverfahren

Beide lassen sich in einem Zentrum oder zu Hause vornehmen. Die Hämodialyse führen nur etwa 500 Patienten in Deutschland zu Hause durch. Die Anwendung setzt eine intensive Schulung und genügend Platz in der Wohnung voraus.

Die Peritonealdialyse machen viele Patienten selbstständig, nur alle fünf bis sechs Wochen sehen sie einen Arzt. Vor allem ältere Patienten schätzen allerdings an den Zentren, dass sie ständig überwacht sind und dass die Termine eine Abwechslung bieten.

Allerdings stellt sie gewisse Hygiene-Anforderungen. Und mancher Patient fühlt sich mit der Prozedur ohne Hilfe überfordert. Schlechter eignet sich das Verfahren auch, wenn das Bauchfell aufgrund von Operationen vernarbt ist oder wenn der Patient an einer chronischen Darmentzündung leidet.

Oft Begleiter bis zum Tod

Manchmal ist die Dialyse nur vorübergehend nötig. Etwa, wenn die Nieren wegen einer Entzündung schwächelten und sich wieder erholen. Für die meisten Patienten bleibt die Blutwäsche jedoch ein Begleiter bis ans Lebensende. Es sei denn, sie zählen zu den wenigen auf der Warteliste, für die ein passendes Ersatzorgan verfügbar wird. Momentan warten viele Betroffene mehr als zehn Jahre auf eine Transplantation.